Mit der richtigen Musik und dem Wind um die Nase – KLUB DIALOG

Mit der richtigen Musik und dem Wind um die Nase

von  Anja Rose

Ich hänge auf meinem Sofa, starre die Staubteilchen an, die anmutig durch die Sonnenstrahlen schweben, und horche meinem Inneren hinterher. Psst. Da. Hört Ihr das? Exakt. Da bewegt sich rein gar nichts. Nicht eine Synapse funkt. Gefühlt geht das schon seit Tagen so. Schwerfälliges Denken vor Bildschirmen, kreativer Output undenkbar, Dynamik Fehlanzeige. Unerträglich ist dieser Stillstand.

Schluss jetzt damit. Hintern hoch, Schultern lockern, Hüfte wiegen, Augen zu und einfach tanzen! Genau das hilft nämlich gegen diese innere Schwere. Versinken in Musik. Denn mag die Starre selbst den letzten Winkel des Seins erreicht haben, mit dem passenden Rhythmus, den richtigen Tonfolgen bringt man alles wieder zum Schwingen und Klingen. Das funktioniert immer. Bei Schreibblockaden beispielsweise. Deswegen sitze ich nie auf einem Stuhl mit Lehne, sondern immer auf einem Hocker. Der nämlich lässt ausreichend Raum für Bewegung. Wenn sich nicht ein einziger sinnvoller Satz im Hirn formieren will, dann braucht es den Hockertanz. Zugegeben, bisweilen kommt es zu wenig eleganten Abstürzen. Aber das Risiko gehe ich gerne ein.

Sofa, Hocker oder Wohnzimmerteppich, Gemütsschwere, Denkblockade oder Stress – das Gute ist: Mit der passenden Musikauswahl lässt sich jeder Stimmungszustand an egal welchem Ort beeinflussen. Der Rhythmus bestimmt die Dynamik. Das ist im auditiven Detail natürlich für jede*n anders, klar. Jazz beispielsweise scheidet die Geister wohl ebenso wie Death-Metal oder Rachmaninow. Und auch der Sitztanz ist nicht für alle die passende Bewegungsform. Manchen reicht auch das innere Abhotten. Aber darauf kommt es nicht an. Das Getragen-werden ist entscheidend. Das Loslassen und Auflösen des äußeren Fokus. Dieses Alleinsein im Inneren, das Mit-sich-im-Einklang sein … Stopp. Zuviel Blabla. Auch hier gilt: Nicht reden, machen.

Tanzen ist Bewegung, Sport sogar, wenn man erstmal ordentlich in Schwung ist. Dann fliegen die Arme, dampfen die Sohlen, rinnt der Schweiß und es braucht vor allem zweierlei: Raum und eine ordentliche Portion Dezibel. Wenn der Beat die Haarwurzeln zum Hüpfen bringt, ist alles bestens. Ganz egal, was die Welt gerade treibt und ob man dabei gut aussieht. Laut und wild ist das Leben! Na, zuckt schon der große Zeh?

»Nee, die Zeit des Tanzen-gehens ist doch vorbei.« Arbeit, Kinder, Alltag und so – nix mehr mit Eintauchen in wogender Menschenmasse, vom DJ durch die Songs getrieben, mitgerissen vom Beat, Aufhören unmöglich, weil der Rhythmus jedes Körperteil im Griff hat, die ganze Nacht bis morgens um fünf. Das war mal. »Jetzt geh ich lieber in die Kneipe und trink in Ruhe mein Bier.« Echt? Ja.

Ich hänge auf meinem Sofa. Starre noch immer die Staubteilchen an. Und weiß plötzlich: Jetzt reicht’s. Kein guter Club in der Nähe, ohnehin ist es nachmittags um drei, alles egal. Schuhe an, Stöpsel in die Ohren, Playlist starten, rauf auf’s Rad – und los. So lässt sich nämlich auch tanzen. Wann immer, wo immer, wie auch immer. Mit der richtigen Musik und dem Wind um die Nase braucht es nicht mal eine Tanzfläche. TKK-TKK-TAKKA-BÄNG!

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