KLUB REISE #8: ›zum guten Ton‹

Das ist wie Musik in den Ohren… ›der gute Ton‹ bietet uns am 19. Oktober 2018 während der KLUB REISE #8 die Möglichkeit, einmal ganz genau hinzuhören: Hohe und tiefe Töne, nette Töne, gemeinsame Töne, international bekannte Töne, respektvolle Töne… das geht alles – mindestens. Hören wir einmal genau hin…

Es ist 18.30 Uhr am freitäglichen 19. Oktober 2018. Ein Linienbus steht mitten auf dem Vorplatz der Kunsthalle Bremen. Davor tummeln sich rund 40 Menschen, die ausgelassen quatschen und lachen. Das sieht doch ganz nach einer KLUB REISE aus! Richtig. Heute starten wir auf eine Reise, die unsere gehörigen Sinne etwas mehr beanspruchen wird als bisher. Denn wir wollen ihn hören, den ›guten Ton‹.

Dann lasst uns starten! Die Reisenden suchen sich einen Sitzplatz, nehmen sich ein leckeres Kaltgetränk und lauschen ihm: Dem Master of KLUB REISE, dem Strippenzieher, Pipipausen-Zuteiler und roten Faden des Abends: Niemand anderem als Peer Gahmert, unserem Reiseleiter!

Der Motor startet und wir rollen los. Jürgen, unser Vertrauensmann und Busfahrer des Abends von Thiemann Reisedienst, bringt uns sicher zur ersten Reisedestination.
Wir halten in der Norderneystraße. Hier sitzt die Thein Brass OHG, einer der Blechblasinstrumente-Hersteller in Bremen, im Norden, in der Welt! Olav Brandt, einer der beiden Geschäftsführer von Thein Brass, führt uns heute durch sein kleines Klangparadies in D-Moll und C-Dur.

Wir dürfen über das Hintertürchen ersteinmal in der Werkstatt stöbern. Die erste Frage „Darf man auch mal anfassen, und auch mal reinpusten?“ wird bejaht – und man hört immer mal wieder während des folgenden Gesprächs ein Tuuuut hier, und ein Tutuuuut dort.
Trompeten, Posaunen, Tubas und mehr werden hier täglich mit Liebe zum Detail, handwerklichem Geschick und einer Leidenschaft zur Einmaligkeit gebaut und poliert.
Handwerkstipp 1: Wenn man ein Instrument hämmert, dann schlägt man nicht auf das Metall ein – sondern lässt den Hammer fallen. So spart man Kraft und sorgt für Gleichmäßigkeit. Muss man auch erstmal wissen…
Hier bei Thein Brass werden Blechblasinstrumente für die ganze Welt angefertigt. Probieren wir es einfach mal aus: Stellen wir uns mit geschlossenen Augen vor eine Weltkarte und werfen mit einem Dartpfeil drauf – wetten, dass auch da schon ein Thein-Brass-Instrument spielt?

