Mit Griffel und Macbook in die weite Welt – KLUB DIALOG

Mit Griffel und Macbook in die weite Welt

Ein Kommunikationsdesigner geht auf die Walz

Ich bin als Designer auf der Walz. Das klingt irgendwie ungewöhnlich, dann aber sehr interessant. Diese Reaktion erlebe ich fast jedes Mal, wenn ich von meiner »Design Walz« erzähle. Als Kommunikationsdesigner ist es nach dem Studium üblich, ein Praktikum in einer Agentur oder einem Büro zu machen, und mit der Berufserfahrung anschließend eine Einstellung zu suchen oder als Freelancer zu arbeiten. Nach meinem Studium an der Folkwang Universität der Künste in Essen wollte ich aber gerne mehr erleben und in verschiedenen Städten mit unterschiedlichen Büros und Menschen arbeiten. So entstand das Projekt aus reinem Neid auf Wandergesellen zünftiger Handwerksberufe, die die Möglichkeit haben, durchs Land zu ziehen, um verschiedene Arbeitsweisen kennen zu lernen.

Das bin ich – Alexander Bönninger

Entwicklung der Idee

Während meines Bachelor-Projektes ist der Plan gereift. Die Überlegungen führten von der ganz klassischen »Tippelei« oder Walz in traditioneller Kluft und dem Umherziehen und Anheuern auf dem Bau zu etwas, das an mein Metier angepasst ist. Als Kommunikationsdesigner arbeitet man nicht auf dem Bau, sondern im Büro – typische Arbeitskleidung gibt es also nicht. Mir geht es auch weniger um die Reise. Die findet ganz unspektakulär mit dem PKW statt. Viel wichtiger ist mir das Ankommen in einer neuen Stadt. Daher habe ich neben meinem Karton mit dem Nötigsten für den Arbeitsplatz und einem Koffer auch mein Fahrrad im Gepäck, um mich in den Städten bewegen zu können, ohne ÖPNV-Kosten zu produzieren. Der Deal ist, Hand gegen Koje und Verpflegung. Das erspart mir den Stress, eine Unterkunft zu suchen und gibt der Sache eine persönliche Ebene. Ich muss im Gästezimmer untergebracht werden oder womöglich auf dem Sofa schlafen. Für die Zeit werde ich täglich mit am Esstisch sitzen. Zu Beginn ist das immer etwas seltsam, weil man die Menschen ja nicht kennt und klären muss, was man gerne isst und was man nicht so gerne hat – das regelt sich aber relativ schnell. So entwickelt sich ein ganz netter und ungezwungener Austausch über die Stadt, das Leben und das Arbeiten dort. Wenn ich mal nicht mit den Kollegen koche oder esse, habe ich zum Ausgleich aber doch eine Rechnung gestellt, die die Verpflegungskosten deckt.

Ein Wandergeselle kann tatsächlich einfach auf den Bau gehen, dort anheuern und vermutlich auch direkt beginnen. In Designagenturen aufzuschlagen und quasi auf der Türschwelle das Projekt vorzustellen, würde dagegen nach meiner Einschätzung wenig erfolgversprechend sein. Das Portfolio will gesichtet werden, man würde sich abstimmen wollen, ob ich ins Boot passe, ob es einen Schlafplatz gibt und genug Arbeit ansteht. Alles Dinge, die vielleicht nicht zwischen Tür und Angel passieren und – da es nicht üblich ist – eher Verwirrung stiften würden.
Es musste also eine andere Lösung her. Um das Konzept hinter der Design Walz in meinen initiativen Bewerbungen besser zu kommunizieren, habe ich eine kleine Webseite entwickelt. Auf dieser stelle ich das Projekt vor. In der Bewerbung muss ich also quasi nur die Design Walz-Webseite und das Web-Portfolio verlinken und meine Bewerbungsunterlagen anhängen. Auf diese Form der Bewerbung erhielt ich bis jetzt relativ viele positive Reaktionen.

Der Regelkanon

Die Walz-Kiste

Ein klassischer Wandergeselle folgt einer Batterie von Regeln, die traditionelle Hintergründe haben. Die Regeln und Riten sind je nach »Schacht« (Gesellenvereinigung) unterschiedlich. Ich habe mir ebenso einen Regelkanon auferlegt, der dem Projekt eine Kontur gibt. Natürlich sind es viel weniger Regeln, da ich mir das Ganze so anpasse, wie es für mich Sinn hat.

Regel 1 – Nicht länger als 8 Wochen an einem Ort bleiben. Ich will möglichst viele Orte bereisen und darf daher nicht zu lange an einem Ort bleiben. Auf der andern Seite bringt es mir und dem Hoster nichts, wenn ich eine zu kurze Zeit da bin. Zwei Monate erscheinen mir da ein ganz gutes Maß zu sein.
Regel 2 – 30 Std./Woche beim „Hoster“ arbeiten. Da ich nebenher freiberuflich an Projekten arbeite, um weitere Unkosten zu decken, brauche ich einen zeitlichen Puffer. Ebenso will ich die Arbeit dokumentieren, was auch etwas Zeit in Anspruch nimmt.
Regel 3 – Nicht näher als 30km von der Lernstätte entfernt anheuern. Im eigenen Nest ist es eh langweilig. Da kennt man ja alles.
Regel 4 – Nur das Nötigste zum Leben und Arbeiten kommt ins Gepäck.Daran arbeite ich noch. Momentan habe ich noch so einigen Kram dabei, den ich letztlich doch nicht brauche.

Die ersten Stationen

Zur Zeit bin ich bei der Bremer Agentur oblik identity design, die in erster Linie »identity design« macht, also im Grunde Unternehmenskommunikation. Während ich hier die visuellen Kommunikationswelten von Unternehmen erarbeite, habe ich zum Beispiel in Aachen sehr konkret am Inhalt für eine Ausstellung zum Thema Jugendkultur mitgewirkt. Zwei sehr unterschiedliche Erfahrungen, die ich bis jetzt machen durfte und ich bin sehr gespannt, was mich bei meinem nächsten Step in Mainz beim Happen.Studioerwartet. Wann meine Design Walz endet, ist noch nicht festgelegt – vielleicht, wenn ich groß bin.

Einblicke in Oblik

Der Autor

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