KLUB REISE #7 ›Nachts(ch)ichten‹

Die Nacht ist zum schlafen da…? Denkste!
Die Nacht ist in Bewegung, es flirrt und die sogenannte ›nächtliche Stille‹ muss man erstmal suchen. Am 17. August 2018 durften wir im Rahmen der KLUB REISE #7 ›Nachts(ch)ichten‹ in der Nacht stöbern und sehen, was sich alles so tut, während manchereins im Traumland verweilt.

So. ›Nachts(ch)ichten‹ ist also das Thema der heutigen KLUB REISE. Passend dazu starten wir außer der Reihe einmal um 20.00 Uhr. 40 Reisewütige finden sich an der Starthaltestelle ein und sofort stellt man verwundert fest: Wo ist denn der themenspezifische Reisebus, mit dem wir uns immer auf den Weg machen? Dort steht kein Bus, stattdessen, ach wie typisch, stehen 5 Großraumtaxen mitten im Weg. Warte mal… Taxen, Taxen… Na klar! An welche Menschen denkt man, wenn man an Nachtschichten denkt? Natürlich an Taxifahrer! Et voilà: Da isses, das themenspezifische Reisegefährt. 

Master of Funkgerät (unser heutiges Kommunikationsmittel), der Rote Faden und Herr aller Reisenden ist wie immer unser charmanter Reiseleiter Peer Gahmert.
Nachdem zu Beginn die Reiseregeln klar definiert werden und unsere wundervollen Kooperationspartner dieser Reise vorgestellt werden (hier zum ersten Mal: Wir danken der Arbeitnehmerkammer Bremen und dem Summersounds Festival für den Support bei der REISEplanung!) geht es los mit der ersten Hürde: 40 Menschen teilen sich auf 5 Taxen á 9 Sitzplätze auf. Wir stellen fest: Es klappt. Und die Mathematikerin in mir wundert sich: Warum ist denn ein Sitzplatz frei? (Die Auflösung folgt später- ich darf erwähnen, dass ich mich tatsächlich nicht verrechnet habe.)

Wir starten mit einer Kolonnenfahrt aus 5 Taxen, die uns ausgesprochen sicher durch die Bremer Straßen führen. Denn wir haben die Crème de la Crème der Taxiunternehmen für die Reise gewinnen können: Taxi Roland, mit dem Chef Klaus persönlich, chauffiert uns durch die Stadt. Und als erstes muss ich mir von Klaus, dem Profi in Person und wandelnde Straßenkarte, anhören, dass meine Reiserouten doch, nett formuliert, etwas „eigen“ sind. Wir merken: Ich kann nicht rechnen und logische Straßenführung liegt mir auch nicht. 

Während der Fahrt und nachdem die ersten Flaschen klirrten (Produktplatzierung: Hopfenfänger ist das REISEbier und Viva Con Agua das REISEwasser), rauscht es plötzlich im Funkgerät.

Der Reiseleiter ruft erstmals zur Ordnung! Denn nun ist es soweit, wir präsentieren REISEgast Nummer 1: Susanne Hagemeister von ›Blaukontor für Gestaltung‹. Blaukontor für Gestaltung‹ ist eine Bremer Agentur für Konzeption & Gestaltung im Bereich Design – sei es die Website oder das neue Produkt, dass sexy in Szene gesetzt werden soll – und noch einiges mehr, was der fleißige Leser besser auf ihrer Homepage nachvollziehen kann als durch meine naiven Worte. Hier wird alles mit viel Liebe und Blick fürs Detail konzipiert und die Kunden werden auf diese ganz eigenen Entwicklungsreisen mitgenommen.