Nun sind wir eingeklungen, in diesen Abend. Also setzen wir uns in unseren Bus und Jürgen legt los: Ab zur Reisedestination Nummero 2! Benjamin Heck stellt sich vor: Heck, wie Bug! Aber nein, wir werden jetzt nicht maritim und reisen ans Meer. Benjamin ist Kopf, Denker und Erfinder von Vitru Akustik. Klingt nach Ton – ist es auch, aber Ton der ziemlich ausgefallenen Art. Denn Benjamin hat etwas hergestellt und zur Perfektion gebracht, was 1.000e vor ihm schon versuchten, aber dann doch scheiterten: Er stellt Hi-Fi Anlagen aus Beton her. Das klingt schwer und macht für Ottonormal-Nichtmusikanten wenig Sinn. Aber wenn man Benjamin lauscht, stellt sich ein spannender Aha-Effekt ein. Denn ja, Beton ist schwer. Und was macht das Gewicht? Es bleibt starr und unbeweglich. Und genau das ist genau richtig für extrem guten Ton, denn der Sound wird durch unnötige Vibrationen der Anlage nicht verzerrt, und alle Töne, die vorne aus den Lautsprecheröffnungen herauskommen sollen, kommen auch genau da raus.
Wir steigen in der Industriestraße aus und gehen in Benjamins Show-Room. Eher ein Show-und Lausch-Room, denn neben angucken kann man hier exponentiell gut hören. Zwei 20er-Grüppchen machen es sich auf dem Sofa bequem, davor, daneben. Sitzend, stehend, Hauptsache tiefenentspannt. Auf Befehl hin schließen alle ihre Augen und starten das Lauschen. Und es ist eine Wucht. Zwei Lautsprecher stehen vor einem (die man ja nicht sieht, weil man die Augen geschlossen hat), und trotzdem hört man eine Wand aus Sound. Keine Lücke, keine stockigen Übergänge, es ist, als wären wir mitten in einem überdimensionalen Lautsprecher. Der erste Track besteht aus einem Tischtennisball, der durch die Gegend hopst. Und selbst mit geschlossenen Augen erwischt man sich, wie man dem Ball mit dem Kopf folgt. Verrückt! Aber eben doch wahr, das ist nicht zu überhören. Nach dem Tischtennisball hören wir noch einen Song mit lieblicher Frauenstimme. Wohl gemerkt auch hier lückenlos, als würde uns die Sängerin live ein Ständchen singen.
Nach dem Lauschen dürfen wir noch schauen – und fühlen. Dieser Beton fühlt sich eben doch nicht an wie frisch aus dem Baumarkt angerührt. Das Geheimnis ist Benjamins spezielle Mischung aus x, xx und xxx. Natürlich verrät er es uns nicht, hätten wir bei so einer wahnsinnigen Erfindung sicherlich auch nicht getan.
Wir verlassen Benjamins heilige Halle, schwebend von der Musik, und stellen fest: Der Benjamin hat da etwas ganz Besonderes entwickelt! Auf dass ihr nun im Wohnzimmer steht und feststellt: Ich brauche eine neue Anlage! Fast nichts leichter als das, denn man kann diese Wundertöner tatsächlich käuflich erwerben. Fragt doch einfach Benjamin!

Nun aber schnell in den Bus und ab dafür: Wir wollen doch schauen, welche guten Töne es sonst noch so gibt! Während der Fahrt kommt nun Andreas nach vorne. Um genau zu sein handelt es sich um Andreas Block-Daniel (wir haben diesmal ca. 3-7 Andreas-Reisegäste an Bord). Wenn man Andreas fragt, was er so macht, steigt die Neugier von Begriff zu Begriff. Denn man nennt ihn mal ›den Baumflüsterer‹, mal den ›Baum-TÜV‹ oder mal den ›Baum-Doktor‹. Also scheinbar was mit Bäumen… Nur was?
Andreas ist Diplom-Ingenieur für Gartenbau und prüft mit seinem Team im Jahr knackige 50.000-60.000 Bäume. Private Bäume, Bäume der Kirche, Bäume im Bürgerpark… Er ist aber auch als Gutachter gefragt, wenn es um neue Bau-Vorhaben geht. Spannend ist hier die Gegenüberstellung von Gefühl und Fakt. Wenn man sich umschaut, denkt man, dass Bremen bald baumlos ist, dauernd werden Bäume gesägt! Aber die Fakten sprechen dagegen. Bei den 50.000/60.000 Baumkontrollen von Andreas und seinem Team pro Jahr werden gerade mal ein bis zwei Prozent als „rot“ markiert, also so kaputt, dass sie schon jetzt eine Gefahr darstellen. Spannende Fakten, aber wir wollen heute auch hören! Andreas ist vorbereitet: Wir gehen in die Wallanlagen und schauen und horchen ihm bei der Arbeit zu. Er klopft an den einen Baum, dann an den nächsten. Und stimmt, beim genauen Hinhören hört man Unterschiede. Andreas weiß unheimlich viel über diese grünen Wunder der Natur und man kann nicht aufhören, ihm zu lauschen. Nur unterbrochen vom Horchen, wenn man wieder an einem Baum klopft. Für alle Umweltschützer hier eine kleine Info: Natürlich wird nicht mit Vorschlaghammer gearbeitet, sondern mit einem Holzhammer, der dem Baum keinen Schaden zufügt. Und wir Reisegäste? Wir fangen sofort an herumzudoktoren, zu analysieren: Oha, das klingt hohl! Hmm, der klingt ganz dumpf. Aha, dieser klingt knackig!
Andreas ist Vollprofi, aber vor allem ist ein Baum für ihn nicht nur irgendetwas Austauschbares. Er ist mit Leidenschaft dabei, ach so oft ehrenamtlich vor Ort, und sein Umgang mit den Bremer Bäumen ist voller Respekt. Es ist wundervoll zu sehen, dass hier ein Mensch mit der Natur auf Augenhöhe agiert. Wir danken für diesen spannenden Einblick in dein tägliches Tun, Andreas! Das ist doch glatt noch mal einen Applaus wert.

