Der richtige Sound ist eine Frage der Empathie – KLUB DIALOG

Der richtige Sound ist eine Frage der Empathie

Vier Bremer DJs berichten von ihrer Arbeit

Ob bei privater Feier oder im Club, es wird getanzt. Verantwortlich für den richtigen Beat ist da der DJ. Aber wie bringt der DJ einen zum Tanzen? Wie ist es, als DJ zu arbeiten? Und was macht man, wenn das Publikum nicht mit geht. Vier Bremer DJs berichten von ihrer Arbeit.

Lichtkegel zucken durch den dunklen Raum, es ist stickig und verschwitzt. Die Musik ist laut, fast schon dröhnend. Es ist eine Lautstärke, die eine Unterhaltung unmöglich macht und das drumherum vergessen lässt. Ein Song folgt auf den nächsten. 160 Beats pro Minute lassen einen die Nacht durchtanzen. König der Nacht ist der DJ. Er oder Sie beschert den Tanzwilligen die Ekstase.

Sie werden angehimmelt, sie gelten als hipp. Das Leben eines DJs ist eine einzige Party, ein einziger Tanz. Eine einzige Party? Das ist es für die anderen: die Gäste. Für den DJ ist es Arbeit. Sie seien Dienstleister, da sind sich DJ Toddy, DJ Guido Bolero, DJ Matze und DJ MonoKey einig – ob sie nun bei einer privaten Feier auflegen oder in einem Club.

Eine Art festen Fahrplan, wie sie den Gästen einen gelungenen Abend bereiten, hat keiner der DJs. „Mein Beruf besteht aus Spontanität“, sagt Thorsten Siemer alias DJ Toddy. Der 47-Jährige bringt das Bayernzelt auf dem Freimarkt genauso zum Tanzen wie eine Grünkohl-Party im Gasthaus Borgfelder Landhaus. „Ich bin eigentlich so ein Zwischending zwischen Entertainer und DJ“, sagt er über sich. Und wer ihn einmal live erlebt hat, kann dies sicherlich bestätigen.

DJ Toddy (47 Jahre)

Thorsten Siemer alias DJ Toddy ist DJ, Moderator und Entertainer. Bei jeder großen Veranstaltung stand der Bremer schon am Pult und hat die Masse zum Tanzen gebracht, aber auch bei Firmenfeiern und privaten Festen sorgt er für die richtige Stimmung. Schon als Kind hat er Musik geliebt – und gemacht. Im Jugendfreizeitheim entdeckte er dann sein Talent, den Plattenteller zu drehen.

www.djtoddy.de

DJ Toddy

„Als DJ macht man ja nicht für sich selbst Musik“, erklärt Jan Elsner alias DJ MonoKey. Dienstleister zu sein bedeutet auch, dass ein DJ mitunter Songs spielen muss, die er selbst ganz schrecklich findet. Matthias Lawin alias DJ Matze sagt: „Ich habe in meinem Leben auch 500.000 Mal Dinge gespielt, die ich nicht mehr hören konnte.“

DJ Matze hat bereits während seines Studiums in Göttingen bei Partys für die richtige Musik gesorgt. Damals arbeitete der heute 58-Jährige noch mit Musiktapes, weil die für ihn besser zu handhaben waren. Mit der Entscheidung, professioneller DJ zu sein, hat er sich einen Lebenstraum erfüllt. Mittlerweile ist DJ Matze aber etwas kürzergetreten. Nur die Falstaff Disco veranstaltet er noch.

DJ Matze

DJ Matze (58 Jahre)

Matthias Lawin alias DJ Matze hat während seines Studiums schon bei den Partys für die richtige Musik gesorgt – damals noch mit Musiktapes. Irgendwann musste er sich entscheiden: Behindertenpädagoge oder professioneller DJ. Er hat im Cafe Kunst, bei der Lagerhausdisco, bei der Klubnacht Academia und auch auf Privatpartys aufgelegt. Mittlerweile ist DJ Matze etwas kürzer getreten. Nur die Falstaff Disco, die Party im Foyer der Bremer Shakespeare Company, veranstaltet er noch

www.matzebremen.de

„Der beste DJ ist der, dem völlig egal ist, was er auflegt, er will die Leute glücklich machen“, sagt Guido Müller, der als DJ Guido Bolero seit den 1990er-Jahren in Bremen auflegt – in Kneipen, Clubs und bei privaten Feiern. Wenn er nicht als DJ unterwegs ist, dann ist er Musiker. Der 55-Jährige spielt Schlagzeug und einige andere Instrumente, hat fünf eigene Bands, betreibt das Plattenlabel Crauts Recording, verleiht Musikanlagen, entwirft Plattencover und vieles mehr. Er arbeitet fast ausschließlich mit Vinyl und CDs, spielt die Pop-, Rock- und Soul Tanzklassiker der 1960er- bis 2000er-Jahre und natürlich aktuelle Hits. Gerade ist er von Schellackplatten begeistert und hat eine neue Nische entdeckt: Eine Schellack-Tanzparty mit den Hits der 1920er bis 50er Jahre.

„Das war eine schöne Zeit“, blickt DJ MonoKey zurück. Bis vor drei, vier Jahren war er als DJ unterwegs. „Aber was die Leute davon verstehen [DJ zu sein], weicht schon davon ab [wie es ist]“, sagt er. DJ MonoKey begann mit 15 Jahren bei privaten Veranstaltungen aufzulegen. Mit 22 Jahren gewann er mit einem Remix die deutsche Ausschreibung des Havana-Cultura-Projekts des gleichnamigen kubanischen Rums. Er überzeugte mit seiner Arbeit den deutschen Schirmherren Mousse T und Gilles Peterson, den international renommierten Radiomoderator, DJ und Produzenten, und flog nach Havanna, um mit Peterson eine CD zu produzieren. MonoKey hat sich dagegen entschieden das DJ-Leben zu seinem Beruf zu machen – mittlerweile konzentriert sich der 28-Jährige auf seine BWL-Doktorarbeit, arbeitet aktuell aber auch an neuen Songprojekten, die in den kommenden Monaten veröffentlich werden.