Aber statt nur kreativ zu reden, wollen wir doch auch mal kreativ sein, haben wir uns gedacht. Und da Susanne und ihr Mit-Geschäftsführer Axel Stiehler nebenbei auch ein Teil des Kommunikationsverbands Nordwest sind, die just die Ausschreibung zum ›Battle of Print – Hands on Vinyl‹ in die Welt riefen, kann man das doch auch mal mit unseren Reisenden machen: So bekommt jeder einen Pizzakarton in die Hand (Pizzakarton, weil: Pizzakartons haben passenderweise so ziemlich genau die Maße eines Vinyl-Plattencovers) und viele bunte Stifte. Und los geht´s: 7 Minuten haben wir, um ein ganz eigenes Plattencover zu covern. 
Die Ergebnisse sind von „einen Versuch war es wert“ bis „wow“ und bleiben vorerst im Büro, um nochmal über sich nachzudenken. Denn Punkt 2 auf der Blaukontor-Agenda beginnt in wenigen Sekunden: Um 20.48 ist Sonnenuntergang! Und dieser lässt sich am aller-aller-aller-besten auf der Blaukontor-Dachterasse erleben – mit einem zauberhaften Blick über die Überseestadt.

Nach vielen Fotos und Hach-Momenten steigen wir flugs wieder in unsere Taxen und reisen weiter. Und sobald wir wieder rollen, kommt direkt wieder der Reiseleiter mit einer Sonderdurchsage: Wir haben einen Anruf bekommen und müssen einen kleinen Umweg fahren – eine Eilfahrt! Wir fahren zu Radio Bremen und dort steht eine einsam wirkende Person, die deutlich wartend mit Blick auf die Straße auf und ab läuft. Ist das der ominöse Fahrtgast? Ja, sagt Klaus. Und Peer. „Wo darf es hingehen“? – „Na auf die KLUB REISE!“ – da ist sie ja genau richtig.
Astrid Dietze ist zugestiegen. Sie ist Main-Denkerin, Main-Planerin und Chefin des Summersounds Festivals und hatte gerade ein Interview bei Bremen Vier. Somit ist der leere Sitzplatz gefüllt – mit einem unserer REISE-Kooperationspartner an Bord fühlen wir uns nun komplett.

Weiter geht die REISE! Zu Wort kommt nun unser kommender REISEgast: Jens Zippel. Jens hat ein ganz besonderes Thema, bei dem die Euphorie und Begeisterung in jeder Silbe zu hören und zu spüren ist: Der weite weite Weltraum. Den schaut er nicht nur gerne an, sondern er hält ihn wahrlich fest: Mit einer Fotokamera. Jens´ große Leidenschaft ist die Astrofotografie. Hierfür hat er sich eigens eine eigene kleine Sternwarte gebaut, in der er seine Nächte verbringt. Und zwar so ziemlich jede Nacht, die für diese besondere Art der Fotografie geeignet ist. Klar muss die Nacht sein, und der Mond sollte nicht scheinen. So wie heute. Trotzdem nimmt sich Jens Zeit, uns über diese ganz besondere Nachtsicht zu berichten und sie uns auch noch zu zeigen!

Aber erstmal sollten wir unsere aktuelle Fahrt beenden. Romantisch geht die Fahrt über die Wilhelm-Kaisen-Brücke, dann unter die Wilhelm-Kaisen-Brücke und flugs sind wir da: Bei der Olbers Gesellschaft e.V. Bremen. Denn Bremen hat neben Jens´ privater Sternwarte noch eine öffentliche, für jedermann genießbare Sternwarte! Die Olbers Gesellschaft ist, wie auch das Olbers Planetarium, in der Hochschule an der Werderstraße beheimatet. Holger Voigt, Vorstandsvorsitzender der Olbers Gesellschaft e.V. Bremen,  begrüßt uns und zeigt uns das Schmuckstück: Kinderherzen schlagen höher, man will durch alle Teleskope schauen und gleich einen neuen Stern entdecken. Das kann man hier, wenn man will. In der Wintersaison (Oktober bis April) finden jeden Mittwoch Vorträge statt, einmal monatlich Hauptvorträge, die auch Profis von außerhalb Bremens zu Wort kommen lassen – und parallel dazu kann man mittwochs und freitags ab 19.00 Uhr auch einen Blick durch die Teleskope werfen. Wie sich das finanziert? Durch einen ordentlichen Haufen ehrenamtlicher Arbeit von Holger und seinen Kollegen, und von den Mitgliedsbeiträgen (den Link für diese wirklich gute Investition haben wir direkt beigefügt: ›hier‹, ›hier‹ und ›hier‹). 

