schweben

In die Zukunft schweben

Johann Büsens Bilduniversum lädt zum schweben ein - und zum rätseln

Wer Johann Büsens Bilder anschaut, dem wird leicht schwindelig. Nicht nur, dass dort allerlei Dinge oder Figuren durcheinander schweben, auch  die Materialfülle ist eine Herausforderung für die Auffassungsgabe eines jeden Betrachters. Und dann die Farben! Türkis, rosa, grasgrün, hellgelb, knallorange, purpurrot und grau. Darf es noch ein wenig mehr sein?

In Formation fliegende Flugzeuge passieren in „Arrival“ einen menschgewordenen Wirbelsturm und einen Wald von Inbusschlüsseln und aufragenden Schrauben. Oder so etwas in der Art. In „Tidy up“ erscheint drei Herren auf der Müllhalde des modernen Lebens ein blauer Engel. In der animierten Fassung kommt dieser übrigens nicht so recht von der Stelle, wohingegen ein grünes dickschnäuziges Wesen geschäftig am unteren Bildrand entlangwuselt.

Johann Büsen hat solche Bilder in rauen Mengen in der virtuellen Schublade: Er kombiniert am Computer Ausschnitte aus Filmen, wissenschaftlichen Werken, Plakatmotiven, Texten, Zeitschriftenfotografien, Gemälden vergangener Zeiten und ähnliches zu großformatigen Collagen. Er vertauscht Größenverhältnisse, macht Nebensächliches zur Hauptsache und kombiniert Fragmente zu neuer Aussage. 

Dazu kommen poppig bunte Farben. Büsens Stil kommt von der Straße, er war Sprayer und Street-Art-Künstler. Jetzt ist er eine Art digitaler Maler, der seine computergenerierten Werke großformatig auf Leinwand druckt. Sie sind nicht gemalt und dennoch Unikate, denn jede Datei wird nur ein Mal physisch produziert. Im digitalen Universum sind sie dagegen mehrfach zu finden, zum Beispiel auf seiner Website www.johannbuesen.de. 

Aber welche Aussage ist das, wenn in „Transfer“ Menschen in Arbeitsuniformen schwebende Wesen betrachten, die aus anderen Galaxien zu stammen scheinen? Umrahmt sind sie von Errungenschaften aus Technik und Wissenschaft: Windräder, DNA-Strukturen, Pyramiden. Oder wenn wie in „Gravity“ den Menschen bedrohlich wirkende Naturgewalten umgeben – schwarze Wolkenformationen, aufgewühlte See?

Ist der wissenschaftliche Geist irritiert vom Übersinnlichen, rational nicht Greifbaren? Vergisst der moderne Mensch im Technikwahn die Stärke der Natur? Klar, man(n) ist „Connected“: Die Informationsgesellschaft verdrahtet alles und jeden. Aber will der Mensch nicht in Wirklichkeit in ein anderes, leichteres Sein hinüberschweben, wie vielleicht in „Floating“? Johann Büsen variiert solche Motive. Deutungen bieten sich an, so richtig treffsicher ist keine. 

Johann Büsen betreibt diese Unverbindlichkeit mit Vorsatz. „In den Bildern wirft die Suche nach Antworten immer wieder neue Fragen auf“, sagt der Künstler. „So wird der Betrachter absichtlich im Schwebezustand gelassen und kann sich nie sicher sein, wohin ihn die Reise durch den surrealen Bilderkosmos führt.“

Vielleicht ist dies ja die Idee des Büsen’schen Bilduniversums: Wir sehen Momentaufnahmen, bilden Bezüge und Assoziationen. Wir alle haben viel gesehen, und wir haben dank der digitalen Medien mehr Bilder und Bedeutungen im Kopf denn je. Wie der Zustand der modernen Welt ist, wohin sie sich bewegt – am Ende ist es doch so, dass sich jeder seine eigene Deutung bilden muss. Und ist dies nicht der eigentliche Fortschritt? Der aufgeklärte Geist, der sich im Schwebezustand einer veränderbaren Zeit immer wieder neu definieren kann und muss?

Ausstellungstipp:
Wer sich selber ein Bild machen will, kann noch bis zum 28. Oktober 2018 die Ausstellung „Ghost Stories“ in der Galerie Mönch ansehen, mehr findet sich dazu ›hier

Johann Büsen, 1984 in Paderborn geboren, hat von 2005 bis 2010 an der Hochschule für Künste Bremen bei Peter Bialobrzeski studiert.  Er hat deutschlandweit und international an Einzel- und Gruppenausstellungen teilgenommen und 2018 das Künstlerstipendium der Kulturkirche St. Stephani gewonnen. Die Bremer kennen sein Arbeiten im Kunsttunnel zwischen Osterdeich und Kunsthalle Bremen. Daneben arbeitet Johann Büsen als Webdesigner und Gestalter von Animationsfilmen.

 

Wir danken Johann Büsen herzlich dafür, dass er diese Auswahl seiner Bilder für die Ausgabe „schweben“ des KLUB MAGAZINs zur Verfügung gestellt hat!

Annekathrin Gut

findet, dass sich gute Ideen oft da verstecken, wo man sie am wenigsten vermutet. Sie begibt sich liebend gern in Bremen auf Entdeckungstour und hält das Gefundene – Menschen, Orte, Ideen und Projekte – in Text und Bild fest. Seit 2011 netzwerkt die PR-Expertin für Wirtschafts- und Kulturthemen ehrenamtlich im KLUB DIALOG-Vorstand.

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