Wie gut tut uns der Druck, mit dem wir uns erdrückend nachdrucksvoll für den Eindruck beladen? – KLUB DIALOG

Wie gut tut uns der Druck, mit dem wir uns erdrückend nachdrucksvoll für den Eindruck beladen?

Eine Gedankenreise & zartes Anekdoten-Repertoire

Es ist so eine Sache mit dem Druck. Tut er uns am Ende gut oder eher nicht? Die Wahrheit liegt wohl dazwischen: Manche Menschen laufen auf Hochtouren, wenn sie etwas Druck im Nacken verspüren während bei anderen dann gar nichts mehr läuft. Eventuell denken die auf Hochtouren-Laufenden aber auch nur, dass sie unter Druck auf Hochtouren laufen und wissen gar nicht, wie es ist oder wäre, ohne den Druck zu arbeiten. Ohne den Druck im Nacken zu leben. Das Leben ohne Druck leben.

Der Druck, von dem hier die Rede ist, taucht schon lange nicht mehr ausschließlich in unserem Arbeitsleben auf, obgleich der Druck in der Job-Welt ebenfalls steigt. Auch in unserem Privatleben – und dieses ist oft noch nicht mal klar vom Berufsleben abgegrenzt – sind wir damit beschäftigt, dem Druck standzuhalten. Termine organisieren, planen, hetzen. Produktiv und effizient – immer am Ball. Besser – auf mehreren Bällen gleichzeitig. Vergleichen und mithalten. Viel zu viel einsaugen und am Ende nur halb genießen. Zu viele Informationen in sich einströmen lassen, ohne wahrhaftig viel davon zu verinnerlichen. Entspannte Momente unentspannt mit Gedanken und Sorgen „zerdenken“ – als ob wir nicht (mehr) in der Lage sind, ohne den Druck im Nacken zu funktionieren.

 

Auf die Tube drücken

Foto: Maria Wokurka

Funktionieren – da fängt das Dilemma schon an. Wir müssen nicht immer funktionieren. Aber wie stehen wir dann da? Vor wem oder vor was auch immer wir dann dastehen, denn so genau wissen wir das ja manchmal auch nicht, wollen wir aber nicht so – ja, wie denn eigentlich – dastehen. Also lieber ordentlich auf die Tube drücken, was so viel wie „Gas geben“ bedeutet (engl.: ,tube‘ als Kurzform von ,choke tube‘ = ein Teil des Vergasers; Vergaserdüse). Bisschen beeilen, ins oder aufs Pedal drücken, schneller geht immer. Höher und weiter sowieso. Ganz eigenständig, oftmals ganz bewusst, laden wir uns Druck auf und sagen gleichzeitig nicht Nein zu dem Druck, der uns, teils fast ohne es zu bemerken, aufgelastet wird. Wir drücken auf die Tube, weil wir uns sonst vor etwas drücken würden. Nein, weil wir so aussehen oder dastehen könnten, als ob wir uns vor etwas drücken.

Diese Redewendung stammt laut dem Wissensportal wissen.de aus dem Jahr 1494: In der spätmittelalterlichen Moralsatire Das Narrenschiff von dem deutschen Satiriker S. Brant heißt es unter den Buchdruckern zweideutig „sie dunt in selber schad und schand / mancher der drückt sich uß dem Land.“ Ganz klar: Keiner möchte ein Drückeberger sein. Laut Duden ist das jemand, der sich einer als unangenehm empfundenen Verpflichtung aus Feigheit, Bequemlichkeit o. Ä. entzieht. Aber: Wir werden durch den Druck zu Drückebergern. Wir halten dem Druck nicht mehr stand, was wir aber natürlich nicht zugeben können, wollen, dürfen. Stattdessen drucksen wir mit uns selbst und den anderen herum. Drucksen, das im Sinne von „Worte herausdrücken“ gemeint sein soll (nähere Infos: https://www.wissen.de/wortherkunft/drucksen), fühlt sich angenehmer an als ehrliche Konfrontation.

Drückeberger sind wir alle mal

Ehrlichkeit in all ihren Facetten ist unbequem. Z. B. wenn wir zugeben müssen, dass wir uns mit dem Druck überladen haben, weil wir mal wieder zu viel aufs Auge gedrückt bekommen haben. Bevor sich Ärzte und Krankenhäuser flächendeckend verteilten, haben sich Menschen angeblich viel aufs Auge gelegt, um Augenkrankheiten zu lindern. Viele Hausmittel halfen damals nicht wirklich und es heißt, Betroffenen wurden sogar Pferdeäpfel als Heilmittel auf die Augen gedrückt. Da dies nicht besonders angenehm gewesen sein dürfte, sprechen wir heute im Zusammenhang mit „jemandem etwas aufs Auge drücken“ von Aufgaben sowie Tätigkeiten, die man eigentlich nicht übernehmen will oder bei deren Entscheidung man scheinbar keine Wahl hat. Wir können uns allerdings auch eigenständig zu viel aufs Auge drücken.

Foto: Maria Wokurka

Zu viel oder genau richtig?

Foto: Maria Wokurka

Ob aufgedrückt bekommen oder sich selbst aufdrücken, irgendwann geht es halt nicht mehr weiter. Hier entscheiden wir uns für A) den Druck möglichst hitzköpfig und impulsiv ablassen, B) Lügen wie gedruckt oder C) beides. Der Ausdruck „Lügen wie gedruckt“ stammt vermutlich aus dem 15. Jahrhundert nachdem J. Gutenberg um 1450 den Buchdruck erfand. Informationen wurden zuvor überwiegend via Mundpropaganda verbreitet. Dies hatte den entscheidenden Vorteil, dass Lügner aufgrund ihrer Körpersprache gut enttarnt werden konnten. Mit dem aufkommenden Buchdruck wurden Informationen schneller verbreitet, aber – genau wie heute – bot der Buchdruck auch damals die Möglichkeit für Informationsmissbrauch und Propaganda.

Warum ist die Ehrlichkeit so unbequem, wenn wir damit nicht lügen und/oder weniger explodieren müssen? Weil wir selten vor dem Punkt stoppen, an dem uns alles zu viel wird und uns dann die Energie, der Antrieb, für die Ehrlichkeit fehlt. Darüber hinaus, weil zur Ehrlichkeit mit anderen auch die Ehrlichkeit mit uns selbst gehört. Dem Druck die Stirn bieten statt Nachdruck zu verleihen. Nachdruck! Was soll das sein. Als ob Druck als solches nicht genügend drückt. Ohne Nachdruck nicht genügend Eindruck. Oder wie.

Wäre es nicht möglich, dass wir ohne den übermäßigen Druck im Nacken womöglich mehr Zeit und Energie für die Ehrlichkeit hätten? Wir würden sie als weniger anstrengend empfinden. Vielleicht würden die Überkoch-Momente und das sich anknüpfende Erschöpfungsdasein seltener – oder gar nimmer – geschehen. Wir wären weniger bedrückt. Würden uns auch weniger erdrückt und wahrscheinlich freier fühlen. Wie stark der Druck im Nacken sitzt, ist am Ende wahrscheinlich auch eine subjektive Wahrnehmung. Es gibt Typen, die viel auf die Tube drücken und sich dabei ungestresst fühlen. Womöglich gibt es so etwas wie den „gesunden“ Druck im Nacken. Um zu ergründen, welcher Druck uns selbst im Nacken sitzt, wie wir ihn empfinden und inwiefern wir mit ihm leben wollen, müssen wir ehrlich mit uns sein. Druck rausnehmen und rausfinden. Daumen gedrückt.

Die Autorin

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