Die Vermessung der Meere – KLUB DIALOG

Die Vermessung der Meere

Das Start-up PlanBlue will mit intelligenter Software und Unterwasserkamera Schäden am Meeresboden aufzeigen und Politik und Industrie zum Handeln bringen

Es erscheint so selbstverständlich. Bilder von nahezu jedem Quadratmeter der Erdoberfläche lassen sich per Browser aufrufen. Aber die Meeresböden? Da sind wir blank. Nur von 5 Prozent der Ozeanböden kennen wir die Beschaffenheit. Das Bremer Start-up PlanBlue will das ändern und hat eine innovative Technologie entwickelt. Damit lassen sich die Meeresböden scannen und auf diese Weise verdeutlichen, was auf dem Grund versteckt liegt.

Hannah Brocke, Co-Founderin und COO von Planblue. Foto: Planblue

Hannah Brocke merkt man die Faszination für die Unterwasserwelt an – und das Unbehagen darüber, wie der Mensch dem Ökosystem zusetzt. Vor einigen Jahren hat sie als Meereswissenschaftlerin und Forschungstaucherin den Zerfall der Korallenriffe erforscht. „Mich hat das unheimlich mitgenommen“, erzählt die 37-Jährige über ihre Forschungsaufenthalte, die sie häufig in tropische Regionen führten. „So viele Ressourcen werden unter Wasser vernichtet. Die Leute vor Ort können nicht viel machen. Wir brauchen Lösungen und Innovation um Existenzen zu sichern.“

Dass so wenig für die Meere getan wird, irritiert Hannah Brocke: „Wir haben alle Informationen, um zu handeln: kein Plastik in die Meere, weniger Abwässer, keine Überfischung.“ Als „Vollblutwissenschaftlerin“ habe sie viele Jahre lang ihre Karriere vorangetrieben, zuletzt am Max Planck Institut für Marine Mikrobiologie (MPI) in Bremen. Immer im Kopf hatte sie die Idee, eines Tages Umweltschutz wirkungsvoll zu managen und zwar mit einem Unternehmen.

Die zündende Idee hatte Joost den Haan, der früher in der Monitoring-Industrie gearbeitet hat. Mit ihm gemeinsam arbeitet Brocke seit 2010 an EU-Forschungsprojekten. Das Team entwickelte mit den Ingenieuren Guy Rigot und Raja Kandukuri auf Basis einer neuen Technologie vom MPI eine einzigartige Unterwasserkamera mit einer intelligenten Software, die automatisch die Meeresböden identifizieren und analysieren kann. Der Niederländer den Haan erkannte schnell den Marktwert der Innovation.

Mit den Augen einer Garnele

Wie ein „Manta-Shrimp“ mit seinen komplexen Augen unterschiedlich polarisiertes Licht wahrnimmt, das wir selber als Menschen nicht sehen, arbeitet die Hyperspektralkamera: Sie zeichnet Bilddaten vom gesamten visuellen Licht-Spektrum auf und erfasst so auch Informationen, die das menschliche Auge nicht sehen kann. Das können zum Beispiel Krankheiten von Korallen sein.

„Wir haben mit der neuen Technologie den Meeresboden gescannt und so tolle Daten bekommen“, sagt Brocke begeistert. „Das war unglaublich!“ Herkömmliche Methoden zum Monitoring sind wesentlich ungenauer, teuer, langwierig und von Expertenwissen abhängig. Um Aussagen über den Meeresboden zu erhalten, können bis heute mit normalen Kameras nur stichprobenartig Aufnahmen unter Wasser gemacht werden. Ein Experte muss diese anschließend über Monate hinweg einzeln identifizieren.

Die neuentwickelte intelligente Software kann die gewonnenen Daten automatisiert nach bestimmten Kriterien klassifizieren. Und sie lernt dazu: Je mehr Informationen vom Meeresboden in ihre Datenbank eingespeist werden, desto besser kann sie sie auswerten. So können zum Beispiel Karten von Korallenriffs erstellt werden, in denen lebende Bereiche neben bereits abgestorbenen farbig hervorgehoben sind. Das vermittelt dem Betrachter eine eindrückliche Vorstellung davon, wie weit Schäden in bestimmten Regionen vorangeschritten sind.

Plan A, Plan B, PlanBlue

„Wir können Kosten reduzieren, mehr Qualität und Quantität bieten und sind schneller“, erklärt Hannah Brocke. „Die Auswertung geht fast in Echtzeit.“ All das macht die neue Monitoring-Technologie auch wirtschaftlich interessant. Gemeinsam entwickeln das Planblue-Team die Hard- und Software bis zur Marktreife weiter. Partnerfirmen leasen die Unterwassertechnik, erlernen den Umgang damit und scannen eigenständig den Meeresboden. Sie trainieren die Software mit den gewonnenen Daten für ihre Zwecke weiter.

