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Wie Du Dir Crowdfunding zur Hölle machst

Ein Erfahrungsbericht

Crowdfunding ist eine schöne und tolle Sache. Erstaunlich viele Menschen sind bereit, gute Ideen mit dem einen und anderen Euro zu unterstützen – und sie wollen dafür nicht mal etwas Großartiges im Gegenzug erhalten. Den meisten geht es tatsächlich darum, Deinem Projekt auf die Beine zu helfen. Was kann also schiefgehen?

Wovon dieser Text nicht handelt: er handelt nicht von all den klassischen Fehlern, die man beim Thema Crowdfunding begehen kann – die sind an anderer Stelle ausführlich genannt.

Stattdessen wirst Du nun einen Text lesen, den ich gerne gelesen hätte, bevor wir mit dem Crowdfunding Ernst machten. Er trägt den irgendwie abschreckenden, aber treffenden Titel:

Wie Du Dir Crowdfunding zur Hölle machst,

weil die Zeit vom Projektstart bis zum (glücklicherweise erfolgreichen) Ende nicht die entspanntesten Wochen unseres Lebens war. Um Deine Neugier zu befriedigen ein paar Zeilen: wir, das bin ich und ein weiterer im Herzen jung gebliebener Theaterschaffender. Wir haben im letzten Jahr ein sensationelles Theaterstück auf die Bühne gebracht, das nun wieder aufgenommen werden will. Dummerweise kostet so eine Wiederaufnahme viel Geld, und einen Teil des Budgets wollten wir mit Hilfe der Crowd zusammenschaufeln.

Dieser Text wird Dich nicht mit dem Inhalt eines sehr guten Theaterstückes belästigen. Stattdessen gebe ich Dir nur einen Tipp, den man nicht laut genug schreiben kann:

Mach es bloß nicht zum ersten Mal.

Wir hätten vorher dieses Neuland Crowdfunding proben und üben sollen, bevor wir gleich mit einem richtigen Projekt beginnen und auf das Fundingziel tatsächlich angewiesen sind. Das ist die Haupterkenntnis unserer Crowdreise. Leider hätten wir allerdings, wenn uns das vorher jemand gesagt hätte, reagiert wie Du wahrscheinlich jetzt auch: „Danke für den Tipp, aber ich mach das jetzt einfach mal. Wird schon. Haben andere ja auch geschafft.“

Es ist ja auch einfach. Man braucht ja nur eine ganz, ganz tolle Idee. Die packt man in ein paar kurze Texte, damit auch jeder das Vorhaben versteht und dreht ein kleines Video dazu – fertig. Dann muss man nur noch ein paar Leuten Bescheid geben, die teilen die sagenhafte Idee dann mit all ihren Mitmenschen, weil sie davon so begeistert sind, und schon trudeln täglich ein paar Hundert Euro ein und am Ende hast Du das ursprüngliche Ziel weit übertroffen und weißt gar nicht, wohin mit dem Geld.

Tatsächlich macht man sich nur unzureichende Vorstellungen davon, was Crowdfunding bedeutet. Deswegen wiederhole ich den Tipp noch einmal: diese Art der Geldbeschaffung erfordert Übung und Praxis. Wie ein Beruf. Aber nicht irgendein Beruf, es sollte in Richtung PR und Werbung gehen. An dieser Stelle sei gesagt: Wer von Natur aus eher zur Zurückhaltung neigt, braucht sich in diesem Feld gar nicht erst zu versuchen. Bitter, ich will Dich eigentlich gar nicht entmutigen. Es geht im wesentlichen um zwei Dinge.

Nummer 1:

Man muss lernen, laut zu sein. Und zwar furchtbar laut. Das Crowdfundingprojekt muss überall gestreut werden. Man muss die richtigen Leute erwischen und dazu bringen, deine Idee zu verbreiten. Außerdem musst Du die sozialen Medien beherrschen und die klassischen Medien auch.

Das ist eigentlich im Grunde genommen der Kern von Crowdfunding: Werbung. Massive Werbung. Dein Projekt muss so breit wie nur irgendmöglich in die Welt posaunt werden. Aber, wie angedeutet, so etwas erfordert eine gewisse Übung, Routine und einen Hauch von professioneller Geduld. Leute zum Beispiel auf die Premiere eines Theaterstücks aufmerksam zu machen ist eine Sache – darin sind wir einigermaßen erprobt. Menschen allerdings darauf aufmerksam zu machen, dass es ein weiteres Crowdfundingprojekt gibt, zwischen den Zehntausend zeitgleich laufenden, ist etwas ganz und gar anderes. Ehrlich, wenn Du das zum ersten Mal machst, hast Du keine Idee davon, wie anstrengend und zeitweise sehr enttäuschend diese Aufgabe sein wird. Und bis Du das gelernt hast, ist leider sehr viel wertvolle Crowdfundingzeit verstrichen.

Nummer 2:

Wir haben völlig unterschätzt, dass wir fremd waren in der Crowdfundingwelt. Nicht, dass dort ein rauer Ton herrschte oder wir angefeindet wurden, weil wir neu waren. Aber wir waren nunmal ganz frisch in der Szene und hatten dementsprechend ein leeres Profil: noch nie haben wir etwas unterstützt, noch nie haben wir jemandem einen Rat gegeben, noch nie hatten wir Projekte mit einem schönen Like gewertschätzt. Wir waren die Fremdkörper, die sich in ein System einschlichen, um Vorteile daraus zu ziehen. Wir waren brandneue Parasiten, die sich vorher nie um die Crowdfunding-Community scherten.

Mittlerweile wissen wir rudimentär, welche Sprache dort gesprochen wird – dummerweise halt erst jetzt. Die Sprache auf den Plattformen ist einfach, direkt und klar. Klingt simpel, aber den Ton muss man sich erstmal draufschaffen. Die drei Monate, die wir in der Gemeinschaft verbracht haben, haben auf jeden Fall nicht ausgereicht, alles richtig kennenzulernen.

Es wird Zeit, diesen Text zu beenden, denn die bittere Wahrheit ist erwähnt und bedarf keiner weiteren Ausführung: Mach es halt nicht zum ersten Mal. Bevor Du ernsthaft Geld über Crowdfunding beschaffen möchtest, übe erstmal an einem Fake-Projekt und lerne, lerne, lerne.

Peer Gahmert

ist in der Bremer Kreativlandschaft und in den überregionalen Medien zu Hause. Regisseur und Dramaturg, Satiriker und Projektleitung des KLUB DIALOG- als wissensdurstiger Multiinteressierter hat er einen Hang zu spannenden Abenteuern und ausgefallenen Geschichten.

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