KLUB REISE #5 ›Werktags in Bremen‹

 
Was wolltest du als Kind werden?
Astronautin, Polizist, Superheld – oder vielleicht Prinzessin? 

Mit unseren Vorstellungen vom Traumberuf verbinden wir viel mehr, als irgendeine Tätigkeit, die wir ausüben, um Geld zu verdienen. Es dreht sich um das Bild, das wir von unseren Idolen haben – vom mutigen Feuerwehrmann oder der scharfsinnigen Journalistin. Es geht nicht darum, irgendetwas in der einen Hälfte des Tages zu tun, sondern dieser jemand auch in der anderen Hälfte des Tages zu sein. Irgendwo in einer fernen Zukunft, in der noch alles möglich erscheint. Im Laufe der Zeit machen wir uns dann an die Arbeit, schnuppern hier und dort hinein, lernen und spezialisieren uns, landen zufällig in einem Beruf, den wir uns nie vorstellen konnten oder erfinden einen neuen, den man vor zehn Jahren noch gar nicht brauchte. 

Dabei heraus kommen die unterschiedlichsten Kompetenzen, die so komplex und einzigartig sein können, dass sie Aussenstehenden wie eine undurchdringliche Wissenschaft erscheinen. Wenn diese Menschen nur ein kleines Bisschen von ihren Zauberformeln preisgeben, tun sich ganze Welten vor uns auf. Da kann man vor lauter Neugier gleich wieder zum Kind werden. 

Worauf warten wir also noch? Ab in den Schulbus! 

Angeführt von unserem Reiseleiter Peer Gahmert trauen wir uns hinter die Kulissen der Bremer Berufswelt und direkt in die Lebensader der Wirtschaft: Zur Logistik! In jedem Augenblick wird auf der ganzen Erde transportiert, gelagert, verpackt, verteilt. Schläft dieser Fluss ein, gerät nicht nur der Handel ins Stocken. Gleichzeitig ist sie am stärksten globalen Veränderungen unterworfen, wie der Digitalisierung oder einer sich ändernden Demografie.

Wer da nicht flexibel bleibt und umdenken kann, bleibt schnell auf der Strecke. Gut, wenn man für solche unruhigen Gewässer einen Lotsen hat! Die Bremer LogistikLotsen helfen Unternehmen dabei, einen neuen Kurs zu bestimmen und steuern sie sicher in Richtung mehr Innovation. Sie fördern den Logistiknachwuchs, helfen dabei, sich regional zu vernetzen und halten den Strom am Laufen – am liebsten sogar noch möglichst grün und möglichst sozial. Dass man so etwas auch im Spiel erlernen kann, zeigt uns gleich Sven Hermann, der Gründer der LogistikLotsen, beim „Lotsen-Bingo“. 

Das war ganz schön aufregend, also retten wir uns von der offenen See zurück in den sicheren Hafen. In einem kleinen, ruhigen Hinterhof des Bremer Viertels finden wir einen Ort, der sich gegen die digitalisierte Massenproduktion stemmt. Wir sehen auf der einen Seite alte, schwere Maschinen ohne Stromzufuhr und integriertem Touchpad, auf der anderen Seite eine unbegrenzte Anzahl an verschiedenen filigran gearbeiteten Papierwerken. Das kann doch nicht zusammenpassen, denkt man sich.

Wir lernen: Und ob. Hier im Medienhaven wird Raum und Zeit geschaffen, noch in Handarbeit zu drucken. Dafür kurbelt man, hebelt man, drückt man hier und da. Und heraus kommen einmalige und liebevoll gearbeitete Druckwerke. Das führt uns Medienhaven-Chef Peer Rüdiger direkt einmal vor. Wie leichtfüßig solch schwere Maschinen sein können, wie feingliedrig grobe Hebel und wie exakt Körpereinsatz arbeiten können, das können wir hier live in Farbe erleben- und was für Farben dabei herauskommen! Hier kann man sehen, wie ein digitaler Rückschritt den Fortschritt für das Einzigartige und Individuelle möglich macht.

Einzigartig? Das ist Miriam Wursters zweiter Vorname. Kein Wunder, dass sie dafür gerade erst mit dem „Karikaturpreis der deutschen Zeitungen“ ausgezeichnet wurde. Ihr lauschiges und entspannt eingerichtetes Häuschen in einem versteckten Teil des Viertels bietet genau die richtige Atmosphäre zur Entstehung ihrer Cartoons und Illustrationen: Sie sind mühelos und unverkrampft, milde spottend statt scharf-bissig und gerade deshalb so zum Schreien absurd. 

Das merken nicht nur wir, die wir prustend und quietschend den Zeichentisch der Cartoonistin abgrasen, das gefiel auch der Zeitschrift Titanic oder der deutschen Ausgabe von Charlie Hebdo. Zur Life-Cartoonlesung dürfen wir uns gleich mitten in ihrem Wohnzimmer auf Miriams Sofa breit machen. Da fällt es uns schwer, ihr Zeichenidyll überhaupt zu verlassen. 

Aber halt, eine Station fehlt uns doch noch! Zum Abschluss unserer Reise schleichen wir uns „Nachts ins Museum“. Hier können wir Bremen von einer ganz neuen Seite betrachten: Sonst so hanseatisch-zurückhaltend und traditionsbewusst erleben wir es nun kämpferisch, experimentierfreudig, gar links-alternativ. Willkommen in den 70er Jahren! Die aktuelle Sonderausstellung des Focke Museums „Protest + Neuanfang, Bremen nach ’68″ jongliert genau zwischen diesen Widersprüchen und zeigt die Kontraste einer aufwühlenden Zeit, die Bremens Gestalt bis heute beeinflussten.

Was sie für Bremens Berufswelt und Strukturwandel bedeuteten, erzählen uns die Kuratoren der Ausstellung, Jan Werquet und Bora Aksen. Sich widerstrebende Entwicklungen sorgten für eine regelrecht explosive Mischung in der Stadt: Die Aufbruchsstimmung und Zukunftshoffnungen der jungen Generation wurden gehemmt von sterbenden Industrien (den Bremer Werften), gleichzeitig eröffneten sich neue Möglichkeiten durch Hochtechnologien. Sie erschufen die Universität mit ihrem Industriepark. Mitten drin natürlich die neuen politischen Strömungen und das drohende Kreuz des Atomkriegs. Die Ausstellung liefert viele Geschichten zu dieser spannungsreichen Zeit, trotzdem hat die neugierige Truppe immer mehr Fragen, als man beantworten kann. Eine letzte kommt von der Arbeitnehmerkammer, unserem Kooperationspartner, in Gestalt von Elke Heyduck: „Das waren ja jetzt wirklich Kuriositäten aus der Arbeitswelt, wann gibt es denn nochmal eine Reise mit ganz geläufigen Berufen?“.

Lasst euch dazu mal überraschen…

Bewegtbild mit Musik von der Reise gibt es auch:

 

 

Fotos: Frank Pusch (NORDAUFNAHME)
Reisetagebuch: Carolin Paar, Franci Trybull
Reiseleitung: KLUB DIALOG e.V., Arbeitnehmerkammer Bremen