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Möbeldesign im Aggregatzustand

Vom Maschinenbau zum Designolymp mit dem jungen Unternehmen Aggregat Bremen

„Aggregat“, das steht im technischen Bereich für eine funktionale Verbindung mehrerer Geräte oder Maschinen. Dabei wirken die einzelnen Teile zusammen und erfüllen somit eine neue Funktion. Die 2016 gegründete Firma Aggregat Bremen trägt ihren Namen zu Recht. Denn auch sie verbindet Elemente, die gemeinsam noch viel mehr erreichen können: Massivholz und Stahl, Serienherstellung und Maßanfertigung, Malte von Hörsten und Jonas Wagner.

Die beiden Neugründer haben ihr Maschinenbaustudium pausiert, um sich den Traum vom eigenen Betrieb zu erfüllen. Mit ihrer neuen Manufaktur lassen sie sich in keine Schublade stecken, leben ihr eigenes Design und kehren bewusst „zurück“ zum traditionellen Handwerk. Jedes ihrer Möbelstücke ist echte Handarbeit Made in Bremen, von ihnen persönlich entworfen und angefertigt. Ihr Unternehmen schwankt irgendwo zwischen Serienproduktion und individuellen Auftragsarbeiten, denn hier bleiben die Kunden beim Herstellungsprozess nicht außen vor. Fünfzehn verschiedene Möbelstücke dienen als Vorlage, die Kunden selbst können über Größe, Holzsorten und Farben der Stahlrahmen bestimmen. So entstehen bezahlbare Unikate. Sie alle bestechen durch ihr nordisches Design: Schlicht, zeitlos, funktional, keine unnötigen Schnörkel.

Wenn man es schafft, seine Ware in Bremen zu verkaufen, schafft man es auf der ganzen Welt.
Jonas Wagner, Geschäftsführer Aggregat Bremen

Der KLUB DIALOG kann bei so viel kreativer Energie natürlich nicht wegschauen. Also mache ich mich auf, in den Hafen von Oslebshausen, und besuche Malte und Jonas in ihrer Manufaktur. Wenn man sich traut, die „10“ Richtung Gröpeling mal ganz bis zum Ende zu fahren und mit dem Bus in den Industriehäfen zu verschwinden, landet man bei ihnen in der Hüttenstraße. Hier verrät nur ein großes Schild, dass man auf dem richtigen Weg ist. Ansonsten gibt es nur LKWs, Werkhallen, fernes Maschinengrollen und „Betreten auf eigene Gefahr“. Weil ich so ortsfremd wirke, werde ich gleich gefragt, wen oder was ich suche, aber mit dem Aggregat habe ich eine gute Entschuldigung parat.

Ich verschwinde also in einer offenen Tür und schleiche mich durch ein graues, staubiges Treppenhaus wie ein Einbrecher. Im zweiten Stock finde ich dann endlich die lichtdurchflutete Halle, die schon auf der Webseite so trendy gewirkt hat. Es handelt sich um eine ehemalige Kantine aus den 1950ern, an die die beiden Gründer ganz altmodisch übers Flyerverteilen im Industriegebiet gekommen sind. Hier findet man eine Fotoleinwand, Sägen, Baupläne und Stahlrahmen, die wie Wäsche zum Trocknen auf der Leine hängen.

© Carolin Paar

Im hinteren Teil steht der ausgehöhlte Oldtimer, an dem Malte seit drei Jahren herumschraubt und der einfach nicht fertig werden will. In der Werkhalle ist es eiskalt, erst später soll ich erfahren, dass hier nur mit langen Unterhosen und mindestens zwei Pullovern übereinander gearbeitet wird. Am anderen Ende finde ich die beiden dann – tiefenentspannt im geheizten Büro sitzend und Kaffee trinkend. RTL war vor kurzem erst mit der Kamera zu Besuch, da lässt man sich von kleinen Lokalmedien nicht aus der Fassung bringen.


Malte und Jonas, wie habt ihr beide euch kennen gelernt?

Jonas: Wir haben beide bei Mercedes in Bremen eine Ausbildung zum Industrie-Mechatroniker gemacht. Danach ging es weiter mit einem Maschinenbau-Studium in Hannover.

Warum kam es denn zum Wechsel vom Maschinenbau in die Holzverarbeitung?

Malte: Schon während des Studiums haben wir uns andere Jobs gesucht und eigene Ideen umgesetzt. Bei Jonas Eltern gab es eine Hobbywerkstatt. Dort haben wir rumgewerkelt und auch aus Kostengründen Möbel für uns selbst gebaut. Irgendwie wurde das zum Selbstläufer und schließlich zum professionellem Betrieb. Als es mit dem Aggregat dann richtig losging, haben wir das Studium auf Eis gelegt, um in den Designolymp aufzusteigen (lacht).

