Wenn der Abstand gleich Null ist – KLUB DIALOG

Wenn der Abstand gleich Null ist

von  Anja Rose

Kommt »drucksen« eigentlich von »drucken«? Ich guck da jetzt nicht nach, denn was immer die Etymologie behauptet – ich bin sicher, das »s« ist quasi der Laut gewordene Druckausgleich in Form eines Hicksers, also wenn die Luft zum Beispiel in Deadline-Nähe so unangenehm dünn wird. Dann steigt der Puls und mit ihm der innere Druck und wenn mich dann einer fragt »Wie sieht‘s aus, biste fertig?«, dann wird aus dem Druck ein Drucksen, ein zusätzliches „s« also und das wegen der Notwendigkeit des Ausgleichs, in dem Fall zwischen Erwartung und aktuellem Arbeitsstand.

Sachlich betrachtet ist drucken ja nichts anderes als die absolute Aufhebung von Abstand. Kartoffeldruck beispielsweise. Da ist ganz wichtig, dass der Abstand zwischen Kartoffeloberfläche und Papier gleich Null ist. Klar, sonst bleibt die Farbe auf der Kartoffel und das mühsam Hineingeschnitzte ohne Vervielfältigung. Das lässt sich jetzt auf beliebige Situationen im Leben übertragen. Print-Produkte zum Beispiel – liegt grad so schön nahe – sind wunderbar unmittelbar. Die liegen einladend auf dem Küchentisch herum, lassen sich griffbereit in Aktentaschen durch die Gegend tragen und wenn was Wichtiges drin steht, nimmt man einfach einen leuchtend gelben Stift in die Hand und markiert die Stelle. Grün geht natürlich auch.

Sprechen wir an dieser Stelle schnell noch über das Historische: Die Geschichte des Drucks ist ja eine sehr lange, der Startpunkt lässt sich wahlweise im 4. Jahrtausend v. Chr. setzen (ägyptische Roll- und Stempelsiegel), mit den chinesischen Blockbüchern im 8. Jahrhundert n. Chr. beginnen oder als Gutenbergs Erfindung der Buchpresse 1440 erzählen. Heute haben die Druckverfahren die Zweidimensionalität längst gesprengt, 3D-Drucker produzieren Tragflächenteile für den Flugzeugbau ebenso wie Leckeres aus der Molekularküche.

So. Zurück zum Abstand. Druck entsteht auch, wenn uns etwas wichtig ist. Also sehr nahe geht. Um den uns berührenden Gedanken nach außen zu tragen, müssen wir ihn ausdrücken – je nach Ausdrucksform kann das laut oder leise sein, gerne sachlich, emotional bitte unbedingt wo’s passt, zwischen Buchdeckeln, auf Plakaten, im Blog oder den Sozialen Medien. Womit wir wie von selbst bei der Reklame angekommen sind, die so mancher von uns in Form von aufgedruckten Logos auf der Brust, an den Turnschuhen oder am Schlüsselbund mit sich rumträgt. Selbstverständlich geht es hierbei nicht um plumpe Kundenwerbung, sondern um eine Kennzeichnung, vermutlich um unsere Positionierung innerhalb einer gewünschten Peergroup. »Ins-Gedächtnis-rufen« bedeutet das französische Verb »réclamer« ja ursprünglich und das transportiert eigentlich ganz gut, was wir uns wünschen: Dazugehörigkeit. Denn auch wenn die Moral der sozialen Gruppe, die ungeschriebenen Regeln und stillen Hierarchien uns manchmal ganz schon unter Druck setzen, der reine Individualismus wird tatsächlich nur von sehr wenigen gelebt. Als Rudeltier, was wir Menschen sind, brauchen wir Nähe. Ein Bedürfnis, das der eine oder die andere von uns gerne mal wegdrückt, wie unliebsame Anrufe oder lästige E-Mails. Auf Nachfrage lügen wir dann wie gedruckt, schreiben distanzierte WhatsApp-Nachrichten, drucksen rum, wenn sich die Begegnung nicht vermeiden lässt, und behaupten so manches. Purer Stress.
Gut, wenn wir in solchen Situationen jemanden zur Seite haben, wo wir Dampf ablassen können. Der Druck entweicht, wir sinken wohlig entspannt in die Kissen und werden liebevoll gedrückt. Puhhh …

P.S.: Ich hab übrigens doch noch nachgelesen: Herkunft »drucksen« = »drucken, drücken«. Sag ich doch. Hicks!

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