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Wenn aus Wortspielen ein Dichterwettstreit wird

Drei Poetry-Slam-Insider erzählen von performter Literatur in Bremen

Mit Worten, Rhythmik und Betonung spielen, mit Gestik, Mimik und Pausen selbst geschriebene Texte in Szene setzen. Beim Poetry-Slam wird das Spiel mit Literatur zum Dichterwettstreit. Während Poetry-Slam in anderen Städten schon längst zu einer kommerziellen Kunstform geworden ist, hat sich das Format in Bremen den Charakter als Subkultur erhalten.

Schaut man sich um, entdeckt man, dass es in Bremen viele abwechslungsreiche Poetry-Slams gibt: In der Kulturkirche gibt es Preacher-Slams, bei dem Pastorinnen und Pastoren gegeneinander antreten, oder Poetry-Preacher-Slams, bei dem Pastoren im Team gegen ein Team aus Poetry-Slammern antreten, im Brodelpott werden Poetry-Slams auf Plattdeutsch veranstaltet oder es gibt Slam on the Rocks im Kuß Rosa, um nur ein paar zu nennen. Und auch überregional bekannte Slam-Poeten kommen aus Bremen: Bas Böttcher, Sim Panse oder Sven Kamin zum Beispiel.

Poetry-Slam ist performte Literatur. Selbstgeschriebene Texte werden innerhalb einer vorgegebenen Zeit vortragen. Eine Jury aus dem Publikum benotet die Beiträge. Als Erfinder gilt Performance-Poet Marc Kelly Smith, der dieses Format Mitte der 1980er-Jahre in Chicago entwickelte.

Sebastian Butte beim „Slammer Filet“ I Foto: Matthias Nau

In Bremen gibt es wenige Veranstaltungen mit überregionaler Strahlkraft, dafür aber viele, die regional geprägt sind. „Wir haben hier eine relativ groß ausgeprägte Szene“, sagt Sebastian Butte, Slammer und Mitbegründer des Slammer Filet. Irgendwann kamen Leute, die dabei geblieben sind. „Es gibt viele lokale Slammer und Slammerinnen, die in den letzten zwei, drei Jahren hervorkamen“, sagt Sebastian Butte. Die Gruppe der Slammerinnen und Slammer, die regelmäßig an einem Wettstreit teilnehmen, schätzt er auf etwa zehn Personen. Sehr viel mehr Menschen würden sporadisch mit ihren Texten auf die Bühne treten.

Sebastian Butte ist sogenannter Slam-Master. Der 35-jährige Bremer moderiert die Poetry-Slams und hat das Sagen auf der Bühne. An Karfreitag, 30. März, feiert das Slammer Filet seinen zehnten Geburtstag. Die Gründer waren damals alle Studenten und angefixt durch eine Dozentin. Die hatte Kontakte in die Szene, und Poetry-Slam war auch Thema in ihrem Seminar. Sebastian Butte und seine Studienkollegen hatten Lust, Poetry-Slams zu organisieren und gingen es an. Zu der Zeit gab es in der Stadt nur den Poetry-Slam, der heute Slam Bremen heißt und eine starke regionale Komponente hat. Das Slammer Filet mit Gästen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum ist hingegen eher überregional geprägt.

Beim Slammer Filet werden die Poetinnen und Poeten eingeladen. Wie findet man da gute Bühnengäste? „Die deutschsprachige Szene, inklusive Schweiz und Österreich, ist sehr gut vernetzt“, erzählt Sebastian Butte. Man kennt sich. Oder man kennt jemanden, der jemanden empfiehlt. So findet das Slammer Filet seine Poetinnen und Poeten.

Janina Mau I Foto: Matthias Nau

„Slammer sind ein ganz, ganz tolles Volk“, findet Janina Mau. Sie sind „verschroben – und das im positiven Sinne“. Die Slammerin stand schon mehrfach auf der Slammer-Filet-Bühne. „Eigentlich schreibe ich Texte für mich“, sagt sie. Janina Mau ist freie Künstlerin, hauptsächlich befasst sie sich da mit Objekten und Skulpturen, bloggt zudem über ihre Kunstprojekte sowie Reisen und ist Slammerin. Vor zehn Jahren, in ihrer Studienzeit, hat sie zwei Mal bei Poetry-Slams mitgemacht und dann wieder damit aufgehört. Seit zwei Jahren gehört die Poetin zur regionalen Szene. Ihre Themen? „Ich schreibe meistens über meine Gefühle – diese leisen Gefühle.“ Angst, dass die Zuhörer sich geringschätzig äußern, wenn sie ihre Gefühle präsentiert, hat die 30-Jährige aus Ohlenstedt nicht. „Die sind sehr, sehr respektvoll.“

Doch beim Poetry-Slam brauchten die Poeten nicht nur einen guten Text, auch der Vortrag entscheidet. „Die Performance kommt tatsächlich häufig mit dem Text“, erzählt Janina Mau. Sie orientiert sich dabei an der Gestik und der Mimik, die sie schon beim Schreiben hat. Intensiv über Körpersprache und Gesichtsausdrücke nachdenken? „Das ist nicht mehr natürlich; dann wirkt es so gestellt“, sagt Janina Mau.

The points are not the point, the point is the poetry!
Helmut Plaß, Mitorganisator des "Slam Bremen"

„Was den harten Kern unserer Szene ausmacht – und das ist, glaube ich, nicht ganz so gewöhnlich – ist, dass wir untereinander befreundet sind“, sagt Sebastian Butte. „Das ist etwas, das die Szene ausmacht.“ Auch Slam-Bremen-Mitorganisator Helmut Plaß sieht darin ein wesentliches Merkmal der Poetry-Slam-Szene. Auch wenn man auf der Bühne im Wettstreit sei, untereinander sei man eng befreundet. „Das schließt sich nicht aus.“

„The points are not the point, the point is the poetry“ („Der springende Punkt sind nicht die Punkte, sondern die Poesie.“), gibt Helmut Plaß eine Aussage aus dem Amerikanischen wieder. „Man darf die Bewertung nicht ernst nehmen, es geht darum, dass die Texte auf die Bühne kommen“, sagt er. „Es ist ein Format, das das würzt.“ 

Helmut Plaß war schon dabei, als der Slam Bremen noch Proppers Poetry Slam Meisters hieß und untrennbar mit Günther Kahrs, alias Meister Propper, verbunden war. Im Lagerhaus wird immer noch jeden zweiten Donnerstag im Monat geslammt.

Der Slam Bremen ist damit nicht nur der erste Poetry-Slam, der in Bremen ins Leben gerufen wurde, sondern auch einer der drei ältesten Poetry-Slams im deutschsprachigen Raum. Pionier Günther Kahrs bot den oft jungen Dichtern seit Mitte der 1990er-Jahre eine offene Bühne. Seit seinem Tod im Jahr 2009 wird die Veranstaltungsreihe unter dem Namen Slam Bremen fortgeführt. Der Neuanfang war nicht leicht, denn Meister Propper war Organisator und Marke zugleich, er war der mit den Kontakten und hatte alles im Kopf. Das Slam-Bremen-Team änderte die Organisationsstruktur und gab der Reihe einen anderen Namen. Dennoch: Die Dinge, die Proppers Poetry Slam Meisters ausgemacht haben, bleiben. „Wir erhalten uns zwei Dinge, die Propper eingeführt hat“, sagt Helmut Plaß. Zum einen gibt es einen Stargast und zum anderen werden nicht nur Textbeiträge zugelassen. Abgesehen vom Stargast wird niemand eingeladen, die Bühnengäste melden sich für den Auftritt an. So bewahrt sich der Slam Bremen auch seinen starken regionalen Charakter.

„Die Poetry-Slam-Szene in Deutschland hat sich komplett verändert in den letzten sieben Jahren“, sagt Helmut Plaß. Poetry-Slam hat professionelle Strukturen bekommen, ganze Veranstaltungsagenturen leben von diesem Format. Aus den Slam-Poeten, die einst durch das Land zogen, um ein Publikum für die eigenen Texte zu finden, seien Künstler geworden, die zunehmend auf die Gage schauten; fast alle Slams würden einladen und damit eine Veranstaltung für das Publikum kuratieren, sagt Helmut Plaß. „In Bremen ist das anders“, meint der 61-jährige Bremer. Hier gebe es noch keine wirklich professionellen Strukturen, niemanden der mit der Organisation von Poetry-Slams seinen Lebensunterhalt verdiene. „Der Vorteil ist, dass wir eine unheimlich eingeschworene Poeten-Szene in Bremen haben, die mehr auf Kreativität und weniger auf Gagen schaut.“ Er sieht die Bremer Poetry-Slammer als junge kreative Szene, bei denen Texte und Inhalte im Vordergrund stehen.

Das Neueste der Bremer Poetry-Slam-Szene ist das U20-Slam-Projekt Spruchreif! – Der Bremer U20 Slam ist für Menschen im Alter von 20 Jahren oder jünger. Im Jahr 2015 gab es so etwas schon einmal in Bremen, nun gibt es einen Versuch, die Veranstaltung als Gemeinschaftsprojekt von Slammer Filet und Slam Bremen wiederzubeleben. Der kreative Umgang mit Texten hat also Bestand.

Solveig Rixmann

Solveig Rixmann ist als freie Journalistin in der Lokalberichterstattung zu Hause. Geschichten, die das Leben schreibt, sind ihr Geschäft. Sie liebt ihren Job, weil nichts so abwechselungsreich ist wie der Alltag von Menschen, die sie sonst vielleicht nie getroffen hätte. Sie entdeckt dabei immer wieder entlegene wie verborgene Orte und entlockt ihnen Geheimnisse.

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