Der erntefrische Pop-up-Store – KLUB DIALOG

Der erntefrische Pop-up-Store

Landwirt Christian Buschmann setzt auf Ehrlichkeit. Sein Marktstand hat keine Verkäufer

Ein zögernder Blick auf die Kartoffeln, ein prüfender auf die Möhren und dann greift die Dame zur Zange. Das Gemüse wandert in eine braune Papiertüte. Sie wiegt ab und lässt den auf der Waage angezeigten Geldbetrag in einen Münzschlitz fallen. „Ehrlich. direkt. natürlich“ wirbt gleich daneben ein Plakat. Auf ehrliche Menschen wie diese Dame baut das Konzept von „Bauerlino“. Das „frische Gemüse vom Bauern aus der Region“ soll sich nämlich ohne Verkäufer verkaufen.

„Ich kann’s noch gar nicht glauben!“ Christian Buschmann beobachtet aufmerksam das Geschehen an seinem Holzstand in der Markthalle 8: „Das ist ganz schön spannend, wenn so eine verrückte Idee tatsächlich auf Interesse trifft.“ Es ist Anfang November und für den gelernten Landwirtschaftsmeister der erste Tag als Pop-up-Marktstand-Unternehmer. Rund ein Jahr hat der 31-Jährige von der Idee über die Finanzierung, die Suche nach dem Standort mit Hilfe der Zwischenzeitzentrale, den Kauf einer geeichten Waage bis hin zu den verkaufsfertig gefüllten Gemüsekisten gebraucht. Unterstützung bekam er von einem Geschäftspartner, der als stiller Teilhaber fungiert.

Landwirt Christian Buschmann ist „Bauerlino“. Foto: Annekathrin Gut

Was bei „Bauerlino“ angeboten wird, stammt von Buschmanns Hof in Blockwinkel südlich von Bassum und dem Hof seines Nachbarn in Neuenkirchen. Hier gibt es robuste Sorten, die sich im Biolandbau bewährt haben: die Kartoffel „Ditta“, die Möhre „Nerac“ und die Zwiebel „Highlander“. Auch wenn das Gemüse kein Bio-Siegel trägt, schwört der Landwirt auf die gute Qualität der Produkte seines Ackerbaubetriebs: „Es geht um die Anbaumethoden. Wir verzichten zum Beispiel auf chemische Pflanzenschutzmittel.“ Buschmann ist überzeugt, dass die Kunden den Unterschied schmecken.

Dass viele Verbraucher eher dem Bio-Siegel als dem Bauern aus der Region vertrauen, findet er schade. „Konventionell heißt nicht schlecht. Und wie nachhaltig ist eine Bio-Kartoffel tatsächlich noch, wenn sie aus Rumänien hierher transportiert wurde“, fragt Buschmann. Er kennt rund vierzig weitere Landwirte in der Region – zum Beispiel in Worpswede, Thedinghausen, Delmenhorst, Ganderkesee und Syke –, die nach ähnlichen Methoden arbeiten und die er als „Bauerlino“-Lieferanten gewinnen will: „Wir wissen, dass es Bio ist, weil wir die Höfe kennen.“

Einsammeln, Abwiegen, Online-Bezahlen am Marktstand von „Bauerlino“. Foto: Annekathrin Gut

„Bauerlino“ will im Kleinen der Marktmacht der Supermärkte etwas entgegensetzen. „Mich ärgert, dass gute Produkte so verramscht werden“, sagt Landwirt Buschmann. Durch sein Direktvertriebsmodell soll unterm Strich mehr für den Landwirt übrig bleiben. Es spart den Zwischenhändler und die Kosten fürs Verkaufspersonal.

Der Kunde zahlt für das Gemüse nach Angaben von Buschmann etwa so viel wie in großen Supermärkten – aber immer noch weniger als auf dem Wochenmarkt.  Einen Schwund von rund zwanzig Prozent hat er eingepreist. Erfahrungen mit dem Selbstbedienungsmodell hat er schon auf einem anderen Feld gesammelt: Buschmann bewirtschaftet 14 Flächen in und um Bremen, auf denen Blumenfreunde selber Sträuße schneiden können. Für die Markthalle glaubt er: „Hier ist man mehr Teil einer Community. So sind die Leute eher bereit zu zahlen, als wenn man kilometerweit von der Stadt entfernt ist.“

Wie bei seinen Blumenfeldern soll auch an den Marktständen das Bezahlen nicht nur mit Bargeld möglich sein, sondern auch ganz modern, nämlich digital. Das geht über Paypal oder mit einem QR-Code direkt über das Smartphone, demnächst auch mit einem Online-Bezahlsystem der Volksbanken und Sparkassen.

