„In Bremen-Nord gibt es mehr zu entdecken, als man denkt.“ – KLUB DIALOG

„In Bremen-Nord gibt es mehr zu entdecken, als man denkt.“

Interview mit Gästeführerin Jasmin Nitzschner

Wie gut kennen wir eigentlich die Stadt, in der wir leben? Was hat Bremen alles zu bieten? Und was gibt es in Bremen-Nord zu entdecken? In unserem alltäglichen Trott verstecken sich die vielen Kleinigkeiten, die jede Stadt besonders machen, vor unseren Augen. Das KLUB Magazin war im Gespräch mit der Gästeführerin Jasmin Nitzschner. Mit viel Erfahrung und geschultem Auge zeigt sie ihren Gästen Bremen und seine facettenreichen Stadtteile. Selber erkundet sie auch immer wieder neue Gegenden.

Foto: Jasmin Nitzschner
Sind deine Gäste vornehmlich Touristen oder sind auch Bremerinnen und Bremer dabei?

Hauptsächlich sind es schon Touristen. Wenn Bremer dabei sind, haben die meist selber Besuch und wollen denen die Stadt zeigen, können es aber selbst nicht erklären. Ich würde mich schon darüber freuen, wenn auch mehr Bremer in meine Führungen kommen, weil es so viele spannende Ecken gibt, die man in seinem Alltag gar nicht wahrnimmt.

Hast du feste Routen im Angebot oder nimmst du auch Kundenwünsche entgegen?

Sowohl als auch. Ich habe meine fest ausgearbeiteten Konzepte, die ich auch auf meiner Internetseite präsentiere. Wenn die Gäste dann sagen, sie hätten gerne noch bestimmte Plätze dazu, oder würden gerne etwas kombinieren, dann gehe ich auch gerne auf die Kundenwünsche ein. Das hängt natürlich auch immer von der zur Verfügung stehenden Zeit meiner Gäste ab.

Gibt es auch Führungen und Stadtteile, die du besonders magst oder die du lieber machst als andere?

Die Innenstadt ist natürlich schon interessant und spannend und auch ein Highlight bei den Touristen. Was mir aber auch immer am Herzen liegt, ist Vegesack beziehungsweise Bremen-Nord. Vegesack speziell, weil es dort den Museumshaven gibt. Viele wissen gar nicht, wie wichtig Vegesack für die Bremer Geschichte und die Entwicklung der Schifffahrt ist. Der Hafen war der erste Vorhafen für Bremen, der im 17. Jahrhundert angelegt wurde, weil die Weser damals versandet war und die Schiffe die Waren deshalb nicht mehr bis in die Innenstadt bringen konnten. Oder der kleine Wal im Vegesacker Hafen, der auf die Walfangtradition verweist. Ach, es gibt so viele schöne Ecken in Bremen-Nord. Der Stadtteil wird echt unterschätzt. Die Menschen, die an meiner Führung teilgenommen haben, sind immer sehr positiv überrascht und beeindruckt.

Stadtführungen in Bremen-Nord sind auch nicht so häufig, oder?

Genau. Es kommt selten vor. Es gibt ein paar ältere Kollegen, die das noch machen und es gibt ein Angebot von der Bremer Touristik-Zentrale. Das wird aber selten gebucht. Von daher habe ich mir auf die Fahne geschrieben mehr Leute in den Norden zu bekommen (lacht). Eine Route die ich besonders gerne mag und bei der man einen sehr umfangreichen Eindruck bekommt, ist zum Beispiel meine Fahrradtour vom Vegesacker Bahnhof über das Gelände der ehemaligen Wollkämmerei zum Denkort Bunker Valentin. Nach einer Pause mit Besichtigung des Denkortes geht´s weiter Richtung Burg Blomendal und Schloss Schönebeck. Das Fahrrad bringt jeder selber mit. Die Route ist 27 Kilometer lang und teilweise sogar hügelig. Das erwartet man von Bremen ja auch nicht unbedingt.

Hast du eine Idee, woran das liegt, dass Führungen im Norden selten gebucht werden?

Ich glaube einfach es liegt an der Entfernung. Obwohl sie eigentlich gar nicht so groß ist, stellt sie häufig ein Hindernis für Tagesgäste dar. Die wollen zuerst die Highlights in der Innenstadt mit den Bremer Stadtmusikanten, dem Roland und so weiter sehen. Danach fehlt meistens die Zeit. Es sind zwar eigentlich nur 20 Minuten, aber das muss natürlich eingeplant werden.

Ein anderer Grund ist vielleicht auch, dass die Menschen gar nicht wissen, welche schönen Ecken wir da haben.

Foto: Jasmin Nitzschner
Es wird ja immer gesagt, Bremen-Nord sei der Stadtteil mit zwei Gesichtern. Es gibt einerseits schöne landschaftliche Ecken und auch Viertel mit hoher Wohnqualität andererseits aber auch Verkehrsprobleme und soziale Brennpunkte. Ist das bei deinen Führungen Thema?

Ich spreche am Anfang darüber, wenn wir in Vegesack starten. Da ist es ja auch offensichtlich. Der Bahnhof ist direkt am Vegesacker Museumshaven und die Grohner Düne, diese große Wohnanlage, direkt dahinter. Das ist einer der sozialen Brennpunkte. Aber man darf das auch nicht überbewerten. Das ist eben, wie du gesagt hast, ein Stadtteil mit zwei Gesichtern. Neben den Brennpunkten gibt es so viele schöne Ecken. Wenn man zum Beispiel im Stadtgarten spazieren geht, harmoniert alles sehr schön miteinander.

