Das kleine Zauder – KLUB DIALOG

Das kleine Zauder

von  Janina Mau
Foto: Michael Bahlo (NORDAUFNAHME)

Diesen wundervollen Text trug Janina Mau zur KLUB BÜHNE #48 im März 2019 vor. Hier ist er nun für alle zum Nachlesen.
wievielfarbenhatdiewelt.com

Mitten im grünen Überdruss aus Möglichkeiten,
auf der weiten Weide zaunloser Freiheiten,
auf der niemand wagt, kleinste Kleinigkeiten zu entscheiden,
da lebt in einer Ziegel-Mauer,
wie Stein gelähmt das kleine Zauder
und liegt auf seines Glückes Lauer.

Seiner zerzausten Kopfflausen Futter sind Stimmen,
die dringen von außen, und drängen von innen,
von früher, von morgen, vom Verstand und von Sinnen
und alle klingen sie durcheinander in ihm drin.

Sie sagen, wer es war und was es kann und was es könnte
und sie fragen wer es ist, was es wird und was es will
und sie schreien: was es soll, wie es sein soll, was es sein lassen soll;
„Gut“ soll es sein und vor allem „es selbst“ und „frei“ und „glücklich“,
doch es weiß einfach nicht, wie EINES davon geht…

Denn vor jeder Antwort, die es schon beinah greifen kann,
erwächst aus Abers eine Mauer – gewaltig und unbesiegbar stark
sie versperrt jeden Weg, zur Entscheidung und zur Tat
und sie wächst und wächst aus des Zauders bloßer Angst.

Angst vor dem, was es nicht kennt und noch nicht weiß,
Angst, dass eine Entscheidung anderen Möglichkeiten den Tod verheißt,
Angst vor Endgültigkeit und Unumkehrbarkeit.

Angst, dass es nicht kann und nicht schafft,
was es noch nicht einmal versucht hat,
Angst vor Fehlern, Angst, dass es sich den Weg verbaut,
Angst vor sich selbst, weil es sich selbst nicht vertraut.

Lähmung im kleinen Zauder,
das wächst und wächst und wächst an seinen Zweifeln,
das mehr und mehr und mehr verzweifelt…

Es verzweifelt an seinen Nichterfolgen und verzweifelt an der Welt,
verzweifelt an seiner Untätigkeit, verzweifelt an dem, was ihn Tag für Tag zurückhält.
Es verzweifelt an sich selbst.
An seiner Unsicherheit, seiner Unwissenheit, und daran, dass ihm der Mut zu leben fehlt.

Und all die anderen da draußen, die helfen ihm nicht…
Die, die ständig Erfolg haben, die, die bessere Menschen sind,
die, die in Leichtigkeit und schick gekleidet alles managen,
und die selbstlosen Gutmenschen, die sich um alle kümmern und die Welt retten,
diese Engagierten, die immer Kraft haben, immer fröhlich und immer nett sind…

All die, mit ihrer Work-Life-Balance und Workshops zum Glücklichsein,
die, die Maßstab setzen, zum Messen müssen und Vergleichen!
Selbstverwirklichung für jedermann!
Finde dich selbst und dein Glück in nur zwei Wochenendseminaren!
Und „Sei deines eigenen Glückes Schmied!“

Es hagelt Ziele und Willen und Wünsche, es weht und windet Solls und Könns.
Und das Zauder hält sich fest im Sturm dessen was alles möglich ist,
in der Generation „Uns geht es so gut wie noch keiner zuvor“
im (ja, das weiß er!) „Jammern auf hohem Niveau“

und es schreit: Schieb dem scheiß Glücksschmied sein eigenes Hufeisen in den Arsch! MEINE Glücklichkeit hab’ ich selbst zu verantworten und ob ich glücklich sein will oder nicht, das entscheide ich selbst! Scheiß Glücklichkeitswahn heutzutage!

Und, ja, natürlich – insgeheim –
bemüht sich auch das Zauder glücklich zu sein.
Oh ja, Gott weiß, wie es sich müht!

Es ist nur eine Email! – Ja, verdammt, es ist NUR eine Email, das weiß ich selbst! Und doch ist es unmöglich für mich, sie zu schreiben….
Es ist nur ein entweder oder! – Ja, ich weiß, es ist NUR eine kleine Entscheidung und doch kann ich sie unmöglich entscheiden!

Und des Zauders Kopfflausen kreisen leise,
das Grübelei-Karussell dreht sich immerzu weiter,
kein Stoppen, keine Ruhe und nichts zu erheischen,
in ständiger Bewegung keine Chance, etwas zu greifen
und anzupacken, weiterzuführen, zu beenden und gebacken zu kriegen.

