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Leben ist Entwickeln! Ob man will oder nicht

Eine Kolumne von Anja Rose

 Als ich in der zehnten Klasse mit Kathi in den Kellergängen unserer Schule herumstromerte, entdeckten wir neben einer Tür die Beschriftung „Fotolabor“. Unserem Schuldirektor erklärten wir in einer flammenden Rede, warum die Nutzung dieses vergessenen Kleinodes notwendig, unumgänglich und letztlich für die Institution, überhaupt die gesamte Gemeinschaft gewinnbringend sein würde. Er kannte uns schon. Und auch unsere Dickköpfe. Er seufzte, suchte den Schlüssel heraus, sagte: „Ich will aber Ergebnisse sehen!“ und ließ uns machen. Und wir machten. Wir fotografierten mit der alten Spiegelreflexkamera meines Vaters. Das Spannendste dabei: das Entwickeln der Bilder. Weil erst im Fotolabor sichtbar wurde, was wir auf unseren Streifzügen aufgenommen hatten. Auch die kleinen unbeachteten Szenen, die sich am Rande unseres Gesichtsfeldes abspielten.

„Man glaubt, die Dinge zu sehen wie sie sind, und übersieht Nebenschauplätze“

So ist es nämlich eigentlich immer: Man glaubt, die Dinge zu sehen wie sie sind, und übersieht Nebenschauplätze, auf denen sich still und leise entwickelt, was irgendwann vielleicht die Welt verändert. Manches davon entwickelt sich von ganz allein. Aus Studierenden im Stadtteil, wo keiner hinwill, weil er runtergekommen scheint, aber erschwinglichen Wohnraum für jene bietet, die nicht viel haben- aus ihnen werden Akademiker, gut Verdienende, die bleiben, weil sie hier mittlerweile zu Hause sind. Sie kaufen die runtergerockten Häuser ihrer Studenten-WG, schleifen alte Dielen, legen Stuck frei, räumen den Garten auf, setzen neue Holzfenster ein. Und aus dem Wo-man-nicht-wohnt wird nach und nach ein Wer-was-auf-sich-hält-Viertel.

„Es braucht nur manchmal einen kleinen Schubs. Einen anderen Blick. Damit man wieder was sieht.“

Manch anderes entwickelt sich scheinbar gar nicht. Es regiert Das-war-schon-immer-so und keiner guckt genau oder gar aus anderer Perspektive. Jedenfalls nicht von allein. Entwicklung ausgeschlossen? Natürlich nicht. Leben ist Entwickeln! Ob man will oder nicht. Es braucht nur manchmal einen kleinen Schubs. Einen anderen Blick. Damit man wieder was sieht. Eine Idee. Damit man in Bewegung kommt. Und Geduld. Das vor allem. Qualitäten identifizieren, Potenziale freilegen, Stärken erkennen, Kräfte bündeln und Leidenschaften entfachen. Das braucht Zeit. Und Verständnis. Der Mensch kommt ja auch nicht auf die Welt und ist wer er ist. So mancher ent-wickelt sich erst wenn alles rund herum stimmt. Da ist auch nichts mit mal eben schnell den Entwickler draufkippen und fertig und gut. Wie im Fotolabor eben.

Kathi und ich haben im Übrigen das Fotolabor nicht lange alleine genutzt. Im darauffolgenden Halbjahr bot unser Kunstlehrer eine Foto-AG an, zwei Schulkameras wurden angeschafft, wir organisierten Exkursionen und starteten in Kooperation mit anderen Schulen der Stadt eine gemeinsame Ausstellungsreihe.

Anja Rose

textet wortgewandt für den KLUB DIALOG und zahlreiche weitere Kunden.

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Leben ist Entwickeln! Ob man will oder nicht

  1. Wunderbar hergeleitet. Habe viele Stunden meines Lebens in Fotolaboren zugebracht. Und wenn mich heute jemand fragt, ob ich meine digitalen Fotos „bearbeitet“ hätte, sage ich immer: selbstverständlich. Das mache ich seit meinem neunten Lebensjahr so!

  2. Was für ein schönes Wortspiel: ent-wicklen. Und das geht wie im richtigen Leben, egal ob Stadtteil, berufliche oder persönliche Ent-wicklung: es kommen immer neue Lagen zum Vorschein! Oder sollte ich sagen Vor-schein?

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