genießen

Was für ein Genuss, dieser Weinhändler zu sein

Als ich ihn frage: „Genießt Du die ganzen Weinproben nach über 25 Jahren noch?“, antwortet Heiner wie aus der Pistole geschossen: „Ich freue mich auf jede Weinprobe. Ich freue mich auf das Erlebnis, auf das was in der Nase und im Mund passiert. Ich…“

„Aber du probierst manchmal 150 bis 200 Wein je Probe und das über Wochen. Das ist doch kein Genuss“, wende ich ein.

„Ich freue mich auf jede Probe. Wenn das nicht so wäre, könnte ich nicht tausende Weine im Programm haben, die ich alle selbst probiert habe“, entgegnet er.

„Als ich einmal dabei war, hatte ich schon nach zwanzig Gläsern sowohl den Überblick als auch das Genießerische verloren. Ich fand es anstrengend, sich auf den Geschmack zu konzentrieren“, sage ich.

Er winkt ab: „Du bist und bleibst einfach der Biertyp!“

Heiner Lobenberg, Foto: www.gute-weine.de

Mein Freund Heiner Lobenberg hat mit seinem über eintausend Seiten umfassenden Katalog eindrucksvoll gezeigt, was es heißt, Wein zu genießen. Er ist das Trüffelschwein und findet für seine Kunden die besten Weine der Welt. Präziser: Weine die er mag. Die für ihn die Besten sind. Dabei ist jeder seiner Texte über Wein selbst ein Genuss, denn er zieht einen hinein in den Weinberg. Das geht wohl nur, wenn man Wein wirklich genießt.

Heiner verwandelt sich, wenn er probiert, in einen anderen Aggregatzustand. Er vergisst alles um sich herum und ist nur noch für den Wein da. Er diktiert seine Ideen zu jedem Schluck – mit dem Glas in der einen und seinem iPhone in der anderen Hand. Dabei ist sein persönlicher Genuss sein Maßstab. Kein Wein ist im Katalog, weil er den aus anderen Gründen als Geschmack aufgenommen hätte. Bei der Auswahl seiner Weine spielt „Gewinn machen“ keine Rolle. So pur funktioniert seine Geschäft. Der kompromisslose Genuss hat Heiner eine Menge Fans und Kunden eingebracht. Das merkt man am besten, wenn man so einen Text einmal liest.

Hier ein Beispiel über den Wein 4kilos aus Mallorca:

*Der Hauptwein des Weingutes und ein echter Knaller. 80% Callet, 10% Fogoneu Mallorquin und 10% Manto-Negro. Dass die heimische Rebsorte Callet so einen Erfolg feiert, hat sie Francesc Grimalt zu verdanken. Einem der Mitbegründer und vormaligem Wegbereiter bei Anima Negra. Die Nase ist geprägt von der traumhaft duftenden Kirsche, fast betörend schön. Echte Frucht, nie Bonbon. Eingefangen durch animalische Note wie Leder und Röstnoten von Kaffee und Kakao. Der 14-monatige Ausbau in neuen französischen Allier-Eichenfässern bringt eine tolle Geschmeidigkeit schon in der Nase, aber auch im Mund. Hier auch wieder satte schwarze Kirsche, Blaubeere und Feinheit durch schwarze Johannisbeere. Mediterrane Kräuter würzen den Gaumen. Im Abgang wieder eine ähnlich berauschende Restsüße wie in der Nase. Wow. Die leichte Säure, die feine Tanninstruktur und die ungemein runde Fülle greifen extrem harmonisch ineinander. Bringt trotz seiner Jugend schon Eleganz mit. Wer es etwas kräftiger mag, der greift zum Anima Negra, wer mehr die Harmonie sucht, ist hier an der richtigen Stelle. Zwei Mallorquiner, gleichwertig und doch nicht vergleichbar. Zwei unterschiedliche Riesen, aber von gleicher Größe. *

Ich als Biertyp kann nur davon träumen, soviel Genuss durch einen Schluck meines Getränkes zu erfahren. Aber ich habe in den letzten zwanzig Jahren gelernt, Wein zu probieren – mit ganz viel Übung spüre ich langsam, was er meint. Wahrscheinlich brauche ich aber noch einmal zwanzig Jahre, um das „animalische Leder“ zu schmecken. 

*Lobenbergs Gute Weine ist Sponsor der Weine bei der KLUB KÜCHE. *

 

Dirk Beckmann

Dirk Beckmann ist Unternehmer, Buchautor, Dozent und Hobbykoch. Inhaltlich beschäftigt er sich mit der digitalen Zeit und ihren Auswirkungen auf Marketing, Medien und Gesellschaft. Er ist Geschäftsführer von artundweise und Gründungsmitglied des KLUB DIALOG, in dem er heute als ›Chefkoch‹ für die KLUB KÜCHE verantwortlich ist.

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