Im Jahr 2017 gründeten die vier Teampartner mit Unterstützung des EXIST-Förderprogramms ihr eigenes Unternehmen. Das Business-Wissen verschafften sie sich mit Hilfe des EU-Coachingprogramms Climate KIC, dem GNSS accelerator und dem ESA BIC Programm. Um auch international mitspielen zu können, haben die Gründer ihre Rollen klar verteilt: Den Haan ist CEO, Brocke COO, Rigot CTO und Kandukuri CIO. In diesem Jahr erhielten sie für ihr Start-up den Bremer Gründerpreis.

Das Team hinter dem Unternehmen Planblue. Foto: Planblue

Online-Karte der Meere

Der größte Teil der Daten fließt an Planblue zurück. So wächst nach und nach ein Datenbank für eine Karte der Meeresböden. Das Start-up will einige Datensätze kostenlos für die Allgemeinheit zugänglich machen, damit diese beispielsweise für die Umweltbildung genutzt werden können. „Uns geht es darum, Licht in diesen Lebensraum zu bringen, von dem wir so abhängig sind“, betont Hannah Brocke. „Viele Taucher sehen unter Wasser die Korallen und finden sie wunderschön. Dabei sind sie von Algen und Bakterien überwachsen und abgestorben.“

Andere Daten aus dem Pool sind gegen Gebühr kommerziell nutzbar, aber mit Einschränkungen. Hannah Brocke sagt: „Bei Planblue steht der Umweltschutzgedanke im Vordergrund. Unsere Technologie darf nicht zur Ausbeutung oder Beschädigung unserer Ozeane eingesetzt werden. Das ist vertraglich geregelt“ Mit dem Leasing-Modell hat Planblue die Hand darauf, wer die Technologie nutzt. Ölkonzerne beispielsweise dürfen das nicht. „Dadurch haben wir natürlich auch schon Investoren verloren“, so die Unternehmerin.

Prototypen im Einsatz

Die Prototypen von Planblue sind stattdessen für eine NGO bei einem Projekt zur Müllvermeidung an Küsten im Einsatz sowie für ein Forschungsinstitut auf Guam. Drei weitere kommerzielle Einsatzgebiete sieht Hannah Brocke: Gutachten über Biodiversität, Überwachung von Unterwasserkonstruktionen und Optimierung industrieller Produktion.

Beim Bau von Hafenanlagen beispielsweise müssen Beratungsfirmen Umweltgutachten über das betroffene Unterwasser-Ökosystem erstellen. Auch Unternehmen, die Offshore-Windanlagen errichten, müssen den Untergrund kennen. Und Aquakulturen und Industrie, die unter Wasser Algen zum Beispiel für Kosmetik oder Biodiesel anbauen, müssen überprüft werden.

Die Monitoring-Technologie von Planblue im Unterwassereinsatz. Foto: Planblue

Vorne mitschwimmen

Planblue möchte mit seiner Technologie zum Standard für das Monitoring der Meeresböden werden. „Wir schwimmen vorne mit, müssen aber ganz schnell entwickeln, damit wir mithalten können, und unsere Technologie schützen“, erklärt Hannah Brocke. So soll im nächsten Jahr Unterwasserrobotik das System autonom steuern können.

Mit seinen farbcodierten Karten will das Start-up Regierungen die Dringlichkeit zum Handeln verdeutlichen. „Ein großer Teil der Nutzfischarten ist schon überfischt und droht auszusterben. Es wird kein Weg daran vorbei führen zu erkennen, dass es hier eine Ressource gibt, die wir managen müssen.“ Die Unternehmerin, die den Umweltschutz im Blick hat, hofft, dass mit Hilfe der Technologie von Planblue eines Tages so viele Daten vorliegen, „dass die nächste Generation eine Chance hat, etwas zu ändern.“

Über das Tauchen

Hannah Brocke machte ihr erstes Tauchzertifikat während der Schulzeit: „Ich wollte immer tauchen und das war wunderschön. Es war natürlich im Schwimmbad, also gar nicht spektakulär. Aber dieses Gefühl, im Wasser zu atmen, schwerelos zu sein, das ist einzigartig. Ich sage immer: Fast wie fliegen!“ Während ihres Studiums hat die 37-Jährige alle Zertifikate als Berufstaucherin gemacht und in diesem Bereich gejobbt. „Für das Arbeiten unter Wasser habe ich Geld bekommen. Ich habe das sehr intensiv gemacht und dadurch viel Erfahrung gesammelt. Damals habe ich für die Meerestechnik, die Physik und für die Unterwasserarchäologie getaucht. Außerdem hatte ich schon immer ein Faible für Technologie.“

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