Ohne Schweiß kein Preis – KLUB DIALOG

Ohne Schweiß kein Preis

Für die Umwelt schwitzen kann Spaß machen, muss es aber nicht
Ländliche Idylle im Hochsauerland. Foto: Kirsten Hillebrand

Ich bin im Hochsauerland aufgewachsen. „Wo liegt das noch mal?“ – „Zwischen Kassel, Paderborn und Dortmund ist auf der Karte doch so ein großer grüner Fleck. Da.“, sage ich dann. Wo Kühe neben Löwenzahn dösen, Güllesilvester ein Begriff ist und zu einer ordentlichen Mahlzeit Gemüse, Kartoffeln und ein Stück Fleisch gehören (außer freitags).

Mit anderen Worten – ich bin sehr naturverbunden aufgewachsen. Einerseits. Andererseits hat mir persönlich die scheinbare Idylle wenig Vergänglichkeit vermittelt. Irgendwie schien hier die Welt in Ordnung und ich empfand jahrelang keinerlei Dringlichkeit, mich aktiv für Umwelt- und Klimaschutz einzusetzen.

Ich bin jetzt 28. Seit ich vor zehn Jahren ausgezogen bin, habe ich meine eigenen Entscheidungen zu verantworten: Stromanbieter, Lebensmittel, Zimmertemperatur, Klamotten und Reisen. Aus heutiger Sicht bin ich etwas schockiert, wie konsequent ich im Alltag an meinem Umweltbewusstsein vorbeikonsumiert habe. Teilweise mit, meistens aber ohne schlechtes Gewissen. Weil ich mich schlicht nicht ausreichend mit den Konsequenzen meines Tuns auseinandergesetzt habe, so ungern man das von sich selbst sagt. In den Zwanzigern ist man ja irgendwie schon mit den Konsequenzen seines Handelns für das eigene Leben überfordert.

In den letzten Jahren ist das anders geworden. Politiker leugnen den Klimawandel. Hambi bleibt nur knapp. Die USA will aus dem Pariser Vertrag. Der Kohleausstieg ist noch nicht geschafft. Und Jugendliche „geh’n mal wieder auf die Straße, geh’n mal wieder demonstrier’n“. Sofern man nicht mit zugekniffenen Augen und auf die Ohren gedrückten Händen durch die Welt läuft, ist Umwelt- und Klimaschutz ein Thema. Die Luft wird knapp, so geht es nicht weiter – das haben viele von uns verstanden, ich auch. Und das ist schon mal gut.

Nur – was jetzt? Reichen Fairtrade Kaffee, Bio-Äpfel und ein paar mehr Prozentpunkte für Die Grünen? Was kann ich persönlich unabhängig von politischen Entscheidungen und dem Verhalten anderer hier und heute tun? Und da geht es bei mir los: der Puls geht etwas schneller, die Hände werden feucht und die Wagen rot. Ich komme ins Schwitzen. Am Klima liegt’s noch nicht, aber es gibt genügend andere Gründe.

Passend zum aktuellen KLUB Magazin Titelthema will ich für euch den Versuch unternehmen, Typen des Schwitzens im Kontext der Nachhaltigkeit zu kategorisieren. Aufgrund fehlender Felddaten muss ich dies am Beispiel meiner persönlichen Erfahrungen tun.

Mit dem ersten Typus habe ich vor knapp zwei Jahren intensive Erfahrungen gemacht – nennen wir ihn das „Euphorieschwitzen“. Man hat sich vorgenommen, endlich mitanzupacken, seinen Beitrag zu leisten, stopp mit den Ausreden. Man setzt viele kleine Dinge um, von denen man schon immer wusste, dass sie schlecht sind, aber sie im Alltag verdrängen konnte. Konkret heißt das, man fährt öfter Rad, kauft Recycling Papier, den Bio-Joghurt, das erste Naturkosmetik Duschgel und die Schuhe im Laden statt bei Amazon. Ich habe damals auch meinen Fleisch- und Wurstkonsum reduziert. Ach, Euphorie-Schwitzen ist ein herrliches Schwitzen, das Ergebnis von Tatendrang und Flow (so ein bisschen wie beim Frühjahrsputz).

