Ein Hoch auf die Kult-Mädchen – KLUB DIALOG

Ein Hoch auf die Kult-Mädchen

Was wir auch heute noch von Räuberinnen und Efraimstöchtern lernen können
Geheimnisvolle Höhlen & die Macht der Bäume: Räubertochter Ronja kennt ihr Terrain wie die eigene Westentasche. Foto: Maria Wokurka

Wir wollen, nein, wir sollen, immer brave Mädchen sein. Während der Schule gute Noten nach Hause bringen und nicht zu viel im Dreck tummeln – das gehört sich für Mädchen nicht. Nicht auf Herrenrädern fahren, da könnte man die Unterhose sehen. Eine kleine Randnotiz: Bei Jungs gehört das alle Jahre wieder zum angepassten, guten Modegeschmack, wenn man(n) Unterhose zeigt. Und sobald wir dann geschlechtsreif sind und Sex ein Thema wird, hören wir Mädchen eigentlich nur noch „pass auf!“. Und wenn wir dann eigenständig aufpassen, heißt es: Bitte nicht mit Jedem, der uns gefällt. Das schickt sich nicht.

Irgendwann entdecken viele Mädchen, dass sie vielleicht nicht so brav und so tugendhaft leben wollen. Zumindest vielleicht nicht immer und vielleicht auch nie. Dann sind wir meist aber keine Mädchen mehr und schon erwachsene Frauen. Und oftmals verstehen wir für eine lange Zeit die Welt und uns selbst nicht mehr, weil wir entweder uns selbst nicht erlauben so zu sein, wie wir sind oder denken, etwas könnte falsch daran sein. Im besten Falle begeben wir uns auf eine lange Reise zu uns selbst und zu unserem Inneren, finden heraus, wer wir sein möchten und akzeptieren das Ganze. Nehmen es an. Diese Erkenntnis, Selbstfürsorge und der Respekt vor unserer eigenen Person, vor uns als Frau, führt uns oft auf Wege und Situationen, die uns überraschen, die unerwartet sind.

Von großen Tugenden wie Mut, Herz und Seele

Wir wollen nicht immer brave Mädchen sein! Und wozu genau soll das überhaupt gut sein! Ronja Räubertochter, Pippi Langstrumpf und Momo sind nur Geschichten, aber diese Kult-Mädchen, wie ich sie nenne, inspirieren mich bis heute und werden es immer tun. Die hatten sicher auch Flausen im Kopf. Und die Schule zu besuchen, wenn wir Mädchen die Möglichkeit dazu haben, ist ganz sicher nicht verkehrt. Dennoch können wir aus den Kultgeschichten der drei Mädchen viel lernen. Haben diese drei Kult-Mädchen doch das Herz am rechten Fleck, schämen sich nicht für ihr Rebellinnen-Dasein und ihren Mut, und wissen ganz genau, wo für sie gerade der richtige Platz ist, um ihre Liebsten und die Welt zu retten: Der kleine Drecksspatz Ronja, der gegen Räuber im Wald kämpft und garantiert keine Probleme hat, in freier Wildbahn zu überleben. Die starke, tierliebe Efraimstochter Langstrumpf, die die Weltmeere unsicher macht und dabei weder Piraten noch Haie fürchtet. Und die Momo, die ja nun wirklich mal die ganze Welt in ihrem Kampf gegen die Zeit-Diebe gerettet hat – ihre Geschichte ist ein Seelenöffner für das, was uns im tiefsten Inneren wirklich am Herzen liegt. Wir hören nur nicht mehr zu und sehen nicht mehr so viel hin, was da im Inneren bei uns passiert.

Es gibt natürlich nicht nur Geschichten über Kult-Mädchen. Kultgeschichten begleiten uns auf verschiedene Art und Weise während unserer Kindheit, darüber hinaus und natürlich gibt es auch kultige Jungs. Auch ich habe trotz meiner Sympathie für die Kult-Mädchen genauso gern die Abenteuer von Atréju im Kampf gegen „Das Nichts“ sowie die Lausbubenstreiche von Max und Moritz verschlungen. Nur, und das soll nicht unfair klingen, ist es weniger außergewöhnlich als die Kult-Mädchen, weil Jungs seit jeher mit Tapferkeit, Kampf und Mut in Verbindung gebracht werden. Noch dazu wurden die Kult-Mädchen zu Zeiten geschaffen, in der es mit der Emanzipation doch noch ein bisschen anders aussah als heute. Hier sind es vor allem die vielen Abenteuer von Pippi, die es schon seit 1945 gibt. Ronja und Momo erschienen erst in den 70er und 80er Jahren: In der Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es schon mehr Rebellion an der Damenfront und Anfang der 70er auch die ersten Frauenproteste.

