Wenn Drucken Eindruck hinterlässt – KLUB DIALOG

Wenn Drucken Eindruck hinterlässt

Ein Besuch in der Steintor-Presse

Stabil und fest fühlt sich das Papier an, dennoch luftig und leicht. Die Oberfläche ist angenehm rau oder weich und glatt, die Schrift in das Papier geprägt. Mit den Fingerspitzen kann man die Worte erfühlen, ihre Farbe leuchtet einem entgegen. Diesen Eindruck kann keine Massenware erzeugen, nur Liebe zu Details und zum Handwerk.  

Die hochmodernen Druckmaschinen surren und Heide Rüdiger tritt hinüber in den nächsten Raum. Es ist ein Schritt etwa 100 Jahre in die Vergangenheit. Druckhandwerk wie es früher war, bevor die Computer alles digital und schnell werden ließen. Hier stehen die alten Schätze der Rüdigers. „Vom Digitalen ins Analoge“, sagt Heide Rüdiger. Alte Druck-, Stanz- und Prägemaschinen stehen in dem lichtdurchfluteten Raum verteilt.

Als die Rüdigers mit ihrem Medienunternehmen in das alte Haus in zweiter Reihe des Viertels gezogen sind, hatten sie einen Raum frei und somit Platz für die alten Maschinen, die sie nach und nach erstanden oder angedient bekamen. Wie von selbst entwickelte sich diese Sammlung. Mit Steintor-Presse und Medienhaven verbinden die Rüdigers nun alt und neu.

„Das ist eine Asburn, die gibt es nur noch fünfmal in Europe“, erklärt Heide Rüdiger und zeigt auf die lange Andruckpresse, die in den 1960er-Jahren gefertigt wurde. Bei der Asburn wird per Handkurbel der Druck über die Druckform bewegt. Andruckpressen werden für kleine Auflagen verwendet, zum Beispiel im Zeitungsdruck, um die Korrekturfahnen zu drucken.

 

Foto: Solveig Rixmann

„Das ist kein Museum, das ist eine Werkstatt“, betont sie. Die Begeisterung für das Handwerk ist ihr anzumerken. Heide Rüdiger berichtet von den Möglichkeiten, die die einzelnen Maschinen bieten: Hoch- und Tiefprägungen mit und ohne Farbe, Perforierungen, Stanzen oder dickes Spezialpapier verwenden zu können. Sie zeigt Visitenkarten mit beeindruckender Haptik und leuchtendem Rand, Save-the-Date-Karten, die zu Bierdeckeln werden, und Schachteln aller Form, Farbe und Größe.

 

Die älteste Maschine der Sammlung ist der Victoria-Gally-Tiegel aus dem Jahr 1890. In Bewegung wird die Druckmaschine mit einem Schwungrad gebracht, das mit dem Fuß angetrieben wird. Eine anstrengende Arbeit. Doch der Vorteil dieser Maschine: Der Presskörper mit der Druckform und der Gegendruckkörper stehen kurz vor dem Druckpunkt parallel zueinander. Die Druckmaschine sei unheimlich genau, sagt Heide Rüdiger. Mit der Druckmaschine könne auch sehr dickes Papier und Karton bedruckt werden. Etwas, das modernen Maschinen einfach zu dick wäre.

In den zahlreichen Schubladen der Schränke sind ordentlich die Setzkästen mit den alphabetisch geordneten Lettern unterschiedlicher Schriften einsortiert. Im Regal reihen sich die Stanzen aneinander. Auf dem Regalbrett darunter warten die Farben, dass sie wieder verwendet werden.

 

Wird heutzutage industriell im Vierfarbdruck gearbeitet, so wird bei den alten Maschinen für jede Farbe eine Druckplatte angefertigt. Die Farben werden auch nicht aus Magenta, Cyan, Gelb und Schwarz zusammengesetzt, sondern mit Volltonfarbe gedruckt. Jede Farbe muss in einem eigenen Durchgang mit eigener Druckform aufgebracht werden.

 

Foto: Solveig Rixmann
Fotos: Solveig Rixmann

In der hinteren Ecke des Raumes steht der Original Heidelberger Tiegel aus den 1960er-Jahren. „Die wird elektrisch betrieben“, erklärt Heide Rüdiger. Die legendäre schwarze Druckmaschine wirkt riesig und hätte, wie Heide Rüdiger erzählt, bei der Anlieferung fast nicht durch die Tür gepasst. Beinahe schon unscheinbar wirken im Gegensatz dazu der Hand-Tiegel – eine handbetriebene Druckmaschine für den kleinformatigen Druck – und die Heißfolienprägemaschine aus den 1960er-Jahren.

Heide Rüdiger hat Schriftsetzerin gelernt, ihr Mann Peer Buch- und Offsetdrucker. Bevor sie die Steintor-Presse eröffneten, haben sie 30 Jahre voll digital gearbeitet. Sie kennen das alte Handwerk, haben den Wandel miterlebt und wissen auch um die Vorzüge des Digitalen. Die Auflagenzahl, die Rüdigers mit diesen alten Sammlerstücken ihrer Werkstatt drucken können, mag klein wirken im Gegensatz zu dem, was Industriemaschinen schaffen. Doch Rüdigers bieten Individualität. So können sie in kleinen Mengen Besonderheiten herstellen.

Die Autorin

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