Dann trocknen die Schweißperlen. Die meisten tiefhängenden Früchte sind gepflückt, ab jetzt wird’s irgendwie anstrengend. Der Bio-Joghurt ist plastikverpackt, das Tierwohl-Siegel, auf das man extra geachtet hat, ist Greenwashing und Äpfel aus Neuseeland können manchmal nachhaltiger sein als deutsche. Na toll. Dieses durch Verwirrung und Frustration ausgelöste Schwitzen nenne ich „Überforderungsschwitzen“. Das ist nicht schön und man kann es sich vorstellen, wie wenn man am Abend vor einer wichtigen Präsentation noch nicht fertig ist – man denkt kurz drüber nach einfach nicht hinzugehen, aufzugeben. Auch alles egal. Aber das kann man mit seinen Werten nicht vereinbaren, daher schlägt man sich so durch, in dem Wissen, dass man sich besser hätte vorbereiten müssen. Kleiner Einschub: in dieser Phase entstand die Idee zu unserem aktuellen Projekt – KARL, der Ökobot. KARL ist ein Chatbot und soll seinen NutzerInnen Nachhaltigkeit im Alltag erleichtern, indem er personalisierte Tipps & Infos als Textnachricht sendet. Noch gibt es KARL nicht, ihr könnt unseren Fortschritt aber auf Instagram unter @karlundfreunde oder bei klimakarl.de verfolgen.

Kommen wir zum dritten Typus. Dem Kompliziertesten und Ambivalentesten. Ich spreche vom sogenannten „Schuldschwitzen“. Es ist paradox: Vor knapp zwei Jahren habe ich angefangen, mich mit der Nachhaltigkeit meines Lebensstils auseinanderzusetzen. Und obwohl ich heute so umweltfreundlich konsumiere wie noch nie zuvor, ist mein schlechtes Gewissen so groß wie nie zuvor. Schuldschwitzen entsteht nicht aus Überforderung und Unwissenheit, sondern wir kennen es alle aus Situationen, in denen wir zwar wissen was richtig ist, es aber trotzdem anders machen. Wir fliegen für die schöne Natur an die amerikanische Westküste, mit Freunden über’s Wochenende nach London. Wir lassen das Rad stehen, weil Regen gemeldet ist, werden an der Weser beim Grillen schwach und essen eine Discounterwurst.

Foto: Kirsten Hillebrand

Wenn man gerade erst mit seinem grünen Alltag startet, euphorie-schwitzt man viel und wird für den Aufwand mit einem guten Gefühl entschädigt. Nicht mehr zu fliegen oder komplett auf Fleisch zu verzichten, steht da bei den meisten nicht mal zur Diskussion und ist kein Grund, sich schlecht zu fühlen. Wenn man aber den umweltfreundlichen Weg mit ernsten Absichten einschlägt, passiert aus meiner Erfahrung irgendwann folgendes: man entwickelt schleichend ein anderes, präsenteres Bewusstsein und man sieht plötzlich Dinge, die man vorher übersehen hat. Je mehr man tut, desto weniger kann man sich vormachen, dass die bequemen Zugeständnisse ausreichen – die großen Arbeitspakete, die wirklichen Opfer, die man vorher ohne schlechtes Gewissen außer Acht gelassen hat, werden plötzlich zur echten Option.

„Ja wie jetzt?“, könnte man jetzt fragen, „Ist das dann der Dank?“. Nö, aber die meisten von uns haben vielleicht auch noch keinen Dank verdient. Wir sind ja keine Kinder mehr, die für ein Bild gelobt werden müssen, das echt schlecht ist. Ein umweltfreundlicher Lebensstil ist nicht leicht und Schuldschwitzen ist angebracht und gut. Es ist der Wasserwerfer gegen unseren Schweinehund, zeigt uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind und motiviert uns, weiterzugehen. Je nach Level und Gewohnheiten treibt es die eine bei Regen aufs Rad und den anderen aus dem Flugzeug. Und das fühlt sich gut an! Im Optimalfall bleiben wir in diesem Kreislauf und entern spiralförmig das jeweils nächste Level.

Was ich sagen will: Umwelt- und Klimaschutz ist nicht ganz oder gar nicht, entweder oder. Man kann nicht von jetzt auf gleich alles richtig machen und seinen kompletten Alltag umstellen und das ist auch in Ordnung so. Nachhaltigkeit macht mal viel Spaß und ist mal sehr lästig. Das Wichtigste ist, dass wir alle ordentlich ins Schwitzen kommen, egal wie. Wenn wir loslegen und Neues ausprobieren, wenn uns die Komplexität des Themas überfordert und wenn uns das schlechte Gewissen zu Zugeständnissen antreibt, auf die wir stolz sein können.

Zusammen kriegen wir das doch hin, also auf geht’s.

 

 

Die Autorin

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