schweben

Schweben – Genuss und Vision

Eine Kolumne von Anja Rose

Kürzlich, an einem Sonntagmorgen, ist die Raumsonde Parker Solar Probe ins All gestartet und hat sich auf den Weg zur Sonne gemacht. Sieben Jahre wird dieses 685 Kilogramm schwere Gerät durchs All schweben. Im Universum sehen ja selbst die größten Flugobjekte schwerelos aus. Vielleicht faszinieren sie uns deshalb so sehr. Weil Schweben so verlockend ist, eine Sehnsucht fast – denn im Gegensatz zum Abheben kommt es ja eher selten vor.

Die Kunst der Balance

Meist passiert es von ganz allein. Und manchmal geht es schneller zurück als man denkt, direkt auf den Boden der Realität. Das Problem am Schweben nämlich ist, dass dieser Zustand selten von Dauer und im Allgemeinen schwer zu halten ist. Denn das Überwinden von Naturgesetzen, das braucht Willen und Energie, wenn auch andere als das Abheben, Fliegen oder Bleiben. Mal ehrlich: Schweben kann fürchterlich mühevoll sein. Das Unklare, Unsichere, die Unentschiedenheit. Nicht Fisch nicht Fleisch und das Gemüse ist auch weit weg.

Manchmal ist die Richtungslosigkeit beim Schweben extrem energieraubend. Da wird der feste Stand zum Sehnsuchtsort der Sicherheit, Verankerung und Klarheit. Es geht nicht voran, es geht nirgendwohin. Stillstand. Im Gegensatz zum Abheben. Das ist schnell erledigt, mit der notwendigen Antriebsenergie. Vom Radfahren kennen wir das alle: Je höher die Geschwindigkeit, je entschlossener wir drauflosstrampeln, desto einfacher ist es, das Gleichgewicht zu halten. Schweben hingegen hat überhaupt keine Geschwindigkeit. Null. Gar nicht. Vielleicht ist es deshalb so selten in unserem Highspeed-Leben. Aber es geht. Wenn man weiß wie.

Der Geist auf Reisen

Schweben nämlich, das ist ein bisschen wie fliegen. Fast das Gleiche, könnte man sagen, nur eben ohne Beschleunigung, vielleicht auch ohne Zeit. Es ist die Auflösung in einem größeren Irgendwas. Und das ist das Entscheidende. Denn wir Menschen bekommen so ein tatsächliches Schweben aus physikalischen Gründen ohne Hilfsmittel nicht hin – aber im Geiste, da lässt es sich herrlich schweben.

Neulich zum Beispiel, da traf ich eine, die hatte es geschafft. Die schwebte. Auf Wolke Sieben vielleicht, wie man so schön sagt, oder auch anderswo. Egal, denn was immer sie trug oder losgelassen hatte: Es schien traumhaft zu sein. Eine Ruhe, eine Ausgeglichenheit und ein Selbstvertrauen gingen von ihr aus. Keinen Funken Unsicherheit gab es, keine Angst, aus der Balance zu geraten, abzustürzen. Wunderbar. Allein das Zugucken war beseelend. So entzückend entrückend. Wer auf Wolken schwebt, egal welche Nummer, ist dem Alltäglichen enthoben.

Und genau das ist dann manchmal auch das Problem. Der Kontakt wird etwas, nun, sagen wir mal: schwierig. Denn anders als beim bloßen Perspektivwechsel ist beim Schweben das Unbeteiligtsein gleich inklusive – auf eine befreiende Art sicherlich. Die explosionsartige Energie des Abhebens wird umgewandelt in etwas Insichruhendes. Manche haben diesen Seinszustand so sehr verinnerlicht, dass sie durchs ganze Leben zu schweben scheinen, engelsgleich und nicht von dieser Welt. Klar, dass da einiges aus dem Blick gerät. Meistens die Realität, in der wir anderen uns zu bewegen glauben, mit den müden Füßen in Bodenkontakt.

Bewegen im Wollenkönnen

Aber genau das ist es. Gerade deshalb braucht das Schweben Wagemut. Mut, den Kontakt zu lösen, der sogenannten Realität quasi die Fußsohlen zuzuwenden und das Bekannte, Sicherheit bietende, jene vieldiskutierte wohlig schnöde Komfortzone zu verlassen. Schweben erfordert den Mut zu einer gewissen Form der Energieumwandlung. Das volkommene Aufgehen in etwas anderem, von dem man nicht weiß, welche Kräfte wirken. Loslassen und vertrauen statt kontrollieren.

Es bedarf der Selbstvergessenheit. Das Vergessen der eigenen Begrenzungen, von Verpflichtungen, Zwängen und Notwendigkeiten. Es ist ein Herauslösen aus dem Alltäglichen, ein Bewegen in Möglichkeiten, zwischen Stühlen, Projekten, Optionen. Losgelöst vom Müssen, mitten im Wollenkönnen. Schwebend lassen sich Chaos und Unlösbares aus der Distanz betrachten. Denn schwebend lässt sich Leben und Sein trefflich überblicken, die inneren Welten wie das Außen. Schweben, das hat immer auch etwas Visionäres.

Wie Forschung und Technik. Und die Parker-Sonde. Die schwebt in Wirklichkeit allerdings gar nicht, sondern rast mit 692.000 Kilometern pro Stunde durchs All. Genaugenommen fällt sie kontrolliert der Erde entgegen. Aber weil die Erde einigermaßen rund ist und sich dreht, eine Anziehungskraft hat und die Sonde sich nach vorn bewegt, stürzt sie nicht ab, sondern fällt immer im Kreis. Endlos im Kreis fallen, ohne abzustürzen – das ist in jedem Fall Schweben auf hohem Niveau.

Sollte sie aber doch irgendwann wieder die Erde erreichen, dann wird der Flugkörper wahrscheinlich mit einem ordentlichen Knall aufschlagen. Oder verglühen. So ist das mit der Materie. Am Ende geht Schweben eben doch nur so richtig im Kopf.

Anja Rose

textet wortgewandt für den KLUB DIALOG und zahlreiche weitere Kunden.

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