Von Drachen, Individualitätssuche und vergiftetem Regen – KLUB DIALOG

Von Drachen, Individualitätssuche und vergiftetem Regen

Sezukis Tattoo-Kunst ist auch ein Protest

Drachen, Schatten und ein bisschen Blut. Damit kennt sich Sezuki aus, dafür lebt sie. Nicht als Fan von Game of Thrones – Sezuki ist freiberufliche Tätowiererin und Künstlerin aus Japan. Die heute 47-Jährige startet ihre Karriere 1995. Drei Jahre später ist die kleine, zierliche Frau für Tattoo-Conventions, Ausstellungen und zum Tätowieren auf dem gesamten Erdball unterwegs – bei Conventions oft unter den ersten Dreien. 2012 kommt Sezuki nach Bremen und baut sich ein neues Leben auf. Nach Japan zurück will sie nicht mehr. Von Atomkraft hält sie nichts und findet, die Menschen müssen mal aufwachen, vor allem in Japan. Neben der Kunst und ihrem Job als Tätowiererin ist Sezuki auch als Aktivistin gegen die Nuklearenergie unterwegs. Das Tätowieren, die vielen Tattoos auf ihrer Haut und die Malerei bedeuten für die Künstlerin sehr viel mehr als Körperschmuck.

In der heutigen westlichen Zivilisation sind Tattoos weder selten, noch werden sie im großen Stil von der Masse verpönt. Mitte 2017 war laut Merkur, statista und DER WELT jeder vierte bis fünfte Deutsche tätowiert. Es stellt sich die Frage: Ist ein Tattoo noch etwas Besonderes? Darüber hinaus, ob es denn etwas Besonderes sein muss. Schließlich können wir Menschen selbst entscheiden, wie wir unseren Körper schmücken.

Der Kunsthistoriker Dr. Ole Wittmann ist der Geschichte des Tattoos seit Jahren auf der Spur. Seine eigenen Tattoos bereut er nicht, erzählt er in der Reihe Typisch! vom NDR: „Bei den meisten Tätowierungen, die man hat oder die ich zum Beispiel habe, ist es einfach so, dass die da sind und die hinterfragt man dann auch nicht mehr.“ Es sei denn, sie seien eventuell mit etwas Negativem für einen Selbst im Nachhinein verknüpft. „Ansonsten ist es wirklich da wie ein Muttermal, was man ja auch nicht hinterfragt und irgendwann entfernen möchte.“ Mit 28 ließ er sich im Hamburger Tattoo-Studio Endless Pain, eine der frühen Adressen in der Tätowiererszene deutschlandweit, sein erstes Tattoo stechen. Einen Drachenfisch und andere japanische Motive vom Handgelenk bis zur Schulter. Mit der Umsetzung ließ er sich Zeit.

Das Tattoo als reines Schmucksymbol? Hier kommt die Thematik ins Spiel, die nicht nur für Tattoo-Anwärter, sondern auch für Kunsthistoriker wie Dr. Jan Ole Wittmann und Wissenschaftler spannend ist. Die Geschichte zeigt, dass die Motive und Gründe der Menschen, sich zu tätowieren, verschiedene Ursprünge haben.

Sezuki beim Tätowieren von Marcel
Foto Maria Wokurka

Tattoos unterscheiden sich von anderem Schmuck insofern, dass er nicht auf, sondern in der Haut getragen wird. Menschen definieren sich über Identität, aber auch über Grenzen. Die Haut ist Schutz und Grenze, vielleicht ist die Geschichte des Tattoos deshalb mit vielen Verboten und Widersprüchen verstrickt. In der Schweiz waren Tattoos bis 1996 verboten. Laut Gesetz handelte es sich beim Tätowieren um Körperverstümmelung. Tätowierungen sind eine Form der Kommunikation zwischen dem Einzelnen und seiner Umwelt, sie verleihen Reisen, Talente, Besitztümer, unseren Beziehungsstatus, Mut, Stärke, Erinnerungen, Protest und Provokation Ausdruck. Ebenfalls können sie Ausdruck von Schmerz, Langeweile und Ablenkung sein.

Seit sie denken kann, ist Kunst ist für Sezuki Leidenschaft und Ventil zugleich. Genauso wie ihre Tattoos: „Ich mag keine normalen Menschen, Menschen, die die Augen verschließen, die nicht akzeptieren. Ich mag, was andere hassen. In Japan hassen viele Menschen Tattoos. Vielleicht ist es ein Grund, warum ich angefangen habe Tätowierungen zu mögen, auch wenn es zynisch klingt.“

Als Kind hat Sezuki Probleme mit der Stimme, mit fünf Jahren fängt sie an zu malen und Klavier zu spielen. Mit 20 schließt sie sich als Keyboarderin einer Band an, vier Jahre später beginnt sie mit dem Tätowieren. Beim Tätowieren spürt die Künstlerin auch nach langer Erfahrung noch Adrenalin. Sezukis Motivation für Tattoos ist wie der Kampf gegen Atomenergie mit ihrer eigener Geschichte verknüpft.

Sezukis kleiner Shop in Bremen
Foto: Maria Wokurka

Für die Ausstellung Schmuck. Haut. Mode. Material und Mythos. 2014 an der Humboldt Universität in Berlin, beschäftigten sich über 50 Studierende mit der Frage, was Schmuck ist und wie der Mensch ihn einsetzt. Schmuck ist nicht gleich Schmuck, sondern dient auch in sozialer, politischer, gesellschaftlicher und künstlerischer Funktion. Schon als Homo Sapiens beginnen die Menschen damit, Dinge aus der Natur zu gestalten. Den Körper zu schmücken geht über die Grundbedürfnisse zum Überleben hinaus.

