Ein folgenreicher Tanz – KLUB DIALOG

Ein folgenreicher Tanz

Wie Sam Raimis „Evil Dead“ als „Tanz der Teufel“ das Horror-Genre auffrischte

„Tanz der toten Seelen“, „Tanz der Totenköpfe“, „Tanz der Hexen“ – die Filmgeschichte steckt voller Titel, die das Tanzen in sich führen. Es ist interessant, dass der Großteil aus dem Horror-Genre stammt. Doch das beruht weniger auf einer Gattungs-oder Wesensverwandtschaft von Kino-Schockern mit der Bewegungskunst Tanz als auf dem Zufall und der wirtschaftlichen Überlegung deutscher Filmverleiher.

Quelle: Sony Pictures

Am Anfang stand der weltweite Erfolg von Roman Polanskis berühmter Parodie auf Horrorfilme, die 1966 in Großbritannien mit dem Titel „The Fearless Vampire Killers“ und in den USA unter „Pardon me, but your Teeth are in my Neck“ vermarktet wurde. Später kam der bis heute gültige Titel „Dance of the Vampires“ zur Anwendung, der im deutschen Kinoverleih den wunderschön rhythmischen und dadurch eingängigen Titel „Tanz der Vampire“ mit sich brachte.

Mit großer Wahrscheinlichkeit wollte der deutsche Verleih Prokino im Frühjahr 1984 vom Ruhm des Vampirfilm-Klassikers profitieren, als er die US-amerikanische Low-Budget-Produktion „The Evil Dead“ (sinngemäß „Die bösen Toten“) unter dem Titel „Tanz der Teufel“ zeitgleich in Deutschlands Kinos und auf Videokassette herausbrachte. Innerhalb weniger Wochen avancierte „Tanz der Teufel“ zum Mega-Erfolg unter Horror-Fans, wurde Gesprächsstoff auf den Schulhöfen und zur Mutprobe: Wer wagte es, diesen unerhört ekligen und furchteinflößenden Streifen bis zum Ende durchzuhalten?

 

 

Der Rest ist Film- und Verleihgeschichte: Der für ein Minimal-Budget von 80.000 Dollar vom späteren Blockbuster-Regisseur Sam Raimi („Spiderman“) mit Laiendarstellern und handgemachten Grusel-Effekten gedrehte 80-Minüter gilt heute als einflussreichster Horrorfilm der Achtziger. Das auf körperliche Reaktionen setzende Terror-Kino und die grotesk artifiziellen Splatter-Effekte wurden zu bestimmenden Elementen des Genres.

 

 

 

 

Quelle: Sony Pictures
Quelle: Sony Pictures

Doch in Deutschland wurde „Evil Dead“ bereits wenige Wochen nach seiner Veröffentlichung aufgrund eines richterlichen Beschlusses im Juli 1984 verboten und beschlagnahmt, führte ein legendäres Schattendasein in VHS-Raubkopien, bis das Film-Verbot 2016 wieder aufgehoben wurde und „Tanz der Teufel“ restauriert auf DVD und BluRay für alle zugänglich gemacht wurde. Der Verbotsgrund der Gewaltverherrlichung ist aus heutiger Sicht nicht mehr nachvollziehbar, wie bei so vielen zu Unrecht indizierten Klassikern.

Was jedoch unumstritten bleibt: Dem Erfolg und Mythos von „Tanz der Teufel“ sowie seines Nachfolgers „Tanz der Teufel 2 – jetzt wird weiter getanzt“ verdanken wir die häufigen Tanz-Bezüge in den deutschen Titeln gruseliger Filme. Nur wird in „Tanz der Teufel“ gar nicht getanzt, und es tritt auch kein Teufel auf. Die unfreiwillige Verbindung zum Tanz lässt einen erhellenden Blick auf diesen Kultfilm zu: Was hat „The Evil Dead“ mit Tanz zu tun, und warum sollte man sich ihn heute nochmal anschauen?

Im Fluss der Horrorfilm-Geschichte, die 1922 mit „Nosferatu“ ihren ersten Klassiker hervorbringt und bis zu heutigen sozialpolitisch engagierten Autoren-Perlen wie „Get Out“ oder „Midsommar“ reicht, verhält sich „Tanz der Teufel“ am Beginn der Achtziger-Dekade wie der expressionistische Ausdruckstanz der Weimarer Republik zum klassischen Ballett: Waren „Dracula“, „Frankenstein“ und „Die Mumie“ klassische Werke in strenger Dramenform, an deren Schluss es zum Duell zwischen Gut und Böse kommt und die Schreck-Elemente wohl dosiert den Kontrast zum heimlichen Setting bilden, kam „Tanz der Teufel“ völlig ungezügelt, atemberaubend ausdrucksstark, geradezu grenzenlos daher. Heute ist es kaum mehr nachzuspüren: Wer den Film damals sah, war überwältigt.

Quelle: Sony Pictures

 

Quelle: Sony Pictures

Die Abgrenzung zum klassischen Ballett zeigt diese individualistische Performance schon in der primitiven, doch elektrisierend geradlinigen Handlung: Fünf Freunde wollen das Wochenende in einer einsamen Waldhütte in Tennessee verbringen und erwecken dort versehentlich böse Geister, die nach und nach auf schauerliche Weise Besitz von den Hüttenbewohnern ergreifen. Der letzte Überlebende Ash (Bruce Campbell) erledigt einen Dämon nach dem anderen, bis er am Ende den Verstand verliert, bevor auch er von den „Evil Dead“ heimgesucht wird: Eine Story, die sich mit steigerndem Schrecken und wachsendem Ekel-Effekt geradezu in Ekstase überschlägt.

Den Film zum Mythos machte vor allem die expressive Bildsprache: Sam Raimi gelingt es, mit einem grotesk überzeichneten, comic-artigen Inszenierungsstil eine nahezu fiebrige Anspannung zu erreichen. Die Kamera rast in subjektiver Geister-Perspektive durch den gespenstischen Wald auf die Hütte zu, dazu erfanden die kreativen Filmemacher (einer war Joel Coen als Regieassistent) eine eigene Konstruktion mit der 16mm-Kamera auf einem schwingenden Brett. Spannungs-Sequenzen werden in Einzelbilder zerlegt, die wie eine Abfolge von drastischen Comic-Grafiken abrauschen. Die Effekte mit lebendigen Ästen, platzenden Augen und sämtliche Sekrete aussondernden Dämonenleibern, die zum Film-Klimax zuckend auseinander barsten, waren handgemacht und besaßen gerade wegen ihrer Unvollkommenheit eine abstoßende Drastik. Dazu dröhnt auf der Tonspur eine Mischung aus dämonischem Stimmengeraune und verzerrter Elektronik. So etwas hatte man bis dato nicht gesehen und vor dem Bildschirm erlebt.

Quelle: Sony Pictures

Weil „Tanz der Teufel“ wie eine Bombe einschlug, das Horror-Genre nachhaltig mit neuer Energie erfüllte und bis heute zahlreiche Nachahmer und Hommages inspirierte (empfehlenswert ist die intelligente Meta-Reflexion „The Cabin in the Woods“ von 2011) , ist es aus heutiger Sicht kaum noch nachvollziehbar, wie schreckenerregend diese explosive Kombination an extremen Ausdrucksformen damals gewirkt hat. Der Blick zurück kann heute nur nostalgisch sein: So tanzte man damals, und man fand es wild.

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