Das heißt für dich überwiegen die schönen Seiten von Bremen-Nord?

Genau. Ich wohne dort auch und fühle mich zu Hause. Es ist ein Stück Heimat, das ich auch vermitteln möchte. Und es gibt so viele schöne Details.

Wie lange dauert eine Führung bei Dir ungefähr?

Das ist ganz unterschiedlich. Meist ein bis zwei Stunden. Ich mache auch Tagestouren zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Dann gehen wir auch gemeinsam Mittagessen. Da bin ich ganz flexibel und richte mich danach, wie die Gäste das haben möchten.

Machst du die Führung nur deutschsprachig oder auch mehrsprachig?

Auf Englisch mache ich die auch.

Wie erkundest du neue Routen für Stadtführungen?

Das ist immer ganz witzig. Meistens mache ich das mit meinem Mann zusammen. Vier Augen sehen mehr als zwei. Er ist dann auch meine Testperson, die sagt, ob etwas interessant ist oder nicht. Dann lese ich natürlich auch viel, um neue Themen zu finden. Im Moment bin ich zum Beispiel dabei eine Kaffeeführung zu planen und möchte Bremen dabei als Kaffeestadt in den Mittelpunkt stellen. Dafür führe ich Gespräche mit möglichen Kooperationspartnern. Ich finde es spannend immer wieder neue Facetten von Bremen zu entdecken. Sobald ich das Konzept dann entwickelt habe, gehe ich selber die Strecke ab und versuche Details und Kleinigkeiten zu entdecken, die ich als Besonderheit zeigen kann.

Das klingt wirklich spannend. Gibt es auch noch Plätze in Bremen, die du nicht kennst oder die dich noch überraschen können?

Ja, auf jeden Fall. Im Norden und in der Innenstadt und im Viertel kenne ich mich natürlich sehr gut aus. Aber wenn ich mir so den Süden oder den Osten von Bremen vorstelle, da gibt es schon noch blinde Flecken. Es bleibt spannend für mich.

Der Beruf der Gästeführerin ist ja kein ganz alltäglicher Beruf. Wie bist du eigentlich dazu gekommen?

Das passierte eher auf Umwegen. Es war zwar nicht so geplant, aber jetzt bin ich total froh darüber. Ich habe Geschichte studiert und mich im Master hauptsächlich mit Vermittlungsarbeit und Ausstellungsarbeit im Museum beschäftigt. Nach dem Studium habe ich dann zwei Jahre ein wissenschaftliches Volontariat im Spicarium in Vegesack absolviert. Eines Tages musste ich dann für meine Chefin einspringen und eine Besuchergruppe führen. Da wurde ich sozusagen ins kalte Wasser geworfen. Ich war natürlich total aufgeregt dabei, habe aber hinterher gemerkt, dass mir das richtig viel Spaß macht. Danach habe ich das dann häufiger gemacht und bin dadurch auf das Thema Stadtführungen gekommen. Ich liebe den Schnoor und den Marktplatz und so viele andere Plätze. Da kann man viel draus machen. Als ich dann mein Volontariat beendet hatte, war ich auf Arbeitssuche und das ist im Museumsbereich gar nicht so einfach. Da waren die Stadtführungen die ideale Lösung für mich.

 

Foto: Jasmin Nitzschner
Was gefällt dir an dem Beruf besonders gut?

Der Kontakt zu den unterschiedlichen Menschen. Ich lerne so viele verschiedene Kulturkreise durch meine ausländischen Gäste kennen, das ist total spannend. Und dass ich einfach immer wieder neuen Leuten Bremen und die Besonderheiten der Stadt zeigen kann, das macht mir Spaß. Ich bin gebürtige Bremerin und bin ganz stolz darauf, dass diese Stadt gleichzeitig auch mein Arbeitsplatz ist.

 

Wie erkundest du die Umgebung, wenn du selber im Urlaub bist? Machst du das auf eigene Faust oder nimmst du selbst auch an Führungen teil?

Alles. Wenn ich unterwegs bin, nehme ich meistens einen Mietwagen, um die größere Umgebung selber anzugucken. Ich mache aber auch Tagesausflüge oder Bustouren mit, damit ich die Insider Informationen (lacht) bekomme. Also Sachen, die ich alleine wahrscheinlich nicht finden würde.

Das klingt auf jeden Fall spannend und macht Lust auf mehr. Du sagst also, dass es schon sinnvoll ist, auch mal eine Stadtführung in der eigenen Stadt zu machen, oder?

Genau, es gibt immer noch viele Kleinigkeiten, die man übersieht. Zum Beispiel beim Rathaus. Da läuft man jahrelang vorbei und weiß gar nicht was die Henne eigentlich bedeutet.

(lacht) Welche Henne?

Siehst du (lacht). Es gibt eine frei erfundene Sage von der Bremer Gluckhenne. Die wurde der Skulptur an der Rathausfassade angedichtet. Das ist Bremer Gluckhenne über dem zweiten Bogen bei den Arkaden. Was es damit auf sich hat, erzähle ich bei meinen Führungen. Es gibt so viele versteckte Feinheiten.

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