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Und das Herz schlägt blau

Wie die Bewegung Pulse of Europe der europäischen Idee ihre Stimme zurückgibt - Von Lea Wulf

Diese Bewegung pulsiert in Europa. Wie ein Herz, das den europäischen Gedanken von Einