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Was Städtebauer für die Überseestadt aus Tenever lernen können

Einen kompletten Stadtteil umzubauen - das ist keine ganz leichte Aufgabe

Er war für die Sanierung des Hochhausviertels in Tenever zuständig, heute gestaltet er die Zukunft der Überseestadt mit: Ralf Schumann von der Gewoba hat einiges an Erfahrungen gesammelt, wenn es um Städtebau und die Entwicklung von Quartieren geht. Wir wollten von ihm wissen, worauf es dabei ankommt und welche Fehler sich nicht wiederholen sollten.

Die Silhouette ist bekannt. Aber im Bremer Stadtteil Osterholz-Tenever hat sich in den letzten Jahren sehr viel getan | Foto: Von Jürgen Howaldt – Own work, CC BY-SA 3.0 de LINK

Seit vier Jahrzehnten arbeitet Ralf Schumann bei der Gewoba. Er leitet die Bereiche Ost und West und ist damit für die Immobilien der Wohnungsbaugesellschaft in Hemelingen, Osterholz, Findorff, Walle und Gröpelingen verantwortlich. Der Stadtumbau in Tenever und die Entwicklung der Überseestadt gehören sicherlich zu den größten Projekten seiner Karriere – und sind dennoch in der Ausgangslage ganz unterschiedlich: Im Hochhausquartier ließ er blöckeweise Wohnungen abreißen, im Hafenquartier lässt er heute welche bauen.

Foto: Andreas Holling

Warum war der Stadtumbau in Tenever notwendig?

Ralf Schumann: Dafür gab es viele Gründe: die damalige Eigentümersituation, der Verfall der Gebäude, die städtebaulichen Fehler, Segregation und die hohen Leerstände. Wohl kaum ein anderes Quartier in Bremen hat in seiner kurzen Lebenszeit solche Höhen und Tiefen erlebt wie dieses Hochhausviertel. Anfang der 1970er-Jahre galt es als wegweisendes Zukunftsprojekt: Die Menschen sollten dicht an dicht in Hochhäusern wohnen, die über erhöhte Boulevards und Plätze verbunden waren. Der Autoverkehr verlief getrennt darunter. In einem Sketch von Loriot kann man ganz gut sehen, wie es damals aussah.

Ab den 1980er-Jahren folgte dann der Absturz: Die Hochhäuser waren in der Hand von Immobilienspekulanten, die sich um die Häuser nicht kümmerten, sondern nur an den Mieten interessiert waren. Die, die es sich leisten konnten, zogen weg. Diejenigen, die sich das nicht leisten kosten, blieben – oder zogen ein. Tenever entwickelte sich zu einem sozialen Brennpunkt und hatte schließlich einen so schlechten Ruf, dass der Bremer Senat im Jahr 2002 einen großflächigen Stadtumbau beschloss. Mit mehr als 70 Millionen Euro wurde das Hochhausviertel saniert.

Foto: Andreas Holling

Was hat sich durch den Stadtumbau in Tenever verändert?

Allen voran hat sich die städtebauliche Situation und der Zustand der Gebäude verändert. Die oberirdischen Boulevards und ein Teil der überwiegend leer stehenden Hochhäuser wurde abgerissen. Tenever ist heute insgesamt viel offener und grüner, die dunklen Angstecken sind verschwunden. Die übrigen Häuser und Wohnungen wurden saniert. Sie sind heute voll vermietet. Etwa 6000 Menschen aus 90 Nationen leben dort zusammen, die meisten sind unter 18 Jahre alt. Noch nicht gelöst sind viele soziale Probleme wie Arbeitslosigkeit und Armut. Mindestens jede*r Dritte ist auf Sozialleistungen angewiesen – auch Kinder und Jugendliche.


Welche Lehren kann man am Beispiel Tenever grundsätzlich für die Entwicklung einer Stadt oder eines Quartiers ziehen?

Dass der Stadtumbau erfolgreich war und sich Tenever insgesamt positiv entwickelt hat, ist der Erfolg vieler Faktoren: Die Beteiligung von Bewohner*innen und Akteuren vor Ort war hoch, die Pläne für die Sanierung und die Verwaltung gut. Nicht unerheblich war aber sicherlich auch, dass für die Entwicklung wir als eine kommunale Wohnungsgesellschaft zuständig waren, die vom Bund und dem Land mit dem nötigen Geld ausgestattet wurde.

Wenn all dies zusammenpasst, kann man ein Quartier vernünftig weiterentwickeln. Aber: Tenever ist keine Blaupause. Was hier erfolgreich war, muss zwangsläufig nicht überall funktionieren.

Foto: Andreas Holling

Viele halten ja heute die Überseestadt schon für das Tenever der Zukunft – und meinen das nicht positiv. Was macht man heute städtebaulich in der Überseestadt besser, was nicht?

Ich würde die Überseestadt derzeit nicht so einschätzen. Aber man muss die Situation dort gut im Auge behalten und aus den Erfahrungen lernen, die man durch die Entwicklungen in anderen Bremer Ortsteilen gemacht hat.
Die städtebauliche Situation der Überseestadt ist grundsätzlich in Ordnung, die Gebäude und der Gebäudemix ebenfalls. Perspektivisch sollen unter anderem 1.000 Wohnungen in der Überseestadt gebaut werden, die mit öffentlichen Mitteln finanziert werden. Es entwickelt sich dort also ein beachtenswerter Ortsteil mit vielen Menschen unterschiedlicher sozialer Herkunft: Eine Spaltung der Überseestadt in Arm und Reich muss dort dringend verhindert werden.

In einem anderen Bereich gibt es noch beträchtliche Lücken: Die gesamte Infrastruktur in der Überseestadt ist derzeit noch unterentwickelt. Insbesondere eine soziale Infrastruktur mit Kindergärten, Schulen und sozialen Einrichtungen fehlen und müssen dringend folgen. Städtebaulich muss man die Überseestadt nach Walle hin öffnen – auch für eine vernünftige Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr und insbesondere die Straßenbahn. Es gibt in den kommenden Jahren also noch einiges zu tun.

Melanie Öhlenbach

ist als freiberufliche Journalistin immer guten Geschichten auf der Spur. Sie mag es, wenn es „Klick“ macht im Kopf – und eine Idee geboren ist. Kreativität bedeutet für sie, offen zu sein und auch Alltägliches mit frischem Blick zu betrachten. Sie selber schreibt in ihrem Blog Kistengrün darüber, wie man auf Balkon oder Hinterhof auf wenigen Quadratmetern Gutes für die Küche und für die Seele anbaut.

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