WS #9 – Gendergerechtigkeit – KLUB DIALOG

WS #9 – Gendergerechtigkeit

| 17:00 Uhr | KLUB DIALOG

Ich will nicht laut sein müssen

Bundesweit sind 28 % Frauen in Führungsrollen, Bremen bildet mit ca. 22 % das Schlusslicht in Deutschland. Auch wenn es nach wie vor Ungleichheiten bei der Bezahlung zwischen Mann und Frau gibt, empfinden viele Frauen den sogenannten „career gap“ im Vergleich zum „pay gap“ als belastender. Weniger privilegiert innerhalb einer privilegierten Gesellschaft? Und betrifft das wirklich „nur“ Mann und Frau? Festgeschriebene Rollenbilder waren gestern, finden viele, verschwunden sind sie aber nicht. Welche Verantwortungen tragen Mann, Frau, Divers innerhalb der Debatte um Gendergerechtigkeit? Strukturen und Hierarchien müssen sich verändern und weiter aufbrechen, aber auch unser eigenes Mindset spielt hierbei eine tragende Rolle.

Foto: Karsten Klama

„Privilege is unvisible to those who have it“. Der US-amerikanische Soziologe Michael Kimmel spricht in seinem Vortrag „Why gender equality is good for everyone – men included“ über Gendergerechtigkeit. Mit dem prägnanten Satz, der Kimmel aus einer Unterhaltung während seiner Studentenzeit im Gedächtnis geblieben ist, sind alle gemeint: männlich, weiblich, divers. Genau das muss sichtbar bzw. sichtbarer werden!
Um Sichtbarkeit ging es auch im KLUB DIALOG Workshop am 29. Juni. Fokussiert haben sich die drei Kuratorinnen Annekatrin Gut, Manuela Weichenrieder und Sonja Oetting – zusammen mit den Teilnehmenden sowie Moderatorin Beate Hoffmann – auf die Ungleichheiten zwischen Mann und Frau in der westlichen Welt, z. B. in puncto Karrierechancen oder Geldgleichheit. Bremen steht beim Vergleich „Frauen in Führungspositionen“ mit gerade mal 22 % bundesweit (insgesamt 28 %) auf dem letzten Platz.

Kai Stührenberg – Grußwort von Kristina Vogt

@Julia Dambuk

Womöglich einer von vielen Gründen, warum Kai Stührenberg als Staatsrat der Senatorin für Wirtschaft, Arbeit und Europa – Kristina Vogt – ein längeres Grußwort überbringt und akut an seiner Aufgabe, eine Landesstrategie für Gendergerechtigkeit und Geldgleichheit zu entwickeln, arbeitet. Gendergerechtigkeit werde nicht hergestellt werden können, wenn dies nicht auch im Bewusstsein von Männern entstehe, sagt Stührenberg. Er bezieht sich damit auch auf die Verteilung bei Veranstaltungen zu dem Thema: „Hier sehe ich zwei Teilnehmer heute. Das ist schon fast eine gute Quote. Oft bin ich der Einzige und es zeigt sich – die Gendergerechtigkeit wird den Frauen zugeschoben. Systematisch ist das Blödsinn, denn es ist eine Aufgabe, die gemeinsam zu lösen ist.“ Aufmerksamkeit schaffen und weiterhin laut bleiben, so der Staatsrat.

Eva Matz – "Ich will nicht laut sein müssen"