Reiz der Einsamkeit: Zeit-Retterin Momo schlüpft in einem alten, zerfallenen Amphitheater unter. Foto: Maria Wokurka

Nur allzu gern würde ich Michael Ende, der neben Momo u.a. die wunderbaren, starken Jungs aus der Unendlichen Geschichte und Jim Knopf schuf, und Astrid Lindgren, die neben der Efraimstochter und dem mutigen Drecksspatz noch vielen mehr und auch männlichen, kleinen Helden wie Michel aus Lönneberga und Meisterdetektiv Blomquist das Leben einhauchte, persönlich fragen. Um zu erfahren, warum sie die Figuren erschufen, was sie dazu bewegt hat und warum die Geschichten von Momo, Pippi und Ronja erzählt werden müssen. Um selbst zu fragen, bin ich ein bisschen spät dran. Allerdings weiß ich ja auch, warum die Kult-Mädchen für mich Heldinnen sind und bleiben – für immer. Und klar, Kultgeschichten, die ich früher verschlang, sind doch heute genauso beliebt. Denke ich…

Drecksspatz, Zeit-Diebe und Seeräubertöchter sind out, oder nicht?

Die Geschichtenhändlerin Julia Klein ist seit 2002 als professionelle Erzählerin in Bremen, Deutschland und international unterwegs. Nach Jahren als Schauspielerin und Moderatorin begegnete sie vor siebzehn Jahren bei einem Festival in Graz internationalen Erzählern und Erzählerinnen und verliebte sich in das Geschichtenerzählen als Sparte der darstellenden Kunst. Klein sagt, dass sie sich nicht so sicher sei, ob die bekannten Kultgeschichten von z. B. Lindgren wirklich alle Zeit überdauern: „Was mir auffällt: Viele Kinder, mit denen ich zu tun habe, kennen Till Eulenspiegel nicht, bei Momo denken sie an die angsteinflößende Internetfigur und von Pippi Langstrumpf wissen sie, dass sie stark ist und ein Pferd hat.“ Für die Betrachtung meinerseits, dass sich viele Kultgeschichten um mutige, furchtlose Mädchen drehen, und warum das denn so ist, sieht die Geschichtenhändlerin mehrere Gründe und Ansätze: „Vielleicht eine Mischung aus Wahrheit (Mädchen sind ebenso gewitzt wie Jungs, warum also nicht eine weibliche Hauptfigur), Sehnsucht (in der Phantasie ist Unmögliches möglich, es werden andere Realitäten geschaffen), Zielgruppe (Astrid Lindgren erzählte ihrer Tochter zum Gesundwerden, da liegt es nahe ein starkes Mädchen zu wählen) und Hauptkonsumentenschaft (prozentual wählen eher Frauen die Lesestoffe aus und sind in Kita und Grundschule tätig).“
Als Erzählerin liegen Klein weibliche Hauptfiguren am Herzen und nicht selten mache sie aus männlichen Helden, die doch insgesamt in der Überzahl sind, weibliche Hauptfiguren.

Endlosigkeit & Freiheit: Pippi Langstrumpf ist auf den Meeren ebenso zuhause wie in ihrer Villa Kunterbunt. Foto: Maria Wokurka

Letztendlich kommt es darauf an, was wir an Geschichten lieben und warum wir uns in sie verlieben. „Ich liebe an Geschichten die Möglichkeit mit den handelnden Figuren unbekannte, spannende, romantische Situationen zu durchleben, mit ihnen zu lachen und zu leiden“, erklärt die Geschichtenhändlerin Klein. Genau das ist es doch. So habe ich mich in Ronja, Pippi und Momo, die Retterin der Zeit, – und viele mehr – verliebt. Und selbst wenn sie heute kein Mensch mehr mögen würde, was kümmert es mich. Sie bleiben meine Kult-Mädchen. Weil sie mutig und selbstbewusst sind, sich nicht so viel darum kümmern, was die Anderen denken und sagen. Weil sie Herz, Freigeist und Rückgrat besitzen. Und weil sie keine braven Mädchen sein wollen.

Die Autorin

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