Eine kleine Liste leuchtender Lebenslieben – KLUB DIALOG

Eine kleine Liste leuchtender Lebenslieben

von  Anja Rose

Ja, es ist wohl das älteste Thema der Menschen überhaupt. Beschrieben, besungen, verrufen, verdammt und gepriesen, abgedroschen. Und wir lieben gestern wie heute und morgen vieles. Wochenende, Sonnenschein, fette Autos, gutes Essen, unsere Ruhe, Reisen, den Job, die Familie natürlich, süße Katzenvideos und die Äpfel aus Nachbars Garten. Lieben ist so inflationär wie belanglos.

Aber. In Zeiten wie den jetzigen ist das Lieben wichtiger denn je. Oder besser: Der Blick auf die Dinge, die wir lieben, hilft bei all dem qualmenden Grau um uns herum. Wo geht das Herz wirklich auf, wird uns wohlig und ein Lächeln stielt sich in unser Gesicht, ganz ohne Zutun und einfach bloß so? Mal sehen. Da wären die «zu verschenken«-Kisten auf Gehwegen, weil sie sagen: Jemand hat darüber nachgedacht, dass die aussortierten Dinge einen Wert haben, den es weiterzugeben lohnt. Blaue Glasscherben in der Erde eines Gehweges, festgetreten und zwischen die Kiesel sortiert, weil sie die Sonne einfangen und den Blick nach oben in den weiten Himmel lenken. Bäume in Dachrinnen, weil sie sich der Erwartung widersetzen, auf der Erde zu stehen und stattdessen ihre Wurzeln in die Luft strecken. Das Wort »Nischel«, weil ich dazu das Lachen meiner Großmutter höre, wenn sie sich mal wieder den Kopf an der Leuchte über dem Esstisch gestoßen hat. Einen leckeren Salat, ein gutes Buch, Rommee spielen bis tief in die Nacht.

Ja, sorry, keine Überraschung dabei. Alles schon mal gewesen, gelesen, gedacht. Weil die Dinge an sich belanglos sind? Vielleicht. Nichts davon ist irgendwie erstaunlich oder sonst wie originell. Nichts davon lässt sich erzählen, was nicht irgendwer schon mal irgendwo beschrieben, besungen, verdammt oder gepriesen hätte. Mag sein. Aber darum geht es nicht. Es geht darum, hinzuschauen. Denn wenn wir uns jetzt, nach allem und mitten drin im vernebelten Grau von Winter und gekrieselten Jahr, nicht darauf besinnen, wo das Licht herkommt, was das Drumherum wundervoll und einzigartig macht, wenn wir genau jetzt vergessen, was wir lieben, verlieren wir das Wesentliche aus dem Blick. Dieses ganz und gar kitschige »lieben«, genau das ist doch der Grund für unser Miteinander. Für Respekt, Toleranz. Für Verständnis und Zugewandtheit. Weihnachtliches Geschwurbel? Jep. Nervt? Sorry. Aber ein Versuch ist es wert.

Lieben Gruß.

Die Autorin

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