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Unternehmen „anders machen“

Wie junge Gründer und ein traditionelles Bankhaus ungewohnte Wege gehen

Auch ein neunzig Jahre altes, solide erfolgreiches Bankhaus wie die Bremische Volksbank eG braucht irgendwann einen neuen Schliff. Im Falle der Bank hieß „anders machen“, zurück zu den eigenen Wurzeln zu gehen: regional denken, pragmatisch handeln, das Persönliche wertschätzen. Finanzmanager Gunnar Neumahr erklärte beim „kreativrendezvous“* von Handelskammer Bremen, WFB Wirtschaftsförderung Bremen und KLUB DIALOG die Initiative seines Hauses.

IMG_0544Ugur Merzifon und Robin Kannengießer sind gerade erst ins Geschäftsleben gestartet und waren Teilnehmer bei dem Kreativ-Speeddating am 10. Juni 2016 im Haus Schütting. Über ihre Internetplattform students2business sollen Unternehmen und Studierende für Projektaufträge zusammenfinden – ein digitales Start-up, das Bankern eher Sorgenfalten ins Gesicht treibt. Wir haben beide Seiten im Interview zusammengebracht.

KLUB DIALOG: Herr Neumahr, warum wollte Ihre Bank etwas anders machen?

Gunnar Neumahr: Vielleicht war es eher ein zu sich selbst finden, zurück zu den alten Werten einer Volksbank, die in der Bankenwelt mittlerweile klar „anders machen“ sind. Dieses Persönliche und Regionale ist ja nicht mehr sehr verbreitet. Wir möchten unsere Kunden zu Fans machen. Und wir schaffen das, weil wir anders denken und handeln als andere Banken.

Machen Sie persönlich in ihrer alltäglichen Arbeit auch etwas anders?

Neumahr: Ich denke anders: Für mich zählen nicht nur die Zahlen, sondern auch die Person dahinter und ich versuche z.B. unsere Kunden zusammen zu bringen – also das klassische Prinzip einer Genossenschaft zu leben. Durch verschiedene Veranstaltungen versuchen wir zu Netzwerken und unsere Firmenkunden und Mitglieder untereinander zusammenzuführen.

Heute läuft viel über Internet und Social Media. Welche Bedeutung hat der persönliche Kontakt für ein junges Unternehmen wie students2business?

Robin Kannengießer: Klar, der persönliche Kontakt im Vier-Augen-Gespräch nimmt ab. Jedoch eröffnen sich durch die Digitalisierung ganz neue Chancen. Die Flexibilität steigert sich und man hat die Möglichkeit mit einer enorm hohen Zahl von Personen überall zu kommunizieren und zusammenzuarbeiten. Doch gerade deswegen weiß man es auch sehr zu schätzen, wenn man von seinem Gegenüber ein richtiges Bild – und nicht nur ein Profilbild – vor Augen hat. Uns ist aufgefallen, dass der Kunde es sehr wertschätzt, wenn er uns persönlich kennenlernt und unser Geschäftsmodell vorgestellt bekommt.

Ugur Merzifon: Der eine oder andere ist vielleicht von dem innovativen Geschäftsmodell dieses noch sehr jungen Unternehmens überzeugt, aber weiß nicht, wer dahinter steht. Er fragt sich: Kann ich denen vertrauen? Es ist schwieriger jemanden am Telefon zu überzeugen, als wenn man persönlich zu ihm geht, daher suchen wir gerade in der Anfangsphase den Kontakt zu unseren Kunden.

  • Ugur Merzifon, 26 Jahre, und Robin Kannengießer, 25 Jahre, sind die students2business GmbH i.G. Der Name ist Programm: Im Frühjahr 2016 haben die frischgebackenen Wirtschaftsingenieure von der Universität Bremen einen Service gegründet, der Unternehmen und Studierende zusammenbringt. Über die Internetplattform www.students2business.de können Betriebe Aufgaben schnell und einfach an qualifizierte Studierende delegieren. Das entlastet die Firmen bei Auftragsspitzen, vermeidet bürokratischen Aufwand und holt frisches Know-how ins Haus. Den Studierenden ermöglicht es flexibles und ortsunabhängiges Arbeiten – und sie erwerben die für den Berufseinstieg gewünschte Praxiserfahrung.

Wie kam diese Plattform zustande?

