BACK TO THE ROOTS? – KLUB DIALOG

BACK TO THE ROOTS?

Wenn Kosmetikpartikel abtauchen

Überfluss. Wir leben in einer Gesellschaft, der es gut geht, in einer Wohlstandsgesellschaft. Der Überfluss ist gekoppelt an Massen- bis Überproduktion sowie an unseren Anspruch hinsichtlich unserer Bedürfnisse. Oder das, was wir als Bedürfnis empfinden. Ob Nahrungsmittel, Viehzucht oder Klamotten – die Masse ist überall. Vor allem für unser Aussehen und unsere Pflege gönnen wir uns gern etwas. Wir neigen dazu, viele der angebotenen Mittelchen, Cremes und Co. als notwendig zu empfinden. Konsumentenverhalten ist natürlich auch eine Frage des Typs und eventueller Prinzipien: Vom süchtigen Rossmann-Shopper, der gerne alles hat, über den Ich-nehm-nicht-alles-aber-teuer-Käufer bis hin zu den Konsumenten, die nur Wasser und Seife an ihre Haut lassen.

Foto: Curology

Die Wasser-Seife-Methode funktioniert nicht für jeden, ob schlichtweg aus dermatologischen Gründen oder ästhetisch-kosmetischer Überzeugung. Kleopatra hätte bei einem Bad in Milch und Honig über die simple Formel wohl auch das Näschen verzogen. Aber die schöne Götting wusste auch, was „drin“ ist, in ihren Schönheitsformeln. Heutzutage können wir Stunden mit den Inhaltsstoffen eines einzigen Produkts zubringen. Schließlich weiß man anhand der Zutaten meist noch lange nicht, was diese bedeuten. Zunehmend mehr Konsumenten wollen verstehen, was in ihren Tuben und Flaschen steckt. Auf Plastik alias Schleifpartikel in Zahnpasta und Peeling sowie Zutaten wie beispielsweise Palmöl wollen inzwischen viele verzichten. Nicht zuletzt aufgrund der Schäden, die viele Kosmetika für die Umwelt bedeuten. Die Regeln auf der Gesetzesebene gegenüber Herstellern von Kosmetika sind nicht sehr streng.

Kerstin Effers ist promivierte Chemikerin und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachbereich Umwelt und Gesundheitsschutz bei der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen: „Insgesamt werden in Kosmetik mehr als 20.000 Substanzen eingesetzt. Darunter gibt es auch Inhaltsstoffe, die für Umwelt oder Gesundheit bedenklich sind. Mineralöle wie Paraffin sind ein Beispiel dafür, u. a., weil vermutlich krebserregende MOAH (Mineral Oil Aromatic Hydrocarbon) enthalten sein können. Auch halogenorganische Verbindungen wie Organofluorverbindungen oder Triclosan, das immer noch in Zahnpasta verwendet wird, sind für Gesundheit und Umwelt oft ein Problem.“ Stoffe, die als krebserregend, fruchtschädigend oder erbgutverändernd eingestuft werden, seien laut EU-Kosmetikverordnung in Kosmetik verboten, erklärt Effers. So ist es um unsere Gesundheit besser bestellt als um die Umwelt. „Die EU-Kosmetikverordnung stellt keine Anforderungen an die biologische Abbaubarkeit von Kosmetikinhaltsstoffen“, fügt Effers hinzu.

Mikroplastik, Nanoplastik und Nanopartikel

Plastik ist nicht gleich Plastik und meist wird im Zusammenhang mit Kosmetik von Mikroplastik oder Nanopartikeln gesprochen. Anke Kapels, Journalistin und Redakteurin bei Stiftung Warentest für den Bereich Ernährung, Kosmetik und Gesundheit, erklärt die kleinen, jedoch feinen Unterschiede: „Als Mikroplastik bezeichnen wir, die Stiftung Warentest, Kunststoffpartikel von 0,1 Mikrometer bis 5 Millimeter Größe – das ist ebenfalls die Definition der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa). Die noch kleineren Partikel heißen Nanoplastik – nicht zu verwechseln mit Nanopartikeln. So werden allgemein Partikel mit einer Größe von einem bis hundert Nanometer genannt.“ Die Nanopartikel seien etwas größer als Atome und etwas kleiner als Bakterien erläutert Kapels: „Sie kommen in der Natur vor. Zum Beispiel in Pflanzen – Pollen etwa gibt es in Nanogröße. Auch in Ruß befinden sich Nanoteilchen. Die Nanotechnologie wird zum Beispiel für Imprägniersprays benutzt.“

Speziell bei Sonnenschutzmitteln wird zwischen organischen (UV-Strahlen werden absorbiert und beispielsweise in Wärme umgewandelt) und anorganischen Filtern (wirken als Barriere auf der Haut) unterschieden. Die organischen Filter werden nicht selten als chemische Filter bezeichnet, aber hinsichtlich dieser Bezeichnung sind sich Wissenschaftler und Experten nicht einig. In einem Interview mit dem TAGESSPIEGEL erklärt Gisela Degen, Professorin für Toxikologie, dass die Möglichkeit, organische Filter über die Haut aufzunehmen, schon länger bekannt sei. Das liege an den gelösten Filterpartikeln, die von der Hautoberfläche in tiefere Hautschichten gelangen können. Laut Degen ist die Aufnahme der Filterstoffe in den Blutkreislauf nur sehr gering und diese würden später von den Nieren gefiltert und mit dem Urin ausgeschieden. Die zentrale Frage dieser Diskussion ist, inwiefern und ob die Stoffe den Hormonhaushalt durcheinanderbringen.