Die Ausstellung und Auswertung blickt auch auf die Geschichte der Tätowierung. Archäologische Funde von Figuren aus Holz, Ton und Knochen, die mit aufwendigen Mustern, zum Beispiel tribale Muster, geschmückt sind, können auf die Jahre 15.000 v. Chr. rückdatiert werden. Für die Einen beginnt die Laufbahn des Tattoos hier, für andere mit der über 5.000 Jahre alten Gletscher-Mumie Ötzi, die 1991 gefunden wird. Ötzis Körper bedecken circa 50 blauschwarze Tattoos in Form von Streifen und Linien, die meisten an den Hauptakupunkturlinien.

430 v. Chr. wird das Tattoo zum ersten Mal als Markierung für Gefangene und Sklaven im antiken Griechenland eingesetzt. Pilger und Kreuzritter tätowieren sich 1000 n. Chr. christlich-religiöse Motive. Das Wort „tattoo“ bringt James Cook 1771 von seiner Weltumsegelung nach Europa, „tatau“ ist tahitisch und bedeutet „eine Wunde schlagen“. Ab 1900 etabliert sich das Tattoo bei den Seemännern als Souvenir, 42 Jahre später tätowieren Nazis Nummern in die Unterarme von Gefangenen.

Der amerikanische Tätowierer Don Ed Hardy geht 1973 nach Japan, um dort die japanische Tätowierkunst Irezumi („Tinte einführen“) zu erlernen. Der japanische Stil verbreitet sich schnell, aber die Symbolik geht verloren. In der japanischen Tätowierkultur gibt es Regeln, es geht um die Stimmigkeit der Motive. Deshalb ist das Wissen über die japanische Geschichte und Mythologie äußerst wichtig. „Ich tätowiere nur originale Tattoos, niemals das Gleiche. Ein Tattoo ist schließlich kein T-Shirt. Oft kommen Kunden zu mir, die eine Kirschblüte und einen Drachen auf einem Arm, haben möchten. Aber das passt nicht, das sind verschiedene Saisons und Themen“, beschwert sich Sezuki. „Das Tätowieren ist mein Leben, alles ist handgemacht. Die Schattierungen und die Ganzkörper-Tattoos sind zuerst in Japan aufgetaucht. Ich mag unter meinem Namen keine schlechten Motive tätowieren.“

Skizze von Marcels Drache
Foto: Maria Wokurka

Marcel ist 22 und lässt sich von Sezuki einen Drachenkopf über seinen Bauch und den rechten Rippenbogen tätowieren. Flink und laut surrend gleitet Sezukis Nadel über die Haut, sie ist vollkommen vertieft in ihre Arbeit. An der Wand hängen eine grobe erste Skizze sowie eine abgeschlossene Drachenzeichnung, die dem Motiv auf Marcels Körper ähnelt. Die Tätowiererin erklärt, dass Vorlagen kein Problem seien, am Ende das Tattoo aber niemals genauso aussehen wird wie die Skizze an der Wand.

Sezuki ist ein Künstlername, den die Tätowiererin von ihrer Tattoo-Familie in Japan mit dem Erlernen der japanischen Tätowierkunst bekommt. Hier bekommt Sezuki auch ihr Lieblingstattoo, einen bunten Drachen auf dem rechten Oberschenkel. „Der Drache wird in der westlichen Kultur oft als etwas Böses gesehen, in Japan ist der Drache ein Gott“. Kleine Drachen als Motiv ergeben in Sezukis Augen daher keinen Sinn.

Tätowiert zu sein ist in Japan nicht ohne Weiteres akzeptiert und besonders als weibliche Künstlerin ist es ein harter Weg: „Japan ist eine Männerdomäne und von dem System bin ich ohnehin kein Fan. Das Land ist so abgeschlossen. Tattoos wurden bei uns in der Geschichte auch als Markierung für Verbrecher genutzt. Nach der Edo-Epoche wurden sie von der Regierung dann als hässlich erklärt und verboten. Tätowieren ist heute nicht mehr illegal, aber auch nicht wirklich legal. Mit meinen vielen Tattoos werde ich dort schon schief angeschaut“, sagt Sezuki.

Sezukis Lieblingstattoo auf dem rechten Oberschenkel
Foto: Maria Wokurka

Als 2012 die Reaktor-Katastrophe in Fukushima passiert, sitzt Sezuki im Flugzeug nach Barcelona. „Als ich zurückkam, stand für mich relativ schnell fest, dass ich hier nicht mehr leben möchte.“ Als Aktivistin hatte sie immer den Gedanken, dass der Wahnsinn gestoppt werden müsse. „In Japan verschließen die Leute die Augen.“ In Deutschland findet sie Unterstützung für ihre künstlerische Arbeit. Heute hat Sezuki zwei kleine Tattoo Studios in Bremen und Hamburg (Pain´t´house Tattoo Hamburg) und ein kleines Ramen-Restaurant im Wallforum in der Bremer Innenstadt.

Ohne die Kunst würde ihr viel, vielleicht alles, fehlen. Die Tattoos auf ihrer Haut sind auch Ausdruck von Rebellion gegen ein System mit vergiftetem Regen, in das sie nicht gehört.

 

Mit großem Dank an Solveig Rixmann für die zusätzliche Recherchearbeit

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