DJ MonoKey | Foto: Alexandra Gor, Nouvelle Studio Bremen

DJ MonoKey (28 Jahre)

Jan Elsner alias DJ MonoKey hat bis vor drei, vier Jahren als DJ gearbeitet. Mit 15 begann er bei privaten Veranstaltungen aufzulegen, mit 20 gründete er ein eigenes Unternehmen. Mit 22 Jahren gewann er mit seinem Remix die deutsche Ausschreibung des Havana-Cultura-Projekts des gleichnamigen kubanischen Rums. Er überzeugte mit seiner Arbeit den deutschen Schirmherrn Mousse T und den international renommierten Radiomoderator, DJ und Produzenten Gilles Peterson und flog nach Havanna, um mit Peterson eine CD zu produzieren. Aktuell arbeitet MonoKey an einem Song und Video über den Werdersee.

soundcloud.com/djmonokey

Wie bringt man die Leute zum Tanzen? „Die Leute wollen Hits hören. Die Leute wollen das hören, was sie zwischen 15 und 30 gehört haben“, sagt DJ Guido Bolero. Eine feste Vorgehensweise hat keiner der vier DJs. Wie weiß ein DJ dann, was das Publikum will? Er habe immer in den Raum geguckt und gedacht: „Was könnte jetzt passen?“, erzählt DJ Matze. Man brauche ein Gefühl dafür, was das Publikum will. „Du spielts mit den Gefühlen des Publikums“, sagt er. Eine Gefühlssache ist es auch für die anderen DJs. „Ich brauche den Kontakt zum Publikum“, erklärt DJ Toddy. „Man muss sein Publikum kennen“, sagt DJ MonoKey. Er glaubt: „Die Kernkompetenz [eines DJs] ist Empathie.“ Feiern seien wie eine Straße mit Abzweigungen. Wenn man ein Lied anmache, wisse man nach wenigen Sekunden, ob es das richtige sei. Dann spiele man mehr davon und ähnliche Genres, erklärt DJ MonoKey. „Bei Club-Auftritten oder Festivals, die für ein gewisses Genre bekannt sind, ist vorab allerdings schon klarer wohin die Reise geht“, sagt er.

Und was, wenn niemand tanzt? Was macht man dann? Auch das ist eine Sache des Gefühls für das Publikum. „Der größte Vorteil eines DJs ist ja, dass er flexibel auf die Leute eingehen kann“, erklärt DJ MonoKey. Hat man den Geschmack des Publikums nicht getroffen, wäre es echt fatal, wenn man sein Ding durchdrücke, meint DJ Matze. Aber: „Es gibt Abende, wo das Tanzen gar nicht im Vordergrund steht“, weiß DJ Guido Bolero. Für seine Auftraggeber kann es trotzdem ein rundum gelungener Abend sein. Auch wenn DJs sich natürlich wünschen, dass getanzt wird. „Ich mache gar nichts, ich mache weiter,“ erzählt DJ Guido Bolero. DJ Toddy, der Entertainer, versucht so etwas dann mit Kommunikation zu lösen. Ein bisschen Animation, ein bisschen Motivation zum Mitmachen.

DJ Guido Bolero (54 Jahre)

Guido Müller alias DJ Guido Bolero wurde durch Zufall DJ. Der gebürtige Nordenhamer legte schon im Tower auf, brachte das Heartbreak Hotel zum Tanzen und an Himmelfahrt rocken Captain Candy und Guido Bolero die Bühne am Haus am Walde. Ein Tausendsassa mit fünf eigenen Bands und dem Plattenlabel Crauts Recordings, das zum Beispiel die Alben von The Bernie & The Jörgi veröffentlicht.

www.guido-bolero.de

DJ Guido Bolero

Neben Erfahrung braucht ein DJ aber auch Selbstbewusstsein. Der Job könne auch großen Druck ausüben, weil man dort allein stehe, sagt DJ Matze. „Du hast die Macht, du hast aber auch die Verantwortung.“ DJ Toddy meint: „Du bist allein, du entscheidest allein.“

DJ Matze überlegt: „Man kann sich schon mal die philosophische Frage stellen: Was ist das Tanzen?“ Für viele sei der Alltag ein Korsett, glaubt er. „Für viele ist Tanzen der Moment, aus diesem Korsett rauszuspringen.“ Als DJ sei es etwas sehr Schönes, den Leuten zu ermöglichen, ihre Gefühle auszuleben.

Die Arbeit des DJs beginnt bereits Stunden bevor die Party losgeht: Das Equipment muss zusammengesucht werden, die Songs – egal ob auf Laptop oder als CD – müssen eingepackt werden, und am Veranstaltungsort muss alles aufgebaut werden. Auch körperlich kann der Job anstrengend sein. „Kohlfahrt ist Attacke“, sagt DJ Toddy. Das Publikum bringe bereits eine positive Grundstimmung mit und der DJ habe dann vier Stunden Zeit, ihnen eine großartige Party zu bereiten.

Und erst wenn die Show vorbei ist, die Tanzfläche im harten Neonlicht verdreckt und abgenutzt ausgeleuchtet wird, ist die Arbeit für den DJ vorbei. Wenn die Sonne wieder aufgeht ist sein Tag zu Ende. Auch wenn DJ sein nicht annähernd so glamourös ist, wie viele Partygänger es annehmen, Toddy, Matze, Guido und MonoKey haben viel Spaß dabei.

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