Mit der DESIGN WALZ die Branche erkunden – KLUB DIALOG

Mit der DESIGN WALZ die Branche erkunden

Als Designer auf der Walz: Vor anderthalb Jahren, als ich gerade bei meiner zweiten Walz-Station in Bremen war, hat das KLUB Magazin bereits von dieser Idee berichtet. Wie einige vor mir bin ich auf die Idee gekommen, die Walz der zünftigen Handwerker zu adaptieren und für mich als Designer praktikabel zu machen. Mein Ziel war, persönlich zu wachsen, in unterschiedlichen Bereichen zu arbeiten und beim Lernen professionelle Kontakte zu knüpfen.

Alexander Bönninger und Veronika Kaiping bauen ein Netzwerk für Walzer*innen in kreativen Berufen auf.

Im Prinzip ist es ganz einfach: Bereite deine Bewerbungsunterlagen vor, überlege dir Regeln für deine Reise, packe das Nötigste ein und gehe los. Von Stadt zu Stadt und von einem Projekt zum nächsten. Immer getrieben von der Neugierde, was du als nächstes lernen, wohin du bald reisen und welche Menschen du kennenlernen wirst.

 

In meinem Jahr auf der Walz war ich neben Grafikbüros und Agenturen auch bei Hosts, die eher in fachfremden Bereichen tätig waren. So konnte ich meine Fähigkeiten als Grafiker und Kommunikationsdesigner auf sehr unterschiedliche Weise anwenden. Für mich war die Walz eine sehr intensive Art der fachlichen Weiterbildung. Durch das hohe Maß an Engagement, das für solch eine Reise erforderlich war, wurde ich extrem beflügelt und konnte gut daran wachsen.

 

Romantik ist was anderes

Neben einigen Unwegsamkeiten hat meine Walz ganz gut funktioniert. Es gab natürlich auch weniger positive Erfahrungen. So habe ich schnell gelernt, was mir bei der Arbeit wichtig ist und mit welchen Menschen ich nicht zusammenarbeiten möchte.

Das Gute an einer Walz ist, dass die Erfahrungen ein schnelles und unkompliziertes Ende haben und man mit den neuen Erkenntnissen viel sicherer und aufmerksamer weiterziehen kann. In den meisten Fällen konnte ich viel von meinen Hosts und meine Hosts genauso etwas von mir lernen.

Nach einem Jahr auf der Walz mit sieben Stationen kann ich ein recht positives Fazit ziehen: Die Walz für Designer*innen funktioniert! Ich konnte mich fachlich in verschiedenen Bereichen weiterentwickeln und sehr viele Kontakte knüpfen, die auch heute noch freundschaftlich sowie professionell bestehen.

Auf meiner Reise lernte ich Veronika Kaiping kennen, die zum Thema »Walz für Designende« ihre Bachelorarbeit schrieb. Auch Vero hat sich einem Selbstversuch unterzogen und war für kurze Zeit auf der Walz. Wir kamen auf die Idee, ein Netzwerk für Walzer*innen in kreativen Berufen aufzubauen. Seit Oktober 2019 sind wir mit dem Projekt Teil der Sozial & Gründer Förderung des Social Impact Lab Leipzig.

Designer*innen, geht auf die Walz!

Wir wollen die Walz als alternativen Einstieg ins Berufsleben etablieren.
Wir glauben, dass sich aus dieser – zwar nicht neuen, von den zünftigen Handwerker*innen abgeleiteten – Bildungsreise vor allem positive Effekte für Walzer*innen und ihre Hosts ableiten lassen. Die Kontakte, die während der Walz geknüpft werden, sind potentiell sehr viel fester und bedeutender als jene, die man beispielsweise auf Konferenzen oder Meet-ups knüpft. Teilweise wohnt man bei den Hosts zuhause und kann sich bereits am Frühstückstisch über fachliche Sichtweisen und Lebenserfahrungen austauschen.

Für die Walzer*innen liegen die Vorteile auf der Hand: In der Kreativbranche sind professionelle Netzwerke überlebenswichtig. Insbesondere direkt nach dem Abschluss, wenn ein solches Netzwerk kaum existiert, ist eine solche Reise äußerst sinnvoll. Auch wenn man sich noch nicht sicher ist, in welchem Bereich man sich am wohlsten fühlt, kann man sich während einer Walz sehr frei – und doch in einem professionellen Umfeld – ausprobieren. Während Praktika meist 3 bis 6 Monate oder noch länger dauern, kann man die Länge und die Schritte der Walz selber bestimmen und auch Exkurse in andere, fachfremde Bereiche machen.

Die Walz soll für alle Beteiligten fair sein. Im Walz-Netzwerk soll es beispielsweise eine offene Diskussion über den Wert der Arbeit geben, sodass man mit mehr Gewissheit in Lohnverhandlungen gehen kann. Und auf der Reise selbst sollten zumindest alle Kosten gedeckt werden, um den Walzer*in eine Weiterbildung finanziell unabhängig zu ermöglichen.

 

Auf der Walz: Alexander Bönninger mit Conny Hügelschäffer bei seinem Step in Mainbernheim.

Nehmt Walzer*innen auf!

Hosts können durch die Teilnahme bei der Design Walz potentielle neue Mitarbeiter*innen oder Freelancer*innen rekrutieren und sie im Rahmen der Walz genauer kennenlernen.

Außerdem sind die Sichtweisen von Walzer*innen auf bestimmte Projekte interessant, da sie mit verschiedenen Ausbildungen, Erfahrungen und Hintergründen zu den Hosts kommen und so die Projekte weiterbringen können. So lernen alle Beteiligten voneinander und bekommen stetig neuen kreativen Input.

Meine Motivation zu Beginn eines jeden Steps war überwältigend. Jedes Mal hatte ich den Drang, mich asap einzuarbeiten und sofort in den Projekten mitzuwirken. Unsere These ist, dass es bei anderen Walzer*innen ähnlich sein wird.

 

Das Netzwerk

Die Rolle des Hosts könnte einem Mentor gleichen, der auch, nachdem seine Walzer*innen weitergezogen sind, noch um Rat gefragt werden kann – und umgekehrt. Von dem Miteinander, das dadurch im Netzwerk entsteht, wird letztlich die gesamte Branche profitieren.

Bei der Handwerkswalz fehlt es sicher nicht an Traditionen und es wäre verlockend, diese einfach zu übernehmen. Es wäre jedoch seltsam, sich diesen Traditionen einfach zu bedienen, besonders wenn der Beruf „Designer*in“ eigentlich gar nichts mit den Zünften und ihrer Geschichte zu tun hat. Wir müssen uns unsere Traditionen selber verdienen. Was wären mögliche Handlungen oder Gegenstände, die man als Designer*in mit sich führt und zu einer Tradition oder einem Erkennungsmerkmal werden können?

Wir laden alle Interessierten ein, am DESIGN WALZ Netzwerk teilzuhaben und dem Projekt Form zu geben. Lasst uns gemeinsam unser Berufsfeld erkunden und etwas Neues darin erschaffen.

Die Autor*innen

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