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Brennen und anzünden

Wie Kreative in der Neustadt gemeinsame Sache machen

Manche Menschen brennen für ihre Ideen. Solche Leidenschaft ist oft ansteckend. In der Bremer Neustadt tun sich gerade an mehreren Orten Menschen zusammen, die sich für gemeinsames Gestalten begeistern. Dazu gehören die sechs Initiatoren des Kultureinrichtungshaus DETE und die Platzbegrüner von Ab geht die Lucie, die unter dem Motto „brennen“ zu Gast beim KLUB DIALOG #23 waren. Auch die Do-It-Yourself-Werkstatt KALLE und andere Initiativen gehören in die Reihe der kooperativen Kreativ-Projekte.

Ab geht die Lucie - Foto: Sebastian Burger

Eva Kirschenmann von „Ab geht die Lucie“ will ihre Nachbarschaft mitgestalten. Die Anwohnerin des Lucie-Flechtmann-Platzes hatte sich oft gedacht: „Wie schade, dass dieser Raum so hässlich aussieht! Warum kann man dort nicht etwas anderes machen?“ Mit mehreren Nachbarn, die ebenso dachten, kümmert sie sich seit über einem Jahr darum, dass dort Pflanzen wachsen und Veranstaltungen stattfinden. Zehn bis 15 engagierte Menschen bilden den festen Kern des Teams. Weitere Mitmacher sind willkommen.

Bürgerschaftliches Engagement ist der Geowissenschaftlerin wichtig: „Wir leben in dieser beschleunigten Zeit so wenig das, worum es im Leben wirklich geht.“ Selbst Hand anlegen, statt immer nur zu fordern – das mache Spaß und stecke auch andere an. Das Projekt bekommt viele positive Rückmeldungen: Anwohner stecken Dankesbriefe in die Blumentöpfe; die Kinder der benachbarten Kita spielen mit leuchtenden Augen in der Sandkiste. „Es begeistert mitzuerleben, dass aus dem Grau etwas entsteht. Man leistet Starthilfe und die Natur macht den Rest“, sagt Eva Kirschenmann, die davon träumt, dass der Platz zu einem Vorbild für klimagerechte Stadtgestaltung wird.

Likör aus der Neustadt

Bei Lars Wolf entsteht das Brennen vordergründig durch einen Schluck von seinem Ingwer-Likör, den er in der Neustadt produziert, verkauft und der unter anderem in der DETE ausgeschenkt wird. Die Spirituosen-Kreation „Kalabums“ ist aber auch ein Beispiel dafür, wie ein Gemeinschaftsprojekt eine Geschäftsidee fördern kann. Anlass für den Biologen, den 17-prozentigen Likör auszutüfteln, war das Fest eines „Freiraumprojektes“. In der Neustadt gibt es mehrere solcher Initiativen, die aber die Öffentlichkeit meiden, um sich in ihrem Experimentiergeist nicht einschränken zu lassen.

Wolfs Produkt soll konsequent lokal sein: Der Ingwer kommt vom Marktstand auf dem Delme-Markt, der Agavendicksaft vom Händler in Woltmershausen und die Etiketten druckt der Hersteller von Hand in der Siebdruckwerkstatt der Barthaar-Bande. „Ich kenne meine Händler und die Verkäufer“, sagt Lars Wolf. „Dieses Kleinteilige gefällt mir sehr gut.“ Sein Anspruch ist es, möglichst wenige Ressourcen zu verbrauchen. Inzwischen steigt die Nachfrage für das Getränk – „eigentlich eine Schnapsidee“ – und Wolf hat ein Gewerbe angemeldet.

Austausch ist auch untereinander wichtig. „KALLE unterstützt uns mit Werkzeug, DETE hat uns schon Essen gestiftet und der ‚Grüne Zweig‘ (ein Freiraumprojekt) ist viel erfahrener mit Veranstaltungsorganisation“, sagt Kirschenmann. „Wichtig ist der gute Wille.“ Saskia Behrens, die Gründerin von Kalle, meint, in der Neustadt gebe es noch mehr Raum und damit eben auch den Bedarf, die Dinge aktiv zu gestalten: „Hier fühlt sich, im Vergleich zu anderen Stadtteilen, alles insgesamt eher natürlich gewachsen an.“

KALLE Co-Werkstatt

Das begründet vielleicht auch den temporären und prozesshaften Charakter mancher der Kreativ-Initiativen.  „Das Projekt hat gerade so eine Eigendynamik“, sagt Eva Kirschenmann über „Ab geht die Lucie“. „Solange das so bleibt, und Lucie von den Anwohnenden angenommen wird, engangieren wir uns auch weiter auf dem Platz. Aber erzwingen wollen wir nichts. Wichtig ist, dass es ein Ort ist, der sich ständig verändern darf.“ Lars Wolf plant ebenfalls nicht für die Ewigkeit: „Das Produkt soll sich selber anpassen. Wenn die Leute das nicht mehr interessiert, verschwindet es.“

DETE wird es, zumindest an diesem Ort, nur noch bis zum 31. Juli geben. Das Kultureinrichtungshaus war von vorneherein als Zwischennutzung für ein knappes Jahr geplant. Die sechs Betreiber sind ihrem Vermieter dankbar für die Zeit, die sie es als Raum für Ateliers, Konzerte und unterschiedliche Veranstaltungen nutzen durften.