Wie lief die Existenzgründung ab?

Malte: Wir haben einiges über Betriebswirtschaft und Steuerrecht gelernt und dann einen Businessplan für das Aggregat erstellt. Die Idee war eigentlich, nur einen Online-Shop aufzubauen. Etwa ein halbes Jahr haben wir gebraucht, um die Produktion hochzuziehen und im April dieses Jahres wurde dann die Webseite geleased.

Jonas: Am Ende kam schließlich doch noch eine Ladeneröffnung dazu. So kann man die Möbel viel besser vorstellen, denn die Leute wollen die Sachen anfassen und im Kontext eines Raumes wirken lassen. Hier in der großen Halle stauben sie nur voll und man verliert den Überblick über ihre eigentliche Größe.

Wie habt ihr die Gründung finanziert?

Tiet Sideboard © Aggregat Bremen

Malte: Wir hatten uns für eine Förderung beworben, aber schließlich haben wir die Gründung ohne Kredit privat finanziert. Durch viel Eigenarbeit konnten wir eine ganze Menge Geld sparen. Die Maschinen haben wir zum Beispiel selbst gebaut, deswegen gibt es bei uns jetzt kaum Verschnitt am Holz. Wir haben auf Unnötiges verzichtet und auch auf Kleinigkeiten geachtet.

Ruumschipp Hocker © Aggregat Bremen

Jonas: Die Vorerfahrung im technischen Bereich hat uns extrem geholfen. Weil wir aus der Metallbranche kommen, sind wir es gewohnt, sehr sehr genau zu arbeiten und flexibel, was die Methoden angeht. Meine beiden Onkel sind Tischler. Durch sie weiß ich, dass klassische Tischler oft auf eine ganz bestimmte, altbewährte Art arbeiten. Die wollen eher mit Holz zu tun haben, und wenn sie mal ein Stahlelement brauchen, kaufen sie das extra ein. Wir machen stattdessen alles selbst. Das macht die Herstellung günstiger und die Arbeit selbst super abwechslungsreich.

Wie nervös wart ihr, als die Webseite veröffentlicht wurde?

Malte: Gewaltig. Nachdem sie online ging, passierte nämlich drei Wochen lang original gar nichts. Da bekamen wir erstmal eine kleine Krise. Vorher hatten wir eigentlich viel zu viel zu tun, um zu zweifeln oder uns Sorgen um das ganze Geld zu machen, das wir investiert hatten. Der erste Kunde kam dann durch Mundpropaganda auf uns zu und seitdem ging es mit den Verkäufen stetig aufwärts.

Jonas: Es gibt diesen Spruch: Wenn man es schafft, seine Ware in Bremen zu verkaufen, schafft man es auf der ganzen Welt. Der typische Bremer ist nicht so offen für Neues. Man braucht viel Startenergie, bis jemand wirklich etwas kauft. In Bremen schleichen die Leute vorsichtig in den Laden und wünschten sich am liebsten einen unsichtbaren Verkäufer. Aber gut, ich selbst bin auch ein bisschen so. Ich hab ja sogar manchmal dieses schlechte Gewissen, wenn ich nichts kaufe.

Was ist im Moment eure größte Herausforderung?

Malte: Die Zeit ist unser größtes Problem und unser kostbarstes Gut. Ich komme aus einer selbstständigen Familie und mein Vater war immer auf der Arbeit. Deswegen ist mir wichtig, dass es auch den Feierabend gibt. Die Werkstatt ist ausgelastet und was neue Designs angeht, haben wir langsam unsere Grenze erreicht. Ein neues Möbelstück zu entwickeln ist super aufwändig und dauert meistens mehr als einen Monat. Wir machen den Entwurf, suchen das passende Material, erstellen den Prototypen und wenn uns das Ergebnis nicht gefällt oder verbesserungswürdig ist, geht alles wieder von vorne los. So langsam beginnt der Moment, dass wir Dinge aus der Hand geben müssen. Wir möchten einen eigenen Printkatalog für unsere Produkte erstellen. Den geben wir zum Beispiel an just ab, das sind gute Freunde von uns.

Jonas: Eigentlich will man am Anfang natürlich alles selber machen und die Kontrolle behalten. Das Aggregat ist eben unser Baby und man sorgt sich, ob die anderen das Konzept auch richtig verstehen.

Wieso kehrt ihr in dieser Zeit zum traditionellen Handwerk zurück? Könnt ihr euch gegen IKEA und Hersteller, die im Ausland produzieren, behaupten?

Malte: Wir werden IKEA kaufen (lacht).

Jonas: Ich denke schon, dass unser Konzept Zukunft hat. Was meinem Eindruck nach gestiegen ist, ist das Interesse an Qualität zum Anfassen und der Wunsch nach Beständigkeit. Die Designs werden schlichter und zeitloser. Man sieht auch als Laie schon den Unterschied, ob ein Möbelstück per Hand oder in einer Fabrik hergestellt wurde. Die Perfektion aus den Fabriken zerstört den eigentlichen Charme.

Malte: Wir stecken mehr Arbeitsaufwand in die Ästhetik. Auf Rundumlackierungen wird im Industriebetrieb zum Beispiel oft verzichtet und stattdessen ein Plastikrand aufgeklebt. Wir legen stattdessen den Fokus genau auf das, was in der Massenherstellung ausgelassen wird, weil es als zu aufwändig oder nicht rentabel gilt. Unsere Möbel sind natürlich nichts für Studis, sondern eher etwas für Menschen, die einen festen Wohnsitz haben und sich längerfristiger einrichten wollen.

Wie haltet ihr die Preise niedrig?

(v.l.) Die Geschäftsführer Malte von Hörsten (28) und Jonas Wagner (25) in ihrer Manufaktur © Carolin Paar

Malte: Zu Beginn habe ich selbst gedacht: „Meine Herren ist das teuer“. Wir sind ja eigentlich noch Studenten und könnten uns ein Designermöbelstück gar nicht leisten.

Jonas: Obwohl ich die Möbel selbst herstelle, fällt es sogar mir immer noch schwer, dem Kunden am Ende zu sagen, was sein Wunschdesign kostet. Dabei sind wir in Wahrheit viel günstiger im Vergleich mit anderen Herstellern von Designermöbeln. Meistens sind die Sachen deswegen so teuer, weil der Name eines Designers oder eine große Marke dahinter steht. Unsere Marke ist ja noch ganz am Anfang. Egal wie wir uns weiterentwickeln, wollen wir aber fair bleiben und keine überzogenen Preise verlangen. Der Kunde soll schließlich mit einem guten Gefühl hier rausgehen.

Was würdet ihr im Nachhinein betrachtet anders machen?

Jonas: Ich bereue absolut nichts. Das ist das allerbeste, was ich bisher gemacht habe. Für die Ausbildung würde ich mich wieder entscheiden, auch wenn ich jetzt keine Lust hätte, nochmal zurück zu Mercedes in die Großindustrie zu gehen. Das Studium war mir viel zu trocken, da ging es oft nur um stumpfe Theorie und Formeln. Hier beim Aggregat stattdessen ist alles super real. Malte und ich haben zusammen studiert und schon in Hannover zusammengewohnt. Wir sind beste Freunde und reden auch nach Feierabend immer wieder über das Aggregat. Ich dachte erst, das könnte belastend sein, ist es aber komischerweise nicht. Die Arbeit macht mir total viel Spaß. Obwohl – das sagen wir natürlich nur, wenn die Presse da ist. In Wirklichkeit sind wir so wie Simon und Garfunkel (lacht).

Welche Vision habt ihr für das Aggregat?

Malte: Wir wollen zwar unseren Hauptsitz hierbehalten, aber im nächsten Jahr vor allem erst einmal raus aus Bremen. Die große Aufgabe für 2018 ist es, ein Portfolio zu erstellen und uns bei kleineren Möbelhäusern in anderen deutschen Städten zu bewerben. Dort hätten wir gern weitere Ausstellungsräume. Unser Marketing vernachlässigen wir im Moment auch noch sträflich, in dem Bereich sollten wir neue Leute einstellen. Mehr Verkäufer für unsere Läden brauchen wir ebenfalls. Mit der entstandenen Zeit können wir dann hoffentlich wieder mehr neue Möbeldesigns entwickeln. Inzwischen wissen wir ja, was gut geht und Spaß macht.

Carolin Paar

studiert Kommunikations- und Kulturwissenschaften an der Uni Bremen. Auch beim KLUB DIALOG kommuniziert sie gerne. Dafür lässt sie ihren Hörsaalstuhl ein Semester lang frei und macht solange als Praktikantin Kopfsprünge in den Netzwerkpool der Bremer Kreativen. Privat schreibt sie ihre eigenen Zwischenzeilen weiter. Ansonsten findet man sie zum Beispiel an der Kletterwand, in der Tanzschule oder im Urlaub – ihrer Bremer Lieblingsbar.

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