stärken

„Wat bedüüd dat?“

Warum Radio Bremen Hörspiele in niederdeutscher Sprache produziert

Plattdeutsch ist nur was für alte Leute? Das sehen die Macher von niederdeutschen Hörspielen bei Radio Bremen und NDR ganz anders. Sie sprechen von einer Renaissance – dank Podcasts im Internet.

„Im Katechismus steht: Du sollst kein Mädchen küssen beim Sportschau gucken“, poltert eine Männerstimme auf plattdeutsch aus dem blank polierten Radiogerät der 1960er-Jahre. „Wat bedüüd dat?“

Der Pfarrer ist hörbar aufgebracht, als Boike seine Frage nicht beantworten kann. Genauso wenig wie die Frage, ob er ein guter Liebhaber sei und seine Liebste glücklich mache. Stattdessen flieht der junge Mann aus der Kirche – und in den Bus eines Elvis-Lieder singenden Typen, der ihn als „Stüürmann“ durch seinen turbulenten Traum begleitet.

Es ist Hörspielzeit im Bremer Rundfunkmuseum. Gut ein Dutzend Zuhörerinnen und Zuhörer lauschen gebannt dem durchaus experimentellen Stück „Dat Swimmen in’n Speegel“ von Snorre. Unter ihnen: Ilka Bartels. Die Redakteurin hat nicht nur eine persönliche Schwäche für niederdeutsche Hörspiele. Sie verantwortet seit Jahresbeginn auch das gleichnamige Ressort bei Radio Bremen.

Seit dem 1. Oktober 1951 lässt die ARD Stücke „op platt“ produzieren. Seit dem Jahr 1974 kümmert sich Radio Bremen um Redaktion und Dramaturgie: In der Hansestadt werden die Themen erdacht, Autoren beauftragt und Regisseure gesucht. Der NDR beteiligt sich an den Kosten und an der Verbreitung im norddeutschen Sendegebiet.

Ihr Zweck: Die niederdeutsche Sprache stärken….

Laut einer aktuellen Studie des Instituts für Deutsche Sprache aus dem Jahr 2016 verstehen nur 41,9 Prozent der Bremer plattdeutsch gut oder sehr gut; im Jahr 2007 waren es immerhin noch 57,3 Prozent. Rund 30 Prozent der Bremer verstehen das Niederdeutsche wenig bis gar nicht.

Für ganz Norddeutschland gesehen sind es insbesondere die älteren Generationen, die mit platt etwas anfangen können. Je jünger die Befragten, desto mehr nimmt die Kompetenz ab. Ein Grund dafür ist eine Entwicklung, die in den 1950er- und 1960er-Jahren in den Familien begann. „Das Niederdeutsche wurde als Alltagssprache durch das Hochdeutsche ersetzt“, so das Institut für Deutsche Sprache. Erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts setzte ein Umdenken ein: „Man besann sich auf den kulturellen Wert der Regionalsprache, die nun nicht mehr als rückständig und grob wahrgenommen wurde, sondern der Attribute wie Nähe und Wohlklang zugeschrieben wurden.“

Mit ähnlichen Argumenten ermuntert auch eine Zuhörerin im Bremer Rundfunkmuseum ihre besorgte Begleitung. „Der Klang der Sprache ist so schön. Es ist gar nicht schlimm, wenn man nicht alles versteht.“

Bremer Rundfunkmuseum | Foto: Silvia Krusch

…die sich nur gesprochen so richtig entfalten kann…

Mehr als 1200 plattdeutsche Hörspiele hat die ARD seit dem Jahr 1951 produzieren lassen. Autoren und Sprecher kommen aus dem gesamten norddeutschen Raum, so dass die Stücke auch die regionale Bandbreite des Niederdeutschen widerspiegeln. „Plattdeutsch muss man hören und sprechen. Lesen allein hilft nicht, um die Sprache zu erhalten“, sagt Ilka Bartels.

