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Schweben in Bremen – Cluster oder Kasper?

Eine Kurzanalyse der Raumfahrtbranche in Bremen

Cap Caneveral – Houston – Kourou – Bremen, ist in diesen Tagen eine allzu logische Aufzählung der wichtigsten Standorte für Raumfahrt. Die weltweite Aufmerksamkeit der Space-Community wurde durch die Ausrichtung des IAC 2018 noch stärker auf die Region gezogen. Und zusätzlich haben die Plakate auf Bremens Straßen, die regionale Presse und das lokale Fernsehprogramm regelmäßig und in Sondersendungen jedem in Bremen klar gemacht: Wir sind Raumfahrt!

Dabei fiel insbesondere ein Plakat auf:

Motiv: Pressereferat, Der Senator für Wirtschaft, Arbeit und Häfen

Die Fakten: 4 Milliarden Euro Umsatz – 12.000 Beschäftigte – 160 Unternehmen und Forschungseinrichtungen, so charakterisiert das Plakat den Raumfahrtstandort Bremen. Um dies erst einmal in bremische Dimensionen zu übersetzen: 4 Milliarden Euro Umsatz, das ist der aktuelle Marktwert von 35.168.195 Säcken Kaffee (Wer nachrechnen möchte: 4 Milliarden Euro mal 1,15 Euro/Dollar, Währungsumrechnung: 1,09 Dollar Kaffee/Pfund Weltmarktpreis, ist gleich 60 Kilo pro Sack)! Wer schafft so viel Äquivalent an Kaffeewerten? Das ist Gegenstand dieser Kurzanalyse.

Ausgehend vom Branchenverzeichnis Luft- und Raumfahrt der Wirtschaftsförderung Bremen GmbH wurden die Organisationen der Industrie untersucht. In dem Branchenverzeichnis werden 183 Organisationen in folgenden Kategorien gelistet: 43 „Aviaspace“, 14 „Behörden, Verbände und Vereine“, 29 „Forschung / Lehre“, 103 „Unternehmen“ und 8 „Startups“.

AVIASPACE (#43)

AVIASPACE BREMEN e.V. ist ein in Bremen ansässiger Verein mit den Themenschwerpunkten „Netzwerkbildung, Technologietransfer sowie Wirtschaftswachstum durch Förderung von Jungunternehmern und Start-Ups“ in der Luft- und Raumfahrtbranche. Der Verein listet (Stand 6. Oktober 2018) 45 Organisationen als angeschlossene Akteure auf. Diese Akteure sind weitestgehend auch in den anderen Kategorien zu finden. Daher richtet sich die weitere Kurzanalyse auf diese etwas über 140 verbleibenden Organisationen.

Behörden, Verbände und Vereine (#14)

Neben AVIASPACE BREMEN e.V. sind zahlreiche weitere Vereine in Bremen aktiv. Der Bremer AIRbe e.V. agiert als eine Art Dachverband für zahlreiche weitere Vereine im Bereich der Luftfahrt. Und spätestens Bremens Zugehörigkeit zu den CVA Community of Ariane Cities festigt den Platz auf der Weltkarte der Raumfahrtstandorte.
Die Listenklassiker wie das Enterprise Europe Network Bremen/Bremerhaven, Handelskammer Bremen – IHK für Bremen und Bremerhaven und Der Senator für Wirtschaft, Arbeit und Häfen dürfen natürlich nicht fehlen. Doch wo ist das neuerdings auf jeder Liste anzutreffende Starthaus?

Forschung und Lehre (#29)

Nicht erst die Ausrichtung des IAC in Bremen zeigt, dass die Region als herausragender Forschungs- und Wissenschaftsstandort im Bereich der Luft- und Raumfahrt anerkannt ist. Neben den Hochschulen der Region forschen und lehren zahlreiche wissenschaftliche Einrichtungen im Bereich der Luft- und Raumfahrt. Eine Zuordnung von Beschäftigten und Umsatz ist hier schwierig. Die Bandbreite der dazugehörigen Organisationen ist dafür umso spannender: Die von Airbus im Jahr 2009 gestiftete Airbus Stiftungsprofessur für Integrative Simulation und Engineering von Materialien und Prozessen (ISEMP) am Bremer Center for Computational Materials Science (BCCMS) der Universität Bremen gehört genauso dazu wie der IAC-Ausrichter ZARM Zentrum für angewandte Raumfahrttechnologie und Mikrogravitation.