„Ich will nicht laut sein müssen!“ – Ein Gedicht, live vor Ort, von Poetry Slammerin und Autorin Eva Matz, gerichtet an das Patriarch und alle, die sich weiblich fühlen bzw. lesen. Frauen dürfen laut sein, aber nicht alle wollen es müssen, um des Willens gesehen oder ernst genommen zu werden. Ein Muss, dass auch in unseren Strukturen innerhalb der Arbeitswelt verankert ist. Das gleiche Gehalt zu verdienen ist wichtig für die Chancengleichheit, bedeutet aber nicht viel, wenn die Karrierechance nicht die gleiche ist. Das „müssen“ wollte auch KLUB-Vorstandsvorsitzende Sonja Oetting in ihrem Arbeitsalltag nicht mehr: „Ich habe vor drei Jahren die Entscheidung getroffen, mich selbstständig zu machen. Mir wurde gesagt, als Führungskraft musst du mit Ellenbogen kämpfen. Will ich aber nicht. Nun mache ich das so, wie ich das für richtig halte und bin sehr glücklich damit.“ Neben strukturellen Problemen und Sichtbarkeit schaffen, müssen wir auch unser eigenes Mindset hinterfragen, sagt eine Teilnehmerin:

„Wir können voneinander lernen: Jede*r von jeder*m, egal welches Geschlecht. Dieses Mindset funktioniert bei uns bis jetzt gar nicht. Wir müssen weg vom Einzelschicksal-Gedanke und -Gefühl.“

Ob Mann, Frau oder divers – das Ellenbogengerangel wird ohnehin schnell sinnlos, wenn wir uns dessen bewusst werden, was reale Diversität und Gleichheit bewirken können: Ressourcenbündelung, ein Reichtum an Fähigkeiten, mehr Freiraum, weniger Neid. Eine gute Parallele findet sich auch in Eva Matz‚ Gedicht „Schmück dich“ – ein Märchen über selbsternannte Helden: „Die Blüten hätten für alle gereicht. Ein*e jede*r hätte ein Recht darauf, jede*r hat ja schon etwas erreicht, und Blumen gab es ja zuhauf.“ 
Weniger Neid, mehr Mut, für die eigene Überzeugung einstehen. Kuratorin Manuela Weichenrieder, u. a. Komponistin und Texterin, lehnte kürzlich einen Textauftrag ab, da keine gegenderte Schriftform angewendet werden sollte: „Zunächst habe ich dann gedacht, ob das etwas ‚lächerlich‘ ist, aber Nein – ich will solche Aufträge nicht mehr annehmen und ich muss bei mir selbst anfangen.“

„Die gleiche Bezahlung bringt mir nichts, wenn ich nicht genauso wie der Mann – meist aufgrund von Kindern – arbeiten kann“, so eine Teilnehmerin. Hier braucht es andere Stundenmodelle und vor allem Akzeptanz sowie Selbstverständlichkeit. Den Aspekt der Chancenungleichheit rund um den so genannten „career gap“ diskutierten alle Teilnehmenden in ihren Gruppen zu den Themen „female entrepreneurship“, „female leadership“ und „Lust & Frust“.

@Julia Dambuk

Frauen scheinen oft nach oder während der Schwangerschaft zu gründen – dabei sollte es erst mal egal sein, ob jemand Kinder hat oder nicht. Motivation kommt von außen und von innen. Auch Frauen können andere Frauen demotivieren – bewusst wie unbewusst. 
Hinsichtlich männlicher und weiblicher Eigenschaften glauben viele Teilnehmende, dass dies eine Rolle spiele, dennoch erkennen sie z. B. keinen speziell männlichen oder weiblichen Führungsstil.

@Julia Dambuk

Die Eigenschaften dürfen natürlich da sein, sollten aber nicht festgelegt werden. Am besten wäre es, auch im Kindergarten schon ohne Rollenbeschreibung loszulegen. In dem Moment halten es die Meisten auch für unklug, z. B. den Begriff „female leadership“ statt einfach „leadership“ zu verwenden. Ohne Regularien und Rahmenbedingungen wird es nicht gehen – diese müssen aber auch praktisch implementiert werden. „Bei der Entgelt-Gleichstellung bin ich innerhalb meiner Strukturen oft auf der Suche nach Verbindlichkeiten und frage mich ‚Warum gibt es keine Tools und keine Kriterien?“, erzählt ein Teilnehmer. Lust und Frust schien recht ausgewogen, wobei sich die Teilnehmer*innen am Ende eher auf die positiven Aspekte konzentrierten: Achtsamkeit fördern, wieder mehr Wir-Gefühl, Sensibilisierung, Wertschätzung und Wahrnehmung für Tätigkeiten außerhalb des Jobs. Konkrete Ansätze fanden sich in Beispielen wie die Einsicht in eine Lohndatenbank, um den pay gap besser bearbeiten zu können. Im aktuellen Fachkräftemangel sehen die meisten eine Chance, wobei dieser natürlich nicht DIE Lösung für Chancengleichheit sein darf.