Wenn es in der Markthalle 8 gut läuft, will Buschmann „Bauerlino“-Stände auch in verschiedenen Einkaufszentren aufstellen: „Wir wollen in die Stadtteile gehen, an die Arbeitswege der Menschen. So dass sie in der Mittagspause oder nach der Arbeit eben noch frisches Gemüse mitnehmen können.“ Oder auch selbstgemachte Hafer-, Dinkel- oder Buchweizenflocken. Als nächstes möchte Christian Buschmann nämlich eine Getreidequetsche aufstellen.

Mehr Infos unter www.bauerlino.de.

Wie gelangt Gemüse direkt vom Landwirt zum Verbraucher?

Es gibt eine Reihe weiterer neuer oder auch schon bewährter Modelle, wie die Erzeuger von Gemüse und anderen Lebensmitteln direkt mit den Verbrauchern in Kontakt kommen. Wir stellen einige vor:

Als Pilotprojekt ist die ErnteBox  im September und Oktober in Bremen gestartet. Aus dem „Hofladenautomaten“ können sich Kunden jederzeit frische, gekühlte Lebensmittel ziehen.  Beide  Geräte standen mitten im Wohngebiet, einer davon auf dem Stadtwerder. Sie wurden aber mittlerweile abgebaut. „Die Testphase hatte uns anfangs vor einige größere Herausforderungen gestellt. Doch war sowohl die Kundenresonanz als auch unser Wachstum positiv“,  sagen die ErnteBox-Gründer Ben Kohz und Jonas Meder. Nun wollen die Unternehmer die Wünsche von Kunden umsetzen, weitere Landwirte für das Vorhaben gewinnen und im Frühjahr neu starten.

Pilotprojekt: Der Hofladenautomat auf dem Stadtwerder. Foto: ErnteBox

Bei ErnteBox kaufen landwirtschaftliche Betriebe einen oder mehrere Automaten. Das Unternehmen selber kümmert sich um die Wartung, Logistik und das Marketing der Hofladenautomaten. Der Platz in den Geräten wird zwischen allen teilnehmenden Landwirten aufgeteilt. „So finden Sie in jedem Hofladenautomaten Produkte von verschiedenen Landwirten, die jedoch alle direkt vertrieben werden“, so Kohz und Meder.

Über die Plattform Pielers können regionale Hersteller ihre Produkte online vertreiben. Neben Fleisch und Gemüse gibt es hier auch Kaffee, Gewürze oder sogar Krabben. „Wir sehen uns ganz klar als Ergänzung zum klassischen Handel, zum Online-Versand oder zum Hofladen“, sagt Pielers-Entwicklerin Julia Köhn. Die Erzeuger stellen ihre Produkte in dem Shop-System ein, das Start-up aus Geestland bei Bremerhaven übernimmt gegen Provision Bestellabwicklung, Abrechnung und Vertrieb.

Frisches Gemüse wird in vielen Regionen auch nach Hause geliefert. Der Klassiker in Bremen, und seit fast zwanzig Jahren aktiv, ist die Öko-Kiste: „Den größten Teil des Frischeangebotes erhalten wir von regionalen Erzeugern und vom örtlichen Bio-Großhändler“, wirbt das Unternehmen aus Bremen-Borgfeld auf seiner Website. Die Waren sollen immer aus ökologischem Anbau stammen. Daneben gibt es weitere Abo-Kisten wie die von Gärtnerei Kronacker oder die Frischekiste.

Ein Modell, bei dem der Konsument direkt am Anbau beteiligt ist, bietet die Solidarische Landwirtschaft. Dabei schließen sich Verbraucher langfristig zusammen, die gemeinsam einen landwirtschaftlichen Betrieb finanzieren und sich solidarisch die Ernte teilen. Die Kosten, die Ernte und auch das mit der biologischen Produktion einhergehende Risiko der Ernteausfälle tragen alle Beteiligten gleichermaßen. Auch rund um Bremen gibt es einige Höfe.

Die Autorin und das Startup

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