 

Foto: Pawel Czerwinski

Die Forschung und Expertenmeinungen zu der Thematik, inwieweit sich Mikro- und Nanoplastik schädlich auf den menschlichen Körper auswirken, sind umstritten. Die European Consumer Organisation (BEUC) beanstandet, dass Verbraucher fast ständig Stoffen, die das Hormonsystem stören (EDCs = endocrine-disrupting chemicals), ausgesetzt sind: Durch das, was wir essen – in erster Linie durch die Verpackung – und durch die Produkte, die wir benutzen. Die Europäische Chemikalienagentur (ECHA, European Chemical Agency) ist eine Behörde innerhalb der EU. Seit der Verordnung (EG) Nr. 1907/2006 (REACH) von 2006 „arbeitet ECHA gemeinsam mit seinen Partnern daran, die sichere Verwendung von chemischen Stoffen zu gewährleisten“. Darüber hinaus: „Die ECHA ist bestrebt, als Wissenszentrum für den nachhaltigen Umgang mit chemischen Stoffen zum Nutzen der Bürger und der Umwelt ein breites Spektrum von politischen Strategien und globalen Initiativen der EU abzudecken.“

Die eine Antwort auf alle Fragen gibt es nicht

Jedoch, so scheint es zumindest, sind die Vorgaben hinsichtlich Inhaltsstoffen und dem Label für Kosmetikhersteller und ähnliche aus der Branche, nach wie vor relativ offen gestaltet. Gerüchten zufolge seien Plastikteilchen innerhalb Kosmetika mittlerweile verboten, bei näherem Hinsehen wird aber deutlich, dass beispielsweise in Deutschland ein solches Verbot lediglich in Endlosschleife vom BUND, der Deutschen Umwelthilfe und den Grünen gefordert, bzw. erwünscht wird. Anke Kapels weiß, dass kein offizielles Verbot besteht: „Seit Juli 2013 muss auf der Inhaltsstoffliste ‚nano‘ stehen, wenn Nanopartikel in dem Produkt enthalten sind. Seit 2014 gilt diese Kennzeichnungspflicht auch für Lebensmittel. In Sonnenschutzmitteln sind manchmal zu Nanopartikeln vermahlene UV-Filter enthalten, etwa Titan- und Zinkoxid.“ Ohne die feine Vermahlung legen sich die Partikel schnell als weißer Film auf der Haut ab. Eine einfache Antwort auf die Frage, was können wir benutzen, damit sich unsere Haut und auch die Umwelt freuen, gibt es nicht. Pauschal könne man das nicht sagen, erklärt Kapels: „Zertifizierte Naturkosmetik kann für Umwelt und Mensch besser sein. Aber nicht alle Produkte, die sich naturnah geben, sind tatsächlich nachhaltig. Orientierung bieten Siegel für zertifizierte Naturkosmetik. Auch Verpackungsmüll ist ein Faktor. Worauf sollte man klar ‚verzichten‘? Auch bei kritischen Stoffen hängt das immer von der Menge, bzw. dem Gehalt ab. Es gibt Richtlinien, Grenzwerte, Höchstgrenzen – und die sind für jeden Stoff verschieden.“

Ähnlich verhält es sich beispielsweise auch mit der Wirkung von organischen Filtern, die den Hormonhaushalt durcheinanderbringen können. Wissenschaftler prüfen diese Aktivität u. a. in Studien mit Zellkulturen. Degen sagt im TAGESSPIEGEL, „dass so gemessen werden kann, ob sich die Zellen unter diesen Umständen schneller teilen.“ Die schnellere Teilung sei zwar bei manchen organischen Filtern der Fall gewesen, das beweise aber längst keine hormonartige Wirkung beim Menschen. Nicht alles, was wir uns auf die Haut schmieren, erreicht den Organismus und selbst wenn, läge der Anteil vieler organischer Filter bei unter einem Prozent, so Degen.

Die Verbraucherzentrale versucht in Bezug auf Gesundheit und Umweltschutz Vorsorge zu leisten: „Bevor eine Substanz verwendet werden darf, muss erwiesen sein, dass sie keine Gesundheits- oder Umweltschäden verursacht. Verbraucher und Verbraucherinnen müssen erkennen und verstehen können, welche Risiken mit einem Produkt verbunden sind, um eine mündige Kaufentscheidung treffen zu können.“ Die Deklaration der Inhaltsstoffe reiche nicht aus, sei aber ein erster Schritt in die Richtung von mehr Transparenz. Effers sieht einen simplen Weg für Alle, die sichergehen wollen: „Wer zur Körperpflege ausschließlich Substanzen verwendet, die man im Prinzip auch essen könnte, schadet weder der Umwelt noch seiner Gesundheit, beispielsweise in Form von pflanzlichen Ölen, Apfelessig oder Honig.“

Und eine alte Weisheit, aber dennoch erwähnenswert, verrät uns Effers ebenfalls: „Weniger ist bei der Hautpflege oft mehr: Wer ausgiebig entfettende Tenside benutzt, muss sich nicht wundern, wenn die Haut anschließend trocken ist, spannt und dann das Bedürfnis nach einer Bodylotion entsteht.“ High Five von Kleopatra und ein Hoch auf die Wasser-und-Seife-Verschwörer. Back to the roots – too much? Weniger ist mehr.

 

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