Die Frauenquote braucht es, sie ist wahrscheinlich im aktuellen Umfang zu wenig, dennoch schämen sich einige Frauen dafür. „Warum denn?“, fragt Dr. Ruth Müntinga, Soziologin und geschäftsführende Gesellschafterin von motus5, im Interview mit Beate Hoffmann. „Die Männer schämen sich doch auch nicht“, fügt sie hinzu. Zu der Frage, ob Frauen selbstkritischer werden müssen, sagt Müntinga klar Nein: „Das ,Impostor-Syndrom‘ ist weiblich: Wie viel selbstkritischer sollen wir denn noch werden?“ Die Soziologin erzählt, dass seit Corona viele Frauen ihre Festanstellungen kündigen und anfangen zu gründen, weil sie keine Lust mehr auf die patriarchalen Strukturen haben. In den Augen von Müntinga werden die Angebote, Frauen zu beraten, zwar mehr, aber es gebe noch viele Lücken. Gerade ganz am Anfang wisse man ja oft noch gar nicht, welche Fragen gezielt gestellt werden müssen. Frauen gründen in der Regel etwas vorsichtiger, z. B. mit weniger Kapitaleinsatz – das ist vom System teilweise nicht gewollt.

@Julia Dambuk

Das Interview mit Dr. Ruth Müntinga

Warum spielen Mädchen mit Puppen und Jungs mit Eisenbahnen? Und warum kümmert uns das im Jahr 2022 überhaupt noch? Die Teilnehmer*innen sind sich einig: Es ist egal und Rollenbilder dürfen nicht festgeschrieben werden. Das muss selbstverständlich werden. Für ALLE!

Mit dem Satz „Privilege is unvisible to those who have it“ bezieht sich Michael Kimmel übrigens auf eine Unterhaltung zwischen zwei Frauen – eine schwarz, eine weiß – während seiner Studentenzeit. Die Frau mit weißer Hautfarbe sagt, dass alle Frauen Unterdrückung in der patriarchischen Welt erfahren, woraufhin die Frau mit schwarzer Hautfarbe sagt ‚wenn du in den Spiegel schaust, siehst du eine Frau, oder? Wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich eine schwarze Frau. Rasse ist für mich sichtbar und alltäglich‘.
Ziehen wir die Kreise größer, lässt sich die eine Debatte womöglich gar nicht ohne die andere führen. Privilegiert zu sein und die eigene Wahrnehmung dazu, ist abhängig von unserem Ort, der Zeit, in der wir geboren werden, unserer Kultur und unserem Umfeld – aber auch davon, wie sehr wir unsere Scheuklappen öffnen. Dann bewegen wir uns wieder einen Schritt weiter drauf zu, auch wenn der Weg lang scheint: Gleichheit für Alle auf allen Ebenen. Alle sind Helden und Heldinnen. Oder eben keine*r.

 

@Julia Dambuk

Eva Matz – "Schmück Dich"

„Und dann fragt man den Verstand – wozu soll man Helden brauchen? 
Die Blumen – die blühen am Straßenrand.“

(Eva Matz, „Schmück dich“)

Ein Workshop-Bericht von Maria Wokurka

Fotos:

Graphic Recording von Julia Dambuk:

Workshop-Kuratorinnen

Zuletzt bei KLUB LABOR

KLUB DIALOG wird unterstützt durch

Logos Partner KLUB Dialog

Newsletter abonnieren