genießen

Mit Mandalas entschleunigen

Narada weckt mit seiner Scherenschnitt-Kunst die zu intensive Wahrnehmung

Rohanavriksha 2, 50 x 50 cm, 2016

Rohanavriksha 2, 50 x 50 cm, 2016

Scherengeschnittene Mandalas − was ist das? Und warum tauchen sie hier im Magazin „genießen“ auf? Zwei Fragen, auf die es keine schnelle Antwort gibt, und mit dieser Feststellung sind wir schon mitten im Thema.

Echter Genuss erfordert Zeit und Fokus. Wir müssen uns voll und ganz auf Dinge oder Situationen einlassen, um sie genießen zu können. Wir brauchen Muße, um uns zu öffnen, Nebensächliches konsequent auszublenden, um Wirkung zu erspüren, sie im Nachklang auszukosten und zu verinnerlichen. Das macht Genuss aus. Allerdings scheint unsere schnelllebige, reizüberflutete Welt kaum Zeit für Muße und intensive Wahrnehmungen zu lassen. Verlernen wir in der Hektik des Alltags das Genießen?

Wir sollten uns öfter mal in ein Mandala vertiefen, sagt Scherenschnittkünstler Narada, denn sie geben uns Entschleunigung und Fokus, also genau das, was Genussfähigkeit ausmacht. Nicht ohne Grund fungieren Mandalas in der buddhistischen Tradition als Meditationsobjekte, denn ihre symmetrische Struktur hilft, das Bewusstsein zu zentrieren. Narada meint darüber hinaus, dass seine ganz besondere Arbeitsweise aus seinen Werken spricht und sich auf den Betrachter überträgt.

Ganz bewusst will er mit seiner Kunst die Fähigkeit zu intensiver Wahrnehmung (wieder) wecken und dabei helfen, sie zu kultivieren.

Devasrishti, 19 x 19 cm, 2008

Devasrishti, 19 x 19 cm, 2008

 

Rohanavriksha, 50 x 50 cm, 2015

Rohanavriksha, 50 x 50 cm, 2015

Schon im Alter von sechs Jahren fängt Narada an zu „schnibbeln“, wie er es nennt. Zunächst entstehen spielerisch kleine Ornamente, die er unter dem Einfluss indischer Spiritualität in seinem Elternhaus bei Bremen schnell zu (s)einer charakteristischen Formensprache weiterentwickelt.

Anders als die meisten anderen Scherenschnittkünstler, die ihre Arbeit vorzeichnen und dann mit einem Cutter nachschneiden, schneidet Narada fast immer frei, also ohne vorzuzeichnen. Dünnes Papier, eine hochwertige kleine Schere und meditativer Fokus lassen in einem dynamischen Prozess höchst filigrane Scherenschnitte entstehen, die so präzise und fein aussehen, dass sie oft für gemalt oder gedruckt gehalten werden.

Die auf den ersten Blick präzise, fast schon gefällige Ästhetik seiner Werke entfaltet eine Wirkung, der man sich kaum entziehen kann, sagen fast alle Betrachter. Da ist etwas, das uns in den Bann zieht und innehalten lässt. Wir entdecken winzigste Unregelmäßigkeiten, die dahinter liegende virtuose Handarbeit, die dem Werk Seele gibt. Das Betrachten wird zum Versinken.

Svarbhanupushpa, 35 x 50 cm, 2013; gezeigt im Rahmen einer öffentlichen Ausstellung

Svarbhanupushpa, 35 x 50 cm, 2013; gezeigt im Rahmen einer öffentlichen Ausstellung

Narada lässt sich von Natur- und Kulturimpressionen inspirieren, die er in einem dynamischen Schaffensprozess harmonisch zusammenzufügt − er lässt gezielt Eindrücke und Erfahrungen in die Formgebung einfließen, indem er sich während des Schneidens immer wieder meditativ auf eine bestimmte Atmosphäre oder Intention ausrichtet. Deshalb hat er bei Auftragsarbeiten – Unikate, die er für eine bestimmte Person erstellt – immer ein Bild des Auftraggebers vor sich.

Durch den Austausch mit anderen bildenden und darstellenden Künstlern integriert er permanent neue Techniken und Materialien in sein Werk. Während seine frühen Mandalas nur ein einfarbiges Papier pro Werk aufweisen, kommen heute Veredelungen mit Blattgold und Collage-Techniken hinzu. Vorübergehend kooperiert er mit Acryl-Künstlern und kommt so zu plastischen Werkformen − Neues reizt ihn und wird durch kontinuierliches Experimentieren perfektioniert.

Miniaturscherenschnitt, vergoldetes Papier in Acrylkugel, Ø 28 mm, 2013; gezeigt im Rahmen einer öffentlichen Ausstellung

Miniaturscherenschnitt, vergoldetes Papier in Acrylkugel, Ø 28 mm, 2013; gezeigt im Rahmen einer öffentlichen Ausstellung

Während einer Auftragsarbeit für die Filmemacherin Julia Buschmann hält sie selbst den Entstehungsprozess ihres Werkes filmisch fest. Es zeigt vom Vergolden des Papiers über das konzentrierte Schneiden zu verschiedenen Zeitpunkten bis hin zur Präsentation des gerahmten Mandalas auf Samt-Hintergrund alle handwerklichen Abläufe. Konzeptionell geht es um die ‚blaue Sonne’ , die unter dem konstanten Einfluss der Filmenden zu einem Kunstwerk reifte, dessen Formensprache ihre Persönlichkeit harmonisch in den konzeptionellen Rahmen integriert. Der Scherenschnitt hängt nun neben ihrem Arbeitsplatz − zur Inspiration und als Ruhepol.

„Ganz in meinem Sinne scheint mein Werk also die Zeitlosigkeit beziehungsweise Zeit auszustrahlen, die ich mir dafür genommen habe. Darüber hinaus habe ich durch die achtsame Integration von Julia Buschmanns Persönlichkeit ein Kunstwerk geschaffen, das sie dazu einlädt, ihr eigenes Wirken und Schaffen genussvoll zu reflektieren − vermittelt durch die ästhetische Reflexion ihrer selbst im Werk“, so Narada.

Narada bei der Arbeit

Narada bei der Arbeit

 

Auftragsarbeit für eine CD der Sängerin Ana-Hata

Auftragsarbeit für eine CD der Sängerin Ana-Hata, 11×11 cm, 2016

Für eine CD der Sängerin Ana-Hata entstand eine eigene Arbeit. Der Künstlername Ana-Hata bedeutet ‚Herzchakra’, das eines der sieben Energiezentren ist, die jeder Mensch der indischen Yoga-Philosophie zufolge in seinem Körper hat. Klassisch wird das Herzchakra als zwölfblättriger, grüner Lotos dargestellt, in dessen Mitte sich ein Sechseck befindet. Narada hat für seine Interpretation die vorgegebenen Elemente dünn auf der Rückseite des Blattes skizziert und den Rest in seiner typischen Arbeitsweise völlig frei unter dem konstanten Einfluss von Ana-Hatas Musik geschnitten.

Diese beiden Arbeiten für Personen, die eng mit der indischen Spiritualität verwoben sind, charakterisiert der Künstler selbst als „recht weich, mit einer verspielten Farbgebung und Formensprache“.

Ganz anders ein Werk, das er mir selbst nach einer Phase intensiver Zusammenarbeit gewidmet hat. Kontrastreich und strukturiert kommt es daher, Narada nimmt meine Vorliebe für die Farbe schwarz als Ausgangspunkt für seine Gestaltung, die er als „kraftvoll und dominant (…) in der Mitte, (…) mit einer ausgeprägten organischen Dynamik“ beschreibt. „Präsent füllt das Werk den Raum, auch dort, wo es einen begrüßt, wenn man Petras Wohnung betritt.“

Arbeit für Petra Klugas, 70 x 50 cm, entstanden 2009

Arbeit für Petra Klugas, 70 x 50 cm, entstanden 2009

Auf die Frage, ob er selbst denn seine Arbeit genieße, antwortet er differenziert: „Grundsätzlich versuche ich das, da ich fest davon überzeugt bin, dass der Zustand, in dem ich mich während des Schaffensprozesses befinde, einen wesentlichen Einfluss auf das Werk und seine Wirkung hat. Tief in die Arbeit versunken stellt sich so manchmal ein Zustand ein, den man weithin als Flow bezeichnet. In diesem gehe ich quasi selbstvergessen im Schneiden auf, während sich die Zeit fast auflöst. Ganz so einfach ist es jedoch nicht immer, da die notwendige Ruhe in der Hand nur zu gerne darauf beruht, dass der Körper an anderer Stelle blockiert und früher oder später unweigerlich auch verkrampft. Um im kreativen Schaffensprozess weiterhin entspannt zu bleiben, gilt es also immer mal wieder kleine Pausen einzulegen oder auch mal den Ort zu wechseln, sofern es die Größe des Werkes zulässt.“

Der überwiegende Teil dieses Beitrags wie auch der überwiegende Teil der tatsächlich entstandenen Werke widmet sich der positiven, Harmonie stiftenden Wirkung, die Naradas Scherenschnitte ausstrahlen. Während eines Aufenthalts in Indien 2012 bekommt er Impulse zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der zunehmend materialistisch ausgerichteten Gesellschaft. Er nimmt Geldscheine und verfremdet sie zu Kunstobjekten − sind sie dann mehr wert oder weniger? Welchen Wert hat Geld überhaupt? Und zurück zum Thema dieser Ausgabe: Ist es möglich, künstlerisch verfremdetes Geld zu genießen? Nicht als Mittel zum Zweck, sondern als ästhetisches Artefakt?

What are 5 € worth? 21 x 30 cm, 2013; gezeigt bei einer öffentlichen Ausstellung

What are 5 € worth? 21 x 30 cm, 2013; gezeigt bei einer öffentlichen Ausstellung

 

What are 50 € worth? 21 x 30 cm, 2013; gezeigt bei einer öffentlichen Ausstellung

What are 50 € worth? 21 x 30 cm, 2013; gezeigt bei einer öffentlichen Ausstellung

 

What are 500 € worth? 21 x 30 cm, 2013; gezeigt bei einer öffentlichen Ausstellung

What are 500 € worth? 21 x 30 cm, 2013; gezeigt bei einer öffentlichen Ausstellung

NARADA lebt und arbeitet in Göttingen und Bremen, freut sich auf Austausch und Zusammenarbeit mit kreativen, interessierten Menschen und fertigt auch gerne individuelle Auftragsarbeiten an − dazu nimmt er sich viel Zeit für ein intensives Gespräch, um sich in die Welt des Anderen einzufühlen.

Allen, die sich selbst mit Schere und Papier versuchen wollen, sei die ‚kulturelle Landpartie’ im Wendland (zwischen Himmelfahrt und Pfingsten) ans Herz gelegt: Im Rahmen seiner Ausstellung im Yogahaus Ganesha wird Narada dort auch 2019 einige Scherenschnitt-Workshops geben. Anfragen dazu gerne an Narada selbst:

info@narada-mandala.de
www.narada-mandala.de

 

Petra Klugas

Naradas Freundin und phasenweise Mentorin, Klub-Dialog Mitmacherin, im Arbeitsleben Organisationsentwicklerin und Dozentin

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