Acht neue Stücke entstehen derzeit pro Jahr bei Radio Bremen. Darunter sind nicht nur amüsante Komödien und spannende Krimis, sondern auch literarische Adaptionen wie „Altes Land“ nach dem Bestseller-Roman von Dörte Hansen oder ernste, gesellschaftskritische Themen. Das Stück „Rogge“ basiert beispielsweise auf der Reportage „Mein Vater der Mörder“ von Spiegel-Autor Cordt Schnibben und schildert einen Fememord zum Ende des Zweiten Weltkrieges in der niederdeutschen Provinz. „Wir wollen nicht nur Geschichten, sondern auch Geschichte erzählen“, erklärt Ilka Bartels.

Nicht immer sind die Stücke komplett „op platt“. In der Familienserie „Düsse Petersens“ sprechen zum Beispiel die Figuren je nach Alter nieder- oder hochdeutsch: Die Großeltern im Drei-Generationen-Haushalt snakken mit allen Familienmitgliedern platt, die Eltern nur mit ihren Eltern. Die Kinder wiederum können das Niederdeutsche zwar verstehen, aber nicht sprechen.
Diesen Sprach-Mischmasch kennt Ilka Bartels auch aus ihrer eigenen Kindheit. „Meine Großeltern haben mit meinen Eltern noch Ammerländer Platt gesprochen, meine Eltern mit mir jedoch nicht mehr.“

…und als Podcast überall abrufbar ist.

„Düsse Petersens“ kämpfen sich inzwischen in der siebten Staffel durch die Widrigkeiten des Alltags. Doch nicht nur die Länge der Serie ist bemerkenswert. Sie ist für die Programmverantwortlichen auch ein Paradebeispiel dafür, dass das niederdeutsche Hörspiel einen Medienwechsel geschafft hat: „Die ‚Petersens‘ sind inzwischen mit über 40.000 Klicks pro Staffel allein auf ndr.de/sh zu wahren ‚Download-Stars‘ geworden“, so Radio Bremen und NDR in einer gemeinsamen Presseerklärung im Dezember 2016. Das Hörspiel erlebe „dank Internet und Podcast besonders bei jüngeren Hörerinnen und Hörern eine Renaissance“, meint der Direktor des Kieler NDR-Landesfunkhaus, Volker Thormählen.

In Bremen sendet das Nordwestradio sonntags ab 17.05 Uhr und montags ab 21.05 Uhr niederdeutsche Hörspiele. Tatsächlich ist es heute aber nicht mehr notwendig, vor dem Radio zu sitzen, um ein plattdeutsches Stück zu hören. Sowohl Radio Bremen als auch der NDR bieten auf ihren Webseiten Podcasts aktueller Sendungen an.

Düsse Petersens von links nach rechts: Wilfried Dziallas, Erkki Hopf, Sonja Stein, Birte,Kretschmer, Leon-Alexander Rathje, Ursula Hinrichs. | Foto: Wolfgang Seesko

Wer einmal in besonderer Umgebung platt- oder hochdeutsche Produktionen genießen möchte, sollte das Bremer Rundfunkmuseum besuchen. Etwa alle zwei Monate stellt Radio Bremen in den Räumen an der Findorffstraße 22-24 Hörspiele vor, passend zum historischen Ambiente des Museums. Während der Vorführung können die Besucher durch die Ausstellungsräume flanieren und den Sprechern auf originalgetreuen Empfangsgeräten aus den 1930er- bis zu den 1970er-Jahren lauschen – je nach Stück entwickeln die Produktionen dabei eine ganz eigene Atmosphäre und Dynamik.

Melanie Öhlenbach

ist als freiberufliche Redakteurin immer guten Geschichten auf der Spur. Sie mag es, wenn es „Klick“ macht im Kopf – und eine Idee geboren ist. Kreativität bedeutet für sie, offen zu sein und auch Alltägliches mit frischem Blick zu betrachten. Sie selber schreibt in ihrem Blog Kistengrün darüber, wie man auf Balkon oder Hinterhof auf wenigen Quadratmetern Gutes für die Küche und für die Seele anbaut.

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