Nach diesem spannenden Einblick rufen wir zur Klassenarbeit in den Vortragsraum nebenan! Ein kleiner Scherz, jetzt kriegen wir die faszinierenden Bilder von Jens zu sehen. Der Raum ist dunkel, nur der Beamer strahlt Bilder an die Wand, die einen sprachlos machen. Wundervoll, farbenfroh und weit über die eigene Vorstellungskraft hinaus sieht man hier Sterne und Nebel. Millionen Lichtjahre entfernt. Und das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Was wir da vor uns strahlen sehen, gibt es vielleicht gerade gar nicht mehr, es gab es eben Millionen von (Licht-)jahren zuvor. Jens Stimme nimmt uns mit in das große weite Weltall, erzählt uns, was wir da sehen, und wie das technisch überhaupt möglich ist. Denn ganz so einfach wie „nur auf den Auslöser drücken“, wie ich das so mache, ist die Sache nicht. Die Bilder werden lange belichtet, aus zu Beginn schwarz-weißen Fotos wird auf (für mich) wundersame Weise solch eine spektakuläre Farbenpracht.

So, nun landen wir erstmal wieder auf der Erde und verlassen die Sternwarte – nicht ohne Holger und Jens mit saftigem Applaus für diesen Ausflug in die Unendlichkeit zu danken.
Wir steigen ein und fragen uns: Wohin geht’s wohl jetzt? Das knacken im Funkgerät verrät, dass wir nun den nächsten REISEgast kennenlernen. 
Stefanie Gebhardt spricht. Stefanie ist bei der Gewerkschaft IG Metall tätig und fleißig. Ihr Job ist laut. Muss er auch, denn sie ist die Stimme von unzähligen fleißigen Menschen, die in der Metall- und Elektroindustrie, sowie ihren Logistik- und Zuliefererbranchen in Bremen arbeiten. Oft läuft hier das Band nahezu 24/7. In drei Schichten wird gearbeitet, Konzentration und Aufmerksamkeit sind non-stop gefordert, sonst funktioniert der eng getaktete Ablauf nicht mehr. Damit all das in geregelten und fairen Bahnen verläuft, steht Stefanie als Stellvertreterin dieser fleißigen Bienen und Drohnen vor den Unternehmen und fordert: Fairer Lohn, faire Bedingungen, faires Umfeld.

Damit wir hautnah erleben, wovon Stefanie uns erzählt, fahren wir zur Hansalinie, wo viele große Unternehmen geballt ansässig sind und z.B. Mercedes Benz mit Autositzen, Klein- und auch Großteilen beliefern.
An einer Kreuzung der ständig schlagenden Verkehrsadern der Hansalinie treffen wir zwei dieser fleißigen Bienen. Beide arbeiten seit Langem in der Nachtschicht und beide sind als gewerkschaftliche Vertrauenspersonen tätig. Wir erfahren viel aus dem Leben eines „Nachtschichtlers“ – ehrlich sind sie, zeigen uns die Nachteile, aber auch einige Pluspunkte auf. Viele Fragen prasseln auf die beiden nieder, und sie gewähren uns mit jeder Antwort einen weiteren Blick in ihren nächtlichen Arbeitalltag. Was bedeutet es körperlich, seit Jahren in der Nacht zu arbeiten? Bekommt man seine Familien überhaupt noch zu sehen? Darf man sich die Schicht, in der man arbeitet, aussuchen?
Wir Menschen sind ursprünglich tagaktive Wesen. Jahrelange Nachtarbeit geht an niemandem so einfach vorbei. Man muss wach bleiben – nicht nur körperlich, auch der Kopf darf nicht schlafen. Da steckt täglich, nein, nächtlich viel Selbstbeherrschung und -kontrolle drin. Da beruhigt es zumindest etwas, dass die ewigen Nachtschichtler für diese Arbeit einen tariflichen Bonus erhalten.
Auf die Frage zum Thema Familie kommt eine sehr unerwartete Antwort: „Ich sehe mein Kind mehr, wenn ich in der Nacht arbeite. Wenn ich nach Hause komme, steht es auf, und während es in der Schule ist, schlafe ich.“
Und die Wahl, in welcher Schicht man im kommenden Monat arbeitet, wird hier nicht gestellt – Nachtschicht bleibt Nachtschicht, da hat man kein Mitspracherecht. Schade.
Und zuallerletzt noch etwas für die Sonnenanbeter unter uns: Auch das macht den Menschen, die die Nacht zum Arbeitstag machen, zu schaffen: Die Hitze lässt einen nicht vernünftig schlafen, sodass der Körper nicht zur Ruhe kommen kann. Da kriegt man (also ich) ein schlechtes Gewissen bei dem Gejammere, dass der Sommer schon vorbei zu sein scheint.
Vielen Dank, ihr Zwei, dass ihr uns einen Einblick in euer Leben gewährt habt!

