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Wir feiern den Sommer – auf Studentenart!

Studierende organisieren ehrenamtlich legendäres Wohnheimfestival

Der gemeine Student ist eine außergewöhnliche Spezies im Bremer Straßendschungel. Trotz oder gerade wegen seiner schillernden Einmaligkeit wird dieser Exot häufig mit Vorurteilen belegt: So träfe man ihn vor allem im Sommer an, wie er einzeln oder als Rudel faulenzerisch im Gras herumliegt. Hier entspannt er nun, herrlich frei und von der Sonne verbrannt, kifft, prokrastiniert und philosophiert über den Weltfrieden. Oder darüber, was wohl passieren würde, wenn alle Menschen auf der Welt gleichzeitig an einem Ort hochspringen würden. Oder warum Pizza nicht in runden Kartons verpackt wird. So jedenfalls das Klischee. 

Der Studentenwohnpark am Fleet stellt (in der Theorie) die ideale Kulisse für solche Tätigkeiten dar. Hier bieten zwei Wohnheime direkt am Technologiepark der Universität Bremen Platz für über 600 Studenten: Die Vorstraße und die Spittaler Straße mit ihren großzügigen Innenhöfen, den bunt zusammengewürfelten WG’s, dem eigenen urban gardening, der Wiese am Fleet. Aber statt beschaulichem Müßiggang herrscht hier jeden Sommer lautstarker Ausnahmezustand.  

Stimmung auf der Mainstage © Wohnpark am Fleet e.V./Philipp Nöhr (wildfremder.de)

Was für die hiesigen Studierenden nach über 40 Jahren Feiergeschichte längst Kult und auch über die Grenzen des Bremer Umlandes hinaus bekannt ist: Der kleine Wohnpark ist am 8. und 9. Juni 2018 wieder Gastgeber eines Highlights des Bremer Festivalsommers. Hier feiern auf dem größten Festival in Bremen nach der Breminale über 7.000 Besucher an zwei Festivaltagen. Natürlich mit freiem Eintritt!

Dabei hat die Vorstraße alles, was die großen, kommerziellen Festivals auch anbieten: Zwei Bühnen für ein regionales und internationales Line-Up, das mit Rock und Hip-Hop, Ska, Punk oder Indie abseits des Mainstream dem Fleet einheizt. Ein jährlich wechselndes Kulturprogramm mit Events wie dem Sommerfest Poetry Slam, Improtheater, flixen und vielem mehr, ein Kindernachmittag für die kleinen Festivalbesucher, ein kulinarisches Angebot im International Food Tent, Grillgut, selbstgezapftes Bier und Cocktails. 

Aber wie plant man ein Festival, das nicht nur den Sommer feiert, sondern auch noch ganz lässig nebenbei sowohl die Horn-Leher Nachbarschaft als auch die verschiedenen Kulturen der Studierenden zusammenbringt und lokale Unternehmen und Bands fördert? Die Antwort: Auf Studentenart! Und zwar mit den Bewohnern des Wohnheimes, die das Fest ehrenamtlich in Eigenverantwortung organisieren. 

Spaß beim Kindernachmittag ©Wohnpark am Fleet e.V.

Ein etwa 70-köpfiges Team findet sich im Verein Wohnpark am Fleet e.V., bestehend aus Wohnparkbewohnern und Interessierten, und plant über das Jahr verteilt nicht nur das Sommerfest, sondern auch weitere Veranstaltungen, die die Gemeinschaft bereichern sollen. Wer sich hier engagiert, wird nicht bezahlt, sondern entrichtet im Gegenteil einen Mitgliedsbeitrag. 

Als Gegenleistung bekommt er oder sie aber eine ganze Menge: Erfahrung im Veranstaltungsmanagement und eine großartige Teamatmosphäre, wie Pia (21) und Mathias (24) berichten. Sie sind Studierende an der Uni Bremen und arbeiten in den Bereichen „Künstler und Bühne“ sowie „Außendarstellung“, obwohl sie selbst nicht im Wohnheim leben. Die „typischen Probleme“ bei ehrenamtlicher Organisation, wie Disziplintiefs oder Unklarheiten in den Verantwortungsbereichen gebe es bei ihnen nicht: „Jeder hat Bock und will, dass die Sache gut läuft. Zur Not gäbe es auch noch die Ressortleiter, die Druck machen. Das ist aber eigentlich gar nicht notwendig, man will ja schließlich seinen eigenen Freundeskreis nicht enttäuschen! Mir macht die Arbeit einen riesen Spaß, auch wegen der vielen Teambuildingmaßnahmen, wie unsere Kohltouren oder Lasertag“, erzählt Pia. Da sei auch das Aufräumen der Zigarettenstummel im strömenden Regen und die Tatsache, dass man in den heißen Phasen pausenlos nur für das Festival da sei, kein Problem. 