Merzifon: Wir haben gemerkt, die Idee läuft, die Digitalisierung kommt jetzt wirklich. Deshalb lassen wir vom Webdienstleister eine Internetseite erstellen. Dort können sich Studenten und Unternehmen registrieren. Die Firmen können Aufgaben hochladen, die sich die Studenten zu Hause herunterladen, bearbeiten und dann wieder hochladen.

Kannengießer: Unser Slogan ist „Qualität durch Bildung“. Wir bieten einen handverlesenen Pool von Studenten, die wirklich bereit sind, hohe Leistungen zu bringen. Wir möchten den Unternehmen das Recruiting erleichtern und ein großes Knowhow zur Verfügung stellen.

Ist bei students2business „anders machen“ schon Teil des Geschäftskonzepts?

Kannengießer: Wir wollten während unseres Studiums Berufserfahrung sammeln und haben Vollzeit in Praktika oder Werksstudentenjobs gearbeitet. Deshalb konnten wir viele Vorlesungen nicht besuchen. Wir saßen dann teilweise in Prüfungen und haben uns gefragt: Wer von denen da vorne ist der Tutor und wer der Professor? Gerade dieses Problem möchten wir aus der Welt schaffen. Studenten sollen flexibel neben ihrem Studium Berufserfahrung sammeln.

Merzifon: Bei unseren Jobs haben wir gemerkt, dass wir eigentlich gar nicht im Unternehmen sein müssten. Wir könnten stattdessen in der Vorlesung sein und die Aufgabe am Abend von Zuhause aus machen.

Sie haben auf diese Weise viele größere Unternehmen kennengelernt. Konnten Sie vom klassischen Unternehmertum etwas lernen?

IMG_0554Kannengießer: Wir haben vieles an Erfahrungen, die wir in diesen Unternehmen sammeln konnten, übernommen. Das Projektmanagement zum Beispiel ist in solchen Firmen top. So etwas haben wir auch implementiert.

Merzifon: Regelmäßige Teamrunden, die Woche voraus zu planen – das haben wir übernommen.

Hätten Sie einen Tipp, was solche Unternehmen anders machen könnten?

Kannengießer: Das Lernen ist total wichtig! Das geht in vielen größeren Unternehmen beim einzelnen Mitarbeiter verloren. Man hat irgendwann seinen Alltagstrott. Da geht viel Arbeitsleistung verloren. Es gibt Programme und Begriffe wie Job-Rotation oder Job-Enlargement. Aber wirklich oft kommt es nicht vor, dass die Aufgaben oder Verantwortungen mal anders verteilt werden. Da könnten sich die traditionellen Unternehmen eine Scheibe von den Start-ups abschneiden. Hier ist jeder neben seinen Kernkompetenzen auch in andere Projekte eingebunden und kann sich selbst verbessern.

Neumahr: Viele Unternehmen haben das Problem des Fachkräftemangels und denken über solche Möglichkeiten wie Beteiligungen nach. Aber bei vielen ist es nicht so einfach, weil rechtliche Gründe und die Alltagsorganisation dagegen sprechen. Wir versuchen hier unsere Kunden im Bereich der Mitarbeiterbindung zu unterstützen.

  • Gunnar Neumahr, 28 Jahre, ist Finanzmanager für Gewerbekunden bei der Bremischen Volksbank eG. Sein Unternehmen stellte sich als klassisches Geldhaus die Frage, wie es an die jüngere Generation andocken könnte. Nach Versuchen auf diversen Social Media-Kanälen besann sich die Bremische Volksbank auf ihren Kern: „Wir gehören unseren Mitgliedern.“ Die Bank wollte über das Spendenvolumen, das sie jedes Jahr verteilt, nicht mehr alleine entscheiden. Anlässlich des 90-jährigen Bestehens der Bank können Mitglieder und andere Interessierte auf der Spendenplattform der Volksbank-Stiftung über gemeinnützige Projekte abstimmen.

Welchen Rat würde der Finanzberater den beiden geben, wenn sie nach einer Finanzierung für ihr Start-up fragen?

Neumahr: Da müssen wir als Bank natürlich etwas klassischer denken. Im Existenzgründungsbereich braucht man Businesspläne. Der Gründer muss überzeugen. Gerade in vielen dieser nicht greifbaren Branchen ist es sehr schwer, bei einer Bank am Anfang Geld zu bekommen.