Dennoch hat DETE bei vielen Bewohnern das Gefühl geweckt: „Das ist genau das, was hier gefehlt hat.“ Wohnzimmer, Bürgerhaus, Kulturzentrum, Begegnungsstätte: Das ehemalige Möbelhaus entwickelte sich zum Lebensraum für Studenten, Familien, Künstler, Musiker, Senioren und Nachbarn. Die Anwohnerinitiative PRO DETE setzt sich nun für den Erhalt ein, und auch im Beirat Neustadt und in der Bürgerschaft wird darüber diskutiert.

Das zeitlich Begrenzte bietet aber auch die Chance, dass Neues entstehen kann. Lars Wolf macht sich zum Beispiel Gedanken über eine gemeinschaftlich genutzte Küche: „Das wäre eine Möglichkeit, um das finanzielle Risiko zu teilen und neue Netzwerke zu knüpfen.“ Bislang muss er zwei Mal pro Monat mit Sack und Pack zu einer angemieteten Küche fahren. Das „Co-Cooking“ könnte auch Jungköchen Raum bieten, um sich auszuprobieren, oder ein Ort für Kochkurse sein. Interessenten für ein solches Vorhaben gibt es bereits.

Saskia Behrens - Kalle Co-Werkstatt

  • Um ein Projekt wie Kalle auf die Beine zu stellen braucht man viel Leidenschaft und Engagement. War Kalle ein Traum von dir?

    Nicht im klassischen Sinne. Kalle ist kein lang gehegter Traum oder ein ausgewiesener Maßen erreichtes Ziel. Es ist viel mehr meine ganz eigene Antwort auf die Frage, die ich mir immer wieder stelle: Womit möchte ich meine Zeit verbringen? Wie arbeiten? Worauf und worüber kann ich mich jeden Tag freuen? Unter diesen Aspekten gestalte ich, inzwischen mit vielen anderen, tollen Menschen gemeinsam, die Inhalte der Werkstatt immer wieder neu. Es soll und wird immer wieder anders und nie fertig sein.

    Was genau machst du bei Kalle?

    Ich bin Designerin und habe mir die Kombination aus Büro und Werkstatt in einer alten Lagerhalle eingerichtet. Das Konzept habe ich unter dem Namen Kalle (Kurzform von: kreative Halle) geöffnet. So kann sich jeder stunden-, tage-, wochenweise einmieten und die komplette Ausstattung mitbenutzen und seine eigenen Projekte realisieren. Ob nun nur die Nutzung eines Schreibtisches, damit man nicht allein zuhause arbeitet, oder vielleicht die Arbeit am Siebdrucktisch, um eigene Designs zu fertigen, oder gar die Kreissäge für den Bau des eigenen Möbelstücks. Die Ausrüstung ist vielfältig! Darüber hinaus bieten wir stetig wechselnde Workshops an, die zumeist von Kalle-Kumpels angeboten werden. Dort bietet sich die Gelegenheit ganz neue Dinge zu entdecken und zu lernen. Und wir machen immer wofür unser Herz schlägt. Hier wird nichts kategorisch ausgeschlossen.

    Wofür brennst du und was gibt dir die Energie dafür?

    Das kann so vieles sein und genau das ist auch das Schöne daran. Ich schätze das Gefühl für Ideen, Menschen, Dinge zu brennen sehr, denn es verleiht einem aus sich heraus viel Energie. Zu entdecken, eine Vision zu entwickeln, zu begeistern, zu unterstützen, zu realisieren… das sind alles sehr kraftvolle, emotionale Tätigkeiten, die auch Feuer brauchen, um unbeirrt zu bleiben.

    Wie entzündest du andere Menschen?

    Kalle selber hat mir eigentlich erst vor Augen geführt, dass ich das tatsächlich tue. Ich treffe hier auf viele Menschen, denen ich mit Kalle und der Realisierung meiner eigenen Wünsche eine Inspiration sein darf. Ich bin sehr positiv eingestellt und bin immer eher für „machen“ als „lassen“. Ich glaube einfach daran, dass es sich für jeden persönlich und darüber hinaus meist auch beruflich lohnt, sich immer wieder zu fragen wofür man selber brennt. Das Stück für Stück weiter heraus zu finden ist auch eine schöne Art persönlicher Verantwortung sich selber gegenüber, finde ich.

    Was meinst du, warum kreative Co-Working-Projekte in Bremen gerade so beliebt sind?

    Diese Bewegung ist ja schon lange ein totaler Trend, der wie alle Trends, auch ausleiern und nerven kann. Der Kern dahinter, den ich absolut schätzenswert finde, ist wohl, dass Menschen sich auch in Sachen Arbeit immer mehr auf ihre individuellen Bedürfnisse besinnen. Mit Co-Workingplätzen bleiben sie flexibel und unabhängig, können sich in vielen spannenden Konstellationen wieder zusammenfinden und stark machen. Bei Kalle im speziellen ist das Besinnen zurück auf das Handwerk ganz wichtig. Nicht nur das digitale Arbeiten am Rechner, vor dem wir ja alle immer so lange sitzen, sondern auch wieder etwas eigenes zu bauen oder zu basteln ist angenehme und beliebte Abwechslung und Ausgleich für viele der Menschen, die herkommen.

Annekathrin Gut

findet, dass sich gute Ideen oft da verstecken, wo man sie am wenigsten vermutet. Sie begibt sich liebend gern in Bremen auf Entdeckungstour und hält das Gefundene – Menschen, Orte, Ideen und Projekte – in Text und Bild fest. Seit 2011 netzwerkt die PR-Expertin für Wirtschafts- und Kulturthemen ehrenamtlich im KLUB DIALOG-Vorstand.

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