Es ist 22.15 Uhr. Die Otto-Normal-Tagleber verspüren schon so langsam ein ziehen in den Augenwinkeln. Nicht mit uns! Wir steigen zum letzten Mal des heutigen Tages zu Klaus und seinen Kollegen ins Taxi und lassen uns überraschen, wo unsere Nacht-REISE enden wird. Unsere letzte Reisedestination der Nacht ist: Das Summersounds Festival, dass am nächsten Tag in der Neustadt stattfindet.
Wir fahren mit unserer Kolonne mitten auf die Neustadtwallanlagen (natürlich auf den genehmigten Wegen), steigen aus, und saugen ihn ein: diesen Ort, der in wenigen Stunden für einen einzigen Tag in diesem Jahr Treffpunkt wird für Musikwütige, Familien, kulinarische Gourmets und einfach diejenigen, die das Hier und Jetzt außerhalb des normalen Kosmos genießen wollen. Die Neustadt öffnet ihre Tore und lässt tief blicken in einen ganz besonderen Stadtteil mit ganz besonderen Akteuren.
Um solch einen einzigen Tag voll Einmaligkeiten zu präsentieren arbeitet Astrid Dietze, Stadtteilmanagerin der Neustadt, und ihr Team satte 12 Monate. Am Abend vor dem Summersounds Festival sieht man aber nicht nur sie herumflirren. Techniker sind am Werk, die Backstagebereiche der Bühnen werden gerade eingerichtet, Lichterketten und Deko werden verteilt. Jeder Gastro-Stand benötigt einen Wasseranschluss und mindestens eine Steckdose, Bühnen müssen gebaut werden, Plakate aufgehängt und Wegweiser verteilt werden. Mülleimer müssen aufgestellt werden, Bierbänke geschleppt werden, Zelte aufgebaut werden. Ich könnte noch mindestens 5 Minuten ohne Luft zu holen damit weitermachen. Punkt ist: So ein Festival braucht gerade in der Endphase viele fleißige Arbeiter und viele kleine und große Details, damit es flutscht.
Astrid sieht das ähnlich – direkt werden die 40 Reisenden in 4 Gruppen eingeteilt und jede Gruppe bekommt direkt noch einen Job, der in den nächsten 15 Minuten erledigt werden will. 80 Hände schaffen mehr als 2. So werden Dekoartikel verteilt, Getränke gekühlt, Schilder gehängt und noch die ein oder andere Tat mehr. 

Nun sind wir aber wirklich müde. Wir haben viel gesehen, mehr gehört und waren dazu auch noch fleißig. Wir beenden den Abend in sanfter Lichterketten-Beleuchtung mitten im Grünen, machen uns auf den Weg ins Bett und sind ganz ehrlich: Danke, dass so viele Menschen dafür sorgen, dass auch nachts die Welt nicht still steht und wir am nächsten Tag unsere Zeitung im Briefkasten haben, uns in einen gemütlichen Autositz hinter das Lenkrad setzen oder mit satter Musik von FAAKMARWIN auf einem Festival feiern können.


Fotos: Frank Pusch (NORDAUFNAHME)
Reisetagebuch: Franci Trybull (KLUB DIALOG e.V.)
Reiseleitung: KLUB DIALOG e.V., Arbeitnehmerkammer Bremen und Summersounds Festival