Dass hier die Grundschule an der Gete (Preisträger!!) und die Amtliche Materialprüfungsanstalt (MPA) der Freien Hansestadt Bremen in einem Zug mit dem IAT – Institut für Aerospace-Technologie an der Hochschule Bremen genannt werden  und für das Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt e. V. (DLR) gleich alle lokalen Einrichtungen einzeln aufgelistet werden, ist sicherlich ein Zeichen des großen Interesse am Thema und der wissenschaftlichen Vielseitigkeit. Ein Blick auf kleinere oder auswärtige Organisationen lohnt ebenso.

Weiter mit einem Blick auf die verbleibenden Unternehmen …

Unternehmen (#103)

Die Anzahl von 103 im Branchenverzeichnis gelisteten Unternehmen ist imposant und für eine Kurzanalyse nicht gut zugänglich. Aber schon der erste Eintrag abat AG verweist auf ein sicherlich erfolgreiches Bremer Unternehmen, welches bisher aber eher als SAP-Dienstleister bekannt ist. Daher fokussiert sich die Analyse im Folgenden auf die Unternehmen, die auch als Akteure bei AVIASPACE BREMEN e.V. gelistet sind. Unternehmen, die im Startup-Status oder als Tochterunternehmen von Konzernen zu beurteilen sind, werden später separat betrachtet. Letztendlich verbleiben 20 Unternehmen mit Sitz in Bremen und umzu. Zwar mag die Anzahl zur Basis von 108 Unternehmen vergleichsweise klein erscheinen, aber es handelt sich dabei fast ausschließlich um mittelständische Unternehmen im Besitz von Personen aus der Region. Diese Unternehmen verfügen alle über Geschäftsbereiche, die sich auf die Luft- und Raumfahrt spezialisiert haben. Zudem sind die meisten dieser Unternehmen recht jung. Von den Unternehmen sind vier Fünftel innerhalb der letzten 20 Jahre gegründet worden. Zwei Aktivitätsspitzen gab es zur New Economy-Ära zwischen 1997 und 2002 und dann wieder ab 2008.

Wie aufgrund der Supply-Chain in der Branche zu erwarten ist, ist die Mehrzahl der Unternehmen als Zulieferer und Dienstleister tätig. Jeweils ein Viertel der Unternehmen lässt sich den Bereichen Maschinenbau, Elektronik, Software und Werkstoffe zuordnen. Die Gesellschafter der Unternehmen sind fast ausschließlich männlich und zu drei Fünfteln in den Jahren zwischen 1965 bis 1975 geboren. Unter den restlichen Jahrgängen sind die 80er Jahre die nächstgrößere Gruppe. Der Wohnsitz ist bei 90 Prozent der Gesellschafter in Bremen und umzu. Gesellschafter mit einem Wohnsitz im Ausland wie in der Schweiz oder in Belgien sind eine seltene Ausnahme. Institutionelle Minderheitsinvestoren wie Private Equity, Venture Capital oder Großunternehmen finden sich unter den Unternehmen nicht.

Dies lässt vermuten, dass es sich bei den kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) entweder um Hidden Champions oder langsam wachsende bzw. kleinere Unternehmen in Nischen handelt. Eine Klassifizierung der Unternehmen nach den Größenklassen des Handelsgesetzbuchs zeigt, dass es sich jedoch meistens um kleine Unternehmen handelt. Von den 20 Unternehmen sind 17 als kleine Kapitalgesellschaften einzuordnen. Die verbleibenden drei mittelgroßen Unternehmen erwirtschaften einen Jahresumsatz von knapp 50 Millionen Euro für das Jahr 2016. Die plakatierte Größe von 4 Milliarden Umsatz ist somit vermutlich weitestgehend den Konzernen zuzuordnen.

Konzerne und Großunternehmen

Die stärksten wirtschaftlichen Effekte für eine Region gehen von Großunternehmen aus. Zahlreiche Beispiele (Coca-ColaKellogg‘s, Hachez) aus den vergangenen Jahren haben gezeigt, dass Betriebe mit auswärtigem Sitz der Konzernunternehmensleitung keinen Bestandsschutz in Bremen haben. Von allen im Branchenverzeichnis aufgeführten Unternehmen haben nur die neusta aerospace GmbH und der OHB Systems AG die oberste Unternehmensleitung in Bremen. Am Beispiel OHB zeigen sich die Größenverhältnisse. Im Vergleich zu den Umsätzen bei den KMU weist die OHB SE im Jahresbericht 2017 deb Betrag von 860 Millionen Euro als Konzern-Gesamtleistung und 2.420 Mitarbeiter aus. Die Mitarbeiter bei Airbus in Bremen summieren sich auf über 3.000. An diesen Zahlen zeigt sich beispielhaft die Relevanz der Großunternehmen.

Startups (#8)

Hinzu kommt die Chance, dass eines der zahlreichen Startups in den nächsten Jahren zu einem etablierten Unternehmen skaliert. Während die Valispace GmbH erst kürzlich durch eine mit dem High-Tech Gründerfonds geschlossene Finanzierungsrunde für positive Nachrichten gesorgt hat, sind Finanzierungsrunden bei Startups in Bremen schwierig zu schließen. Die beiden Universitätsausgründungen Sensosurf GmbH und Additive Works GmbH verfügen beide über vielversprechende Technologien, die jedoch nicht luft- und raumfahrtspezifisch sind.
Die Astronautin ist eine tolle Idee, aber kein Startup im engeren Sinne. Bake In Space könnte eines werden, ist aber im Moment noch eine Idee.  Mac Panther Materials GmbH als Corporate-Startup zeigt, dass auch etablierte Unternehmen gründen können. Jedoch erfordert die Finanzierung von Startups in der Raumfahrt schnell ein Ticketgröße, die hier in der Region noch seltener zu finden ist.

Fazit

Über 140 Organisationen im Bereich der Luft- und Raumfahrt in Bremen und umzu? Das ist kein „list lengthening“, sondern angesichts der Größe des Landes Bremen und seiner beiden Städte eine beeindruckende Anzahl an Organisationen. Das ist kein Kasperkram, sondern ein echtes Cluster. Punkt.

Natürlich kann jede Marktgröße durch weit gefasste Branchendefinitionen (und mögliche dazugehörigen Branchen) aufgeblasen werden. Aber in Leipzig, Dresden, Hannover, Dortmund etc. müsste eine solche Anzahl an Organisationen wahrscheinlich erstmal gesucht werden. Und wer jetzt reflexartig wieder nach Hamburg zeigt, der versteht den Unterschied in den Dimensionen zwischen 600.000 und 1,8 Millionen nicht.

Forschung und Lehre bieten optimale Voraussetzungen für den Wissens- und Technologietransfer und bilden den Grundstein für zukünftige Startups. Dass diese Unternehmen in Bremen gegründet werden, ist eine lösbare Aufgabe für Standortpolitik. Mit der Ansiedlung eines ESA-Gründerzentrums in Bremen ist ein erster wichtiger Schritt in diese Richtung gelungen. Die Abhängigkeit von ausländischen Unternehmensleitungen bei den Großunternehmen erfordert besondere Anstrengungen. Doch eine besonders schiefe Größenverteilung innerhalb der Branche ist leider für die meisten Branchen, aber insbesondere die Technologiebranchen, üblich.

Über den Autor der Kurzanalyse:
Dr. Martin Holi ist Projektleiter der DIGILAB Innovationsprojekte und wissenschaftlicher Mitarbeiter am LEMEX – Lehrstuhl für Mittelstand und Existenzgründung an der Universität Bremen.

Digilab

Die DIGILAB Brennerei 4.0 Innovationsprojekte sind Kooperationsprojekte zwischen Organisationen und Studierenden der Hochschulen in Bremen. Gemeinnützige, öffentliche, wissenschaftliche und privatwirtschaftliche Organisationen und Personen haben dabei die Möglichkeit, zusammen mit Studierenden aller Fachrichtungen neue Produkte und Dienstleistungen in der Schnittmenge von Digitalisierung, Innovation und Business Development zu entwickeln. Die DIGILAB Innovationsprojekte werden vom Lehrstuhl für Mittelstand, Existenzgründung und Entrepreneurship (LEMEX) an der Universität Bremen durchgeführt und durch den Senator für Wirtschaft, Arbeit und Häfen gefördert.

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