Warum ist das so?

Neumahr: Banken geben Fremdkapital. Wir leihen uns das Geld bei unseren Kunden und Mitgliedern und vermitteln es dann für diese an jemand anderen weiter. Da können wir nicht zu große Risiken eingehen. Ich finde, Ihr Geschäftsmodell klingt richtig gut und trifft den Nerv der Zeit. Aber es ist schwer greifbar für eine Bank. Woran verdienen Sie und wie regelmäßig haben Sie Einkünfte? Wir wissen nicht, ob das Konzept funktioniert. Es gibt kein vergleichbares Unternehmen. Einfacher ist es, wenn jemand ein Unternehmen übernimmt. Das ist ja auch eine Existenzgründung.

Kannengießer: Wenn es ein etwas innovativeres Geschäftsmodell ist, dann kann man natürlich noch weniger in die Zukunft schauen. Gerade wenn es keine Wettbewerber gibt, die etwas Ähnliches machen.

Neumahr: Trotzdem finde ich Ihre Idee ziemlich cool. Ich glaube, das könnte auch für kleine und mittlere Unternehmen interessant sein, die sonst bestimmte Projekte gar nicht durchführen könnten. Wenn ich Geld hätte: In Ihre Idee würde ich es sofort stecken!

Für digitale Start-ups läuft es im Silicon Valley anders. Dort investieren Risikokapitalgeber in neue Ideen. Was machen Gründer hierzulande?

Neumahr: Das läuft in Berlin mittlerweile genauso. Aber auch die Bremer Aufbaubank fördert solche Start-ups. An sie verweise ich Gründer, wenn wir als Bank eine solche Finanzierung nicht leisten können. Das ist leider immer die Hürde bei Existenzgründern: In welcher Phase kann eine Bank überhaupt zur Finanzierung kommen? Und wann sind eher private Investoren, Risikokapitalgeber gefragt? Wenn sich jemand privat beteiligt, dann gibt er Ihnen ja kein Darlehen, sondern erhält Anteile an Ihrem Unternehmen. Und wenn es durch die Decke geht, dann bekommt er auch viel für seine Beteiligung zurück. Beim Fremdkapital ist das dann anders. Der Zinssatz bleibt.

Welches Ziel haben Sie für students2business?IMG_0593

Kannengießer: Das Ziel fast jeden Gründers ist wohl, dass man der nächste Großkonzern wird. (lacht) Dass wir in zwanzig bis dreißig Jahren hier sitzen und gefragt werden: Was können Sie von den jungen Unternehmen lernen?

Merzifon: Man soll ja immer groß denken! Wir haben Wirtschaftsingenieurwesen studiert und damit theoretisch alles gelernt. Nun müssen wir natürlich lernen, das in die Praxis umsetzen.

Neumahr: Früher hätten Sie wahrscheinlich „Merzifon & Kannengießer GmbH“ geheißen. Heute heißt es students2business, weil Sie das Unternehmen vielleicht später mal verkaufen möchten und so nicht eine zu große persönliche Bindung besteht.

Kannengießer: Langfristig möchten wir natürlich als Marktteilnehmer auf Augenhöhe wahrgenommen werden und den Start-up-Charakter ablegen. Gerade im Business-to-Business-Bereich wollen wir als gleichberechtigter Partner gesehen werden. Wir wollen aber trotzdem diese Flexibilität, diese Lust an Innovation beibehalten. Wir würden gerne ein Corporate Start-up werden, beides miteinander verbinden: ein Unternehmen mit Start-up-Charakter.

IMG_0582* Beim kreativrendezvous können sich Vertreter der „klassischen“ Wirtschaft und Kreative im Speed-Dating-Tempo kennenlernen. Organisiert wird die Veranstaltung halbjährlich von der Handelskammer Bremen, der WFB Wirtschaftsförderung Bremen und dem KLUB DIALOG e.V.

Annekathrin Gut

findet, dass sich gute Ideen oft da verstecken, wo man sie am wenigsten vermutet. Sie begibt sich liebend gern in Bremen auf Entdeckungstour und hält das Gefundene – Menschen, Orte, Ideen und Projekte – in Text und Bild fest. Seit 2011 netzwerkt die PR-Expertin für Wirtschafts- und Kulturthemen ehrenamtlich im KLUB DIALOG-Vorstand.

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