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„Wie eine Idee entsteht“

Sönke Busch

Wenn das Jahr sich dem Ende nähert, so langsam diese bunten Dinger endgültig von den Bäumen fallen und es Drinnen gemütlich wird, die Muse wieder das Fleisch des Sommers ablöst, dann, ja dann, ist vielleicht einmal wieder Zeit, den Blick nach innen zu richten.
Ins kleine Hinein.

Immer wieder ist es beim Prasseln des Regens an die Fenster schön, sich auf die kleinen Dinge zu konzentrieren. Wenn die Sonne einen nicht mehr nervt und einen dazu auffordert, sich draußen mit irgend einem Quatsch wie etwa Spaß abzulenken.

Es hat seinen Sinn, dass diese, unsere, graue, nasse, gemäßigte Klimazone quer um die Welt eine der Top 10 Nobelpreisklimazonen ist.

Was sind das eigentlich: Ideen? Woher kommen sie, und warum? Sönke Busch, Bremer Slammer und Autor, hat uns das beim KLUB DIALOG #18 erklärt. Viva la Quatsch. Ganz ernsthaft.

Schön ist es, sich an diesen Tagen mit Goldrand bewusst zu machen, dass die Welt, das Universum und alles was so in ihm drinnen steckt, nach innen genauso unendlich ist wie nach außen. Das Kleine steckt im Großen und es gibt nichts Großes, das nicht einmal klein war.

Das ist eine schöne Erkenntnis, wenn es um das Thema von heute geht.

Was ist das, eine Idee?

Wie wird das kleine Groß? Oder anders, hier, im Rahmen der Ideenhaber gefragt, wie wird das Kleinste, das man haben kann, nämlich eine Idee, zum Größten, das man erreichen kann, nämlich ein ganzes Leben? Und ja, riesengroß ist das Leben. Wenn einer sagt, das Leben sei kurz, dann hat er unrecht: Tatsächlich ist das Leben das Längste was jeder von uns hier jemals tun wird. Das zu wissen, dass es nichts Großes gibt, das nicht einmal klein war, ist eine wunderschöne Vorstellung, wenn es darum geht, die Angst vor dem Großen zu verlieren.

Egal, in welchem Stadium sich eine Idee befindet, in jedem Zustand ist nachzuvollziehen, was der kleine Funken war, der den Prozess in Gang gesetzt hat. Pars pro Toto.

Es ist lustig zu sehen, wie es dem Entdecker einer Idee immer einfacher fällt, sie zu erklären, je weiter er von ihrer Entdeckung entfernt ist. Wie es ihm einfacher fällt, zu verstehen, warum ihn dieses kleine Etwas fand, das später seine große Idee werden würde.

Der Moment, in dem ein Mensch eine Idee findet, ergibt sich aus den unterschiedlichsten Bereichen des Lebens und der persönlichen Erfahrung. Aus dem persönlichen Lebensweg. Eine gute Idee, die es in die Realität schafft, ist immer die Lösung für ein Problem, das sich einem Menschen gestellt hat. Und die Lösung dieses Problems ist das Ergebnis aus dem bisherigen Weg eines jeden Einzelnen.

Und so ist das Finden einer Idee eigentlich immer nur der Schlussstein zum Suchen eines Problems. Das ist eine Erklärung, warum Deutschland, was Innovation angeht, immer so weit vorne mitspielt. Was können wir besser als nörgeln und Probleme finden wo eigentlich gar keine sind?

Eine Idee, also ein theoretischer Ansatz, der danach verlangt, aus dem Kopf in die Wirklichkeit zu treten, ist immer ein Abbild desjenigen, der diese Idee findet. Der Mensch entspricht seiner Umwelt. Ein bisschen wird uns von Geburt an mitgegeben, aber in erster Linie ist ein Mensch das Ergebnis seiner Umwelt.

Einem Menschen aus der Sahelzone wäre kaum die Idee von wasserabweisendem Goretex gekommen und einem Inuit wäre in seinem normalen Umfeld kaum die Idee gekommen, wie man Brunnen aushebt. Und es macht Sinn, dass der weiße Durchschnittseuropäer nicht die Tanzmusik erfunden hat.

