Für mehr Warums und keine Antworten! – KLUB DIALOG

Für mehr Warums und keine Antworten!

Vielfältig erzählen in Kinderbüchern

„Warum?“ ist wohl die beste Frage ever, die 1 Mensch stellen kann. Glücklicherweise fangen Menschen damit ziemlich früh an. Genauer gesagt ab ungefähr dem zweiten Lebensjahr. Dann ist „Warum“ im Standardrepertoire von fast jedem Kind zu finden. Gerne natürlich auch mit Anhängseln wie: „Warum habe ich keinen Bart?“, „Warum musst du immer arbeiten?“, „Warum darf ich kein Spiderman sein“, „Warum sind Meerjungfrauenkostüme für Mädchen?“ und „Warum weißt du das nicht?“

„Nour fragt warum?“ von Felisa Talem (2019) Illustration: Brigitte Boomgaarden aka Moni Lang

Letzte Frage – gute Frage. Vielleicht weil alle potenziellen Antwort-Menschen auch einfach mal einen leeren Kopf haben, aber vielleicht auch, weil auch wir nicht immer die Antwort wissen. Und das ist genau richtig so. Aus zweierlei Hinsicht. Erstens, weil es keine einzige Person auf der ganzen weiten Welt gibt, die alles weiß und zweitens, weil uns jede Frage, die wir nicht beantworten können, neuen Space für neue Ideen und Erzählungen gibt. Wir können uns auf die Suche nach neuen Antworten machen.

Also einfach mal zugeben, wenn mensch was nicht weiß. Sich lieber zusammen auf die Suche begeben nach Fakten, die Normen und Regeln hinterfragen lassen. Einige Antworten sind nur persönlich am besten zu beantworten, da hilft es, sich gegenseitig zuzuhören.

 

 

Wie zum Beispiel im Bilderbuch „Nour fragt Warum?“ (2019), welches von mir illustriert und mit konzipiert wurde. In diesem Kinderbuch haben wir – „Felisa Talem“: Zehn Studierende des Masters Kulturanalysen an der Uni Oldenburg – diese Möglichkeit einfach mal mit fünf Situationen verknüpft. Da ist zum Beispiel Luca, der sich gerne zum nächsten Fasching als Meerjungfrau verkleiden möchte und Lucas Opa, der das gar nicht versteht, da Luca doch ein Junge ist. Doch dann platzt das Kind Nour in jede Situation und ruft laut und selbstbewusst „Warum?“. Nour ist ein utopisches Kind, welches von irgendwelchen Regeln bezüglich Kostüme, Kleidung und weiterem Kram noch nie was gehört haben will und dies auch konsequent durchzieht.

 

Cover Kinderbuch „Nour fragt Warum?“ von Felisa Talem. Illustration: Brigitte Boomgaarden aka Moni Lang
Nour stellt sich vor im Kinderbuch „Nour fragt Warum?“ von Felisa Talem.
Illustration: Brigitte Boomgaarden aka Moni Lang

Nach jedem „Warum?“ von Nour soll Space für weitere Fragen und mögliche Antworten abseits oder auch irgendwo zwischen-mittendrin in unserer angeblichen Rosa-Hellblau-Welt entstehen, da eine konkrete Antwort erstmal ausbleibt. „Warum soll Luca sich nicht als Meerjungfrau verkleiden dürfen?“, „Warum spielt es eine Rolle, dass Luca ein Junge ist?“, „Ist Luca überhaupt ein Junge?“, „Was ist ein Junge?“ und „Sollten Kinder nicht selbst entscheiden dürfen, was sie mögen oder nicht?“

Über diese Fragen kann zusammen sinniert werden und wahrscheinlich findet jedes einzelne Kind auch seine ganz eigenen Antworten – zur Geschichte von Luca, für seine eigenen Erzählungen. Einfach mal Space lassen für einfach mal sein dürfen. Denn:

 

„Mit Blick auf die Kinder gilt, Vielfalt mit Wohlwollen in den Blick zu nehmen: Manche sind gerne Mädchen* oder Jungen*, andere probieren mehr geschlechtliche Varianten aus,
sie verhalten sich geschlechtlich nicht eindeutig, anderen ist Geschlecht nicht wichtig. Diese Verschiedenheit gilt es zu sehen, anzuerkennen und möglich zu machen.“ (Dr.in Ines Pohlkamp)

 

 

Moin! Nour aus „Nour fragt Warum?“ von Felisa Talem (2019). Illustration: Brigitte Boomgaarden

Dieses Zitat stammt aus dem Reader für vielfältige Kinderbücher „Akzeptanz für Vielfalt von klein auf!“ (2019) von Dr.in Ines Pohlkamp, die u.a. im Gender Studies Institut Bremen arbeitet. Gerade dieses „Möglich-Machen“ hat uns als Autor*innen und mich als Illustratorin von „Nour fragt Warum?“ im speziellen stark bei der Umsetzung interessiert. Denn wir brauchen nicht nur Space hinter den „Warums“ dieser Welt, sondern auch Erzählungen, die vielfältige Antworten zulassen. Texte und Bilder, die aus dem Rahmen fallen, die die Vielfalt von Kindern sehen und anerkennen.

Im Prozess des Illustrierens von „Nour fragt Warum?“ war mir wichtig Geschlechterstereotype, insbesondere bei der Farbwahl, nicht zu wiederholen. Auch verschiedene Hautfarben und vielfältige Körper sollten abgebildet werden. Denn das Zitat von Dr.in. Ines Pohlkamp geht noch weiter mit der Aussage:

 

„(…) Kinder (sind) mehr als ihre geschlechtliche Identität, denn sie sprechen beispielsweise verschiedene Sprachen, einige sind Einzelkinder, andere haben ein oder mehrere Geschwister, es gibt verschiedene Hautfarben, sie haben verschiedene Fähigkeiten und Interessen, einige haben Eltern/Erziehungsberechtigte,die einer Lohnarbeit nachgehen, andere sind ohne Lohnarbeit, manche haben Haustiere zuhause, andere wiederum nicht, einige haben stabile familiäre Netzwerke, andere nicht. Es gilt, die Verschiedenheiten und Gemeinsamkeiten zu benennen und sie nicht gegeneinander auszuspielen, sondern sie anzuerkennen.“ (Dr.in Ines Pohlkamp)

Der Vielfalt im vielfältigen Erzählen, ob durch Bilder oder Texte oder gerne auch in Kombination, sind keine Grenzen gesetzt. Also mehr vielfältig erzählen damit wir nicht selbst zum „Warum?“ werden, damit wir immer weiter mutig „Warum?“ fragen und auch wir als potenzielle Antwort-Menschen immer wieder ins Stocken kommen, innehalten und unsere vorgefertigten Antwortmuster durchbrechen.

Mehr Infos zum Kinderbuch:
www.monilang.de/nourfragtwarum

zum Lehr-Lern-Forschungsprojekt:
www.materiellekultur.de/praxen-des-cross-dressings/

zum Reader „Akzeptanz für Vielfalt von klein auf!“
Reader: Akzeptanz  für Vielfalt von klein auf! Von Ines Pohlkamp, Kevin Rosenberger [Hg.], 2019
PDF: http://www.akzeptanz-fuer-vielfalt.de/fileadmin/daten_AfV/PDF/AWS_MAT16_2018_02_Akzeptanz_fuer_Vielfalt_Kinderbuecher.pdf

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