Weil es nicht weiß, wie anfangen geht.

Doch eines Tages, als die Sonne auf sein viel zu lang belegenes Bett hereinscheint, kommt eine schlaue Sprachenfee vorbei. – Eine weise Wortakrobatin, die den ganzen Tag mit Sinn und Bedeutungen jongliert, Sätze strickt und herumexperimentiert, Gegebenes, zu oft Gehört- und Gesehenes neu zusammensetzt und daraus Kuriositäten produziert und sie an Bedürftige verschenkt.
Sie bastelt und zaubert einen Moment auf des Zauders sonnigem Fensterbrett
und dann legt sie ihm leise einen Sack voll Kraft und diesen Satz aufs Bett:
„Wenn’s nicht so funktioniert, wie ich’s mir vorstelle, dann muss ich’s mir eben anders vorstellen.“
Und sie verschwindet.

Das kleine Zauder – noch im Schlaf – wird des Besuches nicht gewahr,
doch als es erwacht, ist plötzlich ein neues Gefühl in ihm da.
Es findet den Satz, liest ihn vor- und liest ihn rückwärts, liest ihn mehrmals
und entdeckt nach langem Denken darin die Crux seines Dilemmas.

Es fühlt plötzlich, dass alles, was das Leben trägt,
aus seiner eigenen Gedankenkraft besteht.
Dass sein Kopf die größte Macht über ihn hat.
Und dass, wenn es seine Vorstellungen verdreht,
im Festgegrübelten plötzlich Bewegung entsteht und so manches leichter geht.

Und es probiert es aus:

Das Zauder greift eine einfache Überlegung und denkt sie rückwärts, von hinten nach vorne um.
Was vorher hinkte und hakte und irgendwo stockte, ergibt plötzlich einen Sinn.
Eine Antizipation dreht es auf links, die Konsequenz schiebt es nach rechts,
sodass in seinem Kopfkinofilm nun plötzlich eine ganz neue Geschichte erwächst!
Und seine Erwartungen betrachtet es seitenverkehrt:
Manche sehen so ulkig aus, dass er sie nicht mehr ernst nehmen kann und sie einfach wegradiert…

So stellt es kurzerhand seinen gesamten Gedankenbestand auf den Kopf!
Alles was vorher darin eingefroren war, kommt nun unten herausgetropft.

Und dann springt das Zauder auf. Und schreibt diese Email! In nicht mal zehn Minuten!
Es wäscht seine Wäsche, bohrt zwei Löcher in die Wand,
an denen der Schrank nun endlich hängen kann
und holt größere Töpfe und Erde für die Blumen.
Und es weiß, das alles ist nicht viel…

Und es weiß nicht, warum ihm all das vorher so schwer fiel….
Doch es ist unheimlich stolz und glücklich. Denn es hat etwas geschafft, was vorher unmöglich für ihn war. Und es ist ein Anfang.

Und es beginnt, ganz allmählich, sein Leben in die Hand zu nehmen.
Kleinigkeit für Kleinigkeit zu erledigen –
Bürozeugs machen, sich etwas kochen, Wäscheständer an seinen Platz –
bis größere Dinge kommen, die es – Schritt für Schritt – nun ebenfalls schafft.

Und wenn des Zauders Kopfflausen wieder mal kreisen,
seine Gedanken nicht ruhen können und nirgends verweilen,
wenn sich wieder Abers zu einer gewaltigen Mauer vor ihm auftürmen und seinen Weg verstellen, schließt es die Augen, atmet tief ein, und denkt an seinen Satz:
„Wenn’s nicht so funktioniert, wie ich es mir vorstelle, muss ich es mir eben anders vorstellen!“…

Und dann stellt es sich vor, die gewaltige Mauer wäre gespickt mit bunten Steinen,
denn im Klettern ist das Zauder gut, wie in so einigem.
Und mit Leichtigkeit erklimmt es die Mauer, Stein für Stein,
bewegt sich geschmeidig an den Widerständen hinauf,
bis es oben ist und auf die Abers runterguckt – und sie sehen irrwitzig klein aus…

Und nun fühlt sich das Zauder frei. Und leicht. Und es ist zufrieden mit sich.

Denn es ist überhaupt nicht wichtig, wie groß oder klein die Dinge sind, die wir schaffen.
Wichtig ist einzig der Stellenwert, den sie für uns haben.
Und das Gefühl, sie geschafft zu haben.

Janina Mau, März 2019

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