Kehren wir noch einmal zurück zum Universum. Dem gaaaanz Großen.

Wer lange genug darüber nachdenkt kommt irgendwann ganz an den Anfang. Als unser schönes Universum noch auf einen Fingernagel passte. Der große Unterschied zum heutigen Ding, das um uns herumschwirrt, ist die Dichte. Ein winzig kleines knüppelhartes Ding war es, dieses Universum. Und nichts war damit anzufangen. Knüppelhart und unbewegt.

Und doch war schon alles darin, was uns heute umgibt. Es musste erst explodieren und an Dichte verlieren, damit irgendwann irgend so ein Mensch entstehen konnte, um herauszufinden, wie das alles am Anfang mal war. Es musste an Dichte verlieren, in Bewegung geraten, damit es jemand verstehen konnte, kurz gesagt, es musste sich öffnen, damit überhaupt jemand etwas damit anfangen konnte.

Genau so ist es mit einer Idee. Wenn sie klein und verhärtet im Hinterkopf sitzt, wird nie etwas damit geschehen. Sie muss heraus, auf leeren Raum treffen, um sich entwickeln zu können. Idee braucht Raum, Idee braucht Land, Idee braucht Stadt, Idee findet Stadt. Aber vor allen Dingen, braucht eine Idee eine andere Idee.

Man muss sich nur, sinnbildlich gesprochen, bei jedem einem in den Keller schleichen.
Sönke Busch, Slam-Poet

Ideen ernähren sich voneinander. Sie sind sich gegenseitig ihr Hauptnahrungsmittel. Um so schöner zu sehen, dass sich hier, in unserer Stadt, Ideen finden. Immer mehr Menschen kümmern sich um Raum für Ideen und Raum für Kreativität. Dieser Raum wird gebraucht. Die Maßeinheit für die Qualität von Kreativität ist die Länge der Kausalkette, die ein interessanter Mensch aus ehrlichen Ideen schmiedet.

Und diese Kette braucht Platz.

Aber weg von der großen Theorie. Das große Problem mit dem Gerede über Kreativität ist ja, dass man sie niemandem absprechen kann. Es gibt keinen Menschen, der nicht kreativ ist. Er wäre schlichtweg nicht überlebensfähig. Jemandem Kreativität abzusprechen, ist wie jemandem vorzuwerfen, er wäre normal. Jemanden als normal zu stempeln, ist immer leicht getan. Doch wenn man sich alle Menschen besieht, die man je gekannt hat, muss ein jeder ehrlich sagen: So etwas wie einen wirklich normalen Menschen hat noch niemand getroffen.

Man muss sich nur, sinnbildlich gesprochen, bei jedem einem in den Keller schleichen.

Und ebenso ist es mit der Kreativität. Manchmal ist sie leise und fast nicht zu sehen, aber es gibt niemanden ohne. Es geht nur darum, sich zu trauen, sie mit offenen Armen zu empfangen.

Genauso ist es mit den Ideen. Sie sind überall. Und immer und für jeden da. Es geht nur darum, ein Leben voller Offenheit zu führen. Und, um es einmal ganz offen zu sagen: Es geht um Quatsch und darum ihn zuzulassen.

Beim Finden von Ideen gibt es nichts Wichtigeres als jeder einzelnen von ihr eine Chance zu geben. Egal wie absurd sie auch wirkt. Wer Ideen mit Vorurteilen begegnet, wird niemals ihren wahren Kern kennenlernen. Wer sie nach ökonomischen Maßstäben von vornherein ausschließt, hat keine Chance, ihre wahren Möglichkeiten zu erkennen. Deswegen: Viva la Quatsch.

Auch hier ist das Finden von Ideen, ein Leben von Kreativität, ein Abbild des Lebens eines jeden Einzelnen. Das Leben findet, genau wie Ideen, wie das Neue, das Überraschende und Schöne außerhalb der alten Wege statt. Außerhalb der Planung.

Wenn du willst, dass Gott lacht, dann erzähl ihm von deinen Plänen. Die Geschichte, die jeder Idee innewohnt, ist von einem Menschen nicht zu kontrollieren. Keiner macht Ideen. Sie sind eh da. Sie können nur gefunden werden.