So, wir gehen wieder zurück zu unserem rollenden Gefährt und rechnen nach. Gast 1, Olav Brandt: Check! Gast 2, Benjamin Heck: Check! Gast 3, Andreas Block-Daniel: Check. Das macht drei, da fehlt doch noch was!
Richtig, nun rollen wir gemeinsam zu unserer letzten Reisedestination. Und hier geht es nicht um Bäume, nicht um Musikinstrumente oder Lautsprecher, sondern um den guten Ton in der freien Bremer Theaterszene. Susann Keiper sitzt urplötzlich neben unserem Reiseleiter. Sie ist Vorstandsmitglied im ›Landesverband Freie Darstellende Künste Bremen‹, ein Zusammenschluss aus vielen freien Künstlern unserer Hansestadt. Vollkommen frei bedeutet aber nicht vollkommen frei von Sorgen. Denn angewiesen sind sie auf Gelder, die es zu akquirieren gilt. Beim Senator für Kultur, bei Stiftungen und Co. Das ist neben der Kunst, die Muße und Liebe benötigt, auch noch eine Menge Papierkram. Aber das ist es dann wert, am Ende, wenn man Gelder bekommen hat und das Herzensprojekt nun Realität werden lassen kann.
Wir fahren nun zur Schwankhalle, in der das Festival SPOTLIGHT 2018 auf der Zielgeraden ist. Der Landesverband hat die Schwankhalle für einen Monat geentert und mit unzähligen Workshops, Shows, Showings gefüllt, die rund um die Uhr Einblicke in die freie Bremer Szene gewähren.
Schon auf dem Buntentorsteinweg winkt uns ein adrett gekleideter Herr und lotst den Bus auf Halteposition. Wir steigen aus und folgen ihm: James, so stellt er sich vor, führt uns über die Hintertür in den Neuen Saal. Er spricht höflichstes Englisch und gibt uns das Gefühl, hier vor Ort vollkommen willkommen zu sein. Hier herrscht ein vorzüglich guter Ton: Jeder Reisegast wird von James (Erwing Rau) persönlich begrüßt und vorgestellt. Wir stellen uns Schritt für Schritt in einem Halbkreis mitten auf die Bühne. Und da steht noch jemand: Sissi Zängerle lächelt uns an und auch sie öffnet ihre Arme und lädt uns ein, ein Teil vom Ganzen zu werden.
Nachdem wir komplett sind, lockern wir uns in guter Theatermanier auf. Wir klopfen uns auf die Schultern, drücken uns liebevoll die Arme, und sind ohne es zu merken einmal auf der anderen Seite: Auf der Bühne statt im Zuschauer- und Voyeur-Bereich. Nun ertönen wir selbst: Ein erdbeeriges ›ammmm‹, und auch ein Champagner-prickelndes ›immmm‹ tönt laut im Chor. James erzählt uns nun noch eine spannende Geschichte: Von der Leidenschaft, die eine Party feiert. Dabei sind natürlich die Neugier, die Angst, die Liebe! 
Nun merken wir, guter Ton ist ziemlich vielfältig! Denn auch auf der Theaterbühne herrscht er, der gute Ton. Aber eben nicht nur guter Ton, auch provokanter, aufrüttelnder, politischer oder träumerischer Ton. Kultur ist ein unverzichtbarer Teil unseres Lebens, den wir ruhig mal wieder öfter wahrnehmen könnten. Wir danken Sissi und Erwing, dass sie uns, ganz unter dem Motto ›mittendrin statt nur dabei‹, einen Einblick gewährt haben, und das zu solch später Stunde!

Nun ist es Zeit, all die Erlebnisse zu Erinnerungen zu formen, die wir immer wieder hervorholen können, wenn wir ihn mal wieder suchen: Den guten Ton. In der Schwankhalle nehmen wir noch das ein oder andere Kaltgetränk, lassen Revue passieren, was wir erlebt haben und sind nun schon ziemlich neugierig auf die kommende KLUB REISE #9 ›Ans Blaue‹.

Du willst dabei sein? Hier geht´s zur Veranstaltungsseite.

Reisetagebuch: Franci Trybull
Reisefotos: Michael Bahlo (NORDAUFNAHME)
-> Das vollständige digitale Fotoalbum der KLUB REISE #8 findest du ›hier‹.