Normalerweise gibt es über das Jahr verteilt wöchentliche Treffen in den verschiedenen Organisationssparten des Vereins. Ungefähr sieben Monate zuvor beginnt hier ein neuer Planungszyklus für das Event. Dabei trägt ein Vorstand aus drei Studierenden die Verantwortung. Weiterhin organisiert sich die Gruppe über ein Online-Forum sowie ein öffentliches Wiki, in dem neues Wissen und Know-How gesichert werden soll. Dies ist überaus wichtig für die Organisation, denn das Festival bestand nicht immer wie in seiner jetzigen Form. Im Gegenteil, es wuchs organisch von einer Veranstaltung zur nächsten: Vor mehr als 40 Jahren entstand das Sommerfest aus einer wohnheimsinternen Grillparty mit einer kleinen Bühne am Fleet. Die eigentlichen Gründer des Festivals waren in den 80er und 90er Jahren Studierende an der Universität Bremen. 

Völlig ohne Wachstumsdruck habe sich das Festival dann von Jahr zu Jahr professionalisiert. „Es gibt nach jedem Fest einen neuen Feedbackzyklus, in dem wir uns überlegen, was wir noch verbessern können, was uns gut oder nicht so gut gefiel. Außerdem bringen die neuen Vereinsmitglieder jedes Jahr weitere Fähigkeiten, ihre Kreativität und externe Kontakte mit, die uns wieder richtig Schub geben.“, berichtet Mathias. 

Pia (21) und Matthias (24) engagieren sich ehrenamtlich für das Sommerfest und empfangen mich am Fleet

Auf diese Weise behielt das Festival seinen Ursprungscharakter in der Studentenkultur bis heute bei. Doch wie schafft man es trotz steigender Professionalisierung, den Eintritt gratis und die Getränkepreise studierendenfreundlich zu halten? Da mussten sich die Veranstalter einiges einfallen lassen: Die Mitgliedsbeiträge für den Verein bilden nur einen „Tropfen auf dem heißen Stein“. Was wirklich zählt, seien die ehrenamtlichen Helfer und die Einnahmen für Essen und Getränke, auf die die Organisatoren angewiesen sind. Für das International Food Tent beispielsweise spenden die Spittaler- und Vorstraßenbewohner selbst zubereitete Speisen. Da die hier lebenden Studierenden aus aller Welt kommen, ist das Ergebnis auf den Tellern immer eine sehr bunte Mischung. Auch ein Geldkartensystem, das die Menge an kursierendem Bargeld auf dem Festivalgelände klein hält, spart Kosten. Denn so brauchen die Veranstalter nur wenig Security-Personal. Die Bands hingegen, die auf dem Festival auftreten, bekommen zwar keine Gage, erhalten aber gratis Verpflegung sowie die Anfahrtskosten zur Location. 

Auch Merchandise für das Festival sowie kleineres Sponsoring gibt es seit Neustem. So entstanden beispielsweise Kooperationen mit Mäding Veranstaltungstechnik, der Sparkasse Bremen oder Bremen NEXT. Diese sollen die Festivalbetreiber entlasten, aber keinen zu großen Raum einnehmen, erzählt Mathias: „Wir wollen hier keine aggressive Werbung und sind momentan auch nicht auf Sponsoring angewiesen. Das soll auch so bleiben. Denn wir möchten zwar unser Angebot für die Besucher immer verbessern, haben aber auch unsere Geländekapazitäten mit 6000 Leuten eigentlich schon erreicht. Viel größer geht es nicht.“ 

Wo soll es also mit dem Sommerfest als nächstes hingehen? Dieses Jahr auf jeden Fall schwerelos direkt „out of space“, denn das Thema ist „Weltraum“, angelehnt an die STERNSTUNDEN 2018, dem Bremer Raumfahrtjahr. Zum Feiern, Abrocken und Sterne schießen kommen Acts wie Passepartout, Hack Mack, B6BBO und die Nordic Ashtrays, Friday oder die Surfits. Die Künstler des Poetry Slams werden kurz vor der Veranstaltung bekannt gegeben. 

Wer also startbereit ist, sich vom musikalischen Pulverfass in der Vorstraße direkt zum Mars katapultieren zu lassen, mit der chilligen Spezies „Student“ am Fluss liegend dem Dichterwettstreit zu lauschen oder sich an ein und demselben Nachmittag mit zehn verschiedenen Kulturen die Zunge zu verbrennen… der darf dieses Festival-Highlight nicht verpassen!

Festivaltrailer zum Sommerfest 2016 von Bremen NEXT

Carolin Paar

studiert Kommunikations- und Kulturwissenschaften an der Uni Bremen. Auch beim KLUB DIALOG kommunizierte sie gerne. Dafür ließ sie ihren Hörsaalstuhl ein Semester lang frei und machte solange als Praktikantin Kopfsprünge in den Netzwerkpool der Bremer Kreativen. Privat schreibt sie nun eigene Zwischenzeilen weiter. Ansonsten findet man sie zum Beispiel an der Kletterwand, in der Tanzschule oder im Urlaub – ihrer Bremer Lieblingsbar.

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