Es steckt ja keine Absicht dahinter damit zu beginnen, frei und kreativ zu arbeiten und zu leben. Es ist kein Plan. Es ist ein Verlangen, welches in einem steckt, und sich, früher oder später, seinen Weg nach außen bahnt.

Es ist immer eine dünne Linie auf der man tanzt, wenn man in sich das Verlangen spürt, aus sich selbst heraus und von seinen Ideen leben zu wollen. Sich selbst, das innere Unternehmen, wenn man so will, die eigenen Ideen ernst zu nehmen und sich selbst zu vertrauen.

Eine Idee, die einem groß genug erscheint, dafür mit seiner Person einzustehen, ist ein kleines Abbild von einem selbst. Von den eigenen Vorstellungen von der Welt. Denn der Blick, den man selbst auf die Welt hat, lenkt die Augen, mit denen es eine Idee zu entdecken gilt.

Dieser Blick erfordert Mut, weil er jenseits der erforschten Wege ins Land schaut. Diesen Blick zu wagen, ist eine Frage von Selbstbewusstsein, ja von Selbstvertrauen. Von viel Selbstvertrauen, denn das ist nicht einfach. Ich kenne keine Arbeit, bei der man so oft als Spinner, Träumer oder Arbeitslos betitelt würde. Das macht es nicht einfacher, “All in” zu gehen. Deswegen, mein ehrlicher Respekt an jeden, der tatsächlich und von Herzen der Meinung ist, mit Ideen sein Leben bestreiten zu wollen, mit allem was er hat, was er tut und was er ist.

Das ist ein Tanz. Sich selbst, nicht nur seine Arbeitskraft, sondern alles was man hat, seine gesamte Person in die Waagschale zu werfen und zu tanzen. Wirklich tanzen tut nur, wer wirklich tanzt, mit allem, was er hat. Wer nur nickend an der Tanzfläche zum Boden schaut, der wird nicht küssen.

Wenn ich von hier in den Raum schaue, ist es schön zu sehen, wie sehr der Kreis der Menschen mit diesem Selbstbewusstsein gewachsen ist.

Wenn ich von hier in den Raum schaue, ist es schön zu sehen, wie sehr der Kreis der Menschen mit diesem Selbstbewusstsein gewachsen ist. Damit meine ich nicht nur die Menschen, die jetzt schon so weit sind, auf dieser Bühne etwas von sich zu erzählen. Sie sind nur ein Teil von diesem Raum, von dieser Stadt. Überall werden die Menschen mehr, die Ideen als so wichtig ansehen, wie sie wirklich sind. Ob nun hier, in Berlin, in New York, in Verden oder Hamburg. An dieser Stelle einmal Danke an Lara Goldsworthy, die von nun an diese seltsame Hafenstadt unsicher machen wird. Bitte. Mach sie unsicher. Du tust uns allen einen Gefallen.

Und um zum Ende noch einmal vom ziemlich Großen ins ganz Große zu kommen, vom Universum zur Liebe, bleibt nur zu sagen:
Tatsächlich, das mit dem Verlieben und dem Finden von Ideen, das ist ganz ähnlich: man weiß es vorher nicht, und wer nur auf der Suche nach dem schönsten und besten und reichsten Mann oder Frau ist, der wird nicht glücklich werden. Die Suche nach Perfektion endet nie in der Perfektion.

Wer sich vorsätzlich verliebt, dem wird die grosse Liebe nicht widerfahren. Und wer im Kampfe nach Idee sucht, dem wird sich seine große Idee nie zeigen.

Denn das Schöne, es liegt im Kleinen, im Verborgenen, im Inneren. Und schön ist es, wenn dabei der Regen an die Scheiben prasselt.

Damit: Dankesehr. Ich wünsche einen zauberhaften Abend.

Annekathrin Gut

Kreativität steckt an vielen Orten und oft gerade da, wo man sie am wenigsten vermutet. Wo genau? Und in welcher Gestalt? Darüber möchte ich in meinen Magazin-Beiträgen mehr herausfinden - und im besten Fall andere zur Kreativität anstiften. Ehrenamtlich bin ich Mitglied des KLUB DIALOG-Vorstands, beruflich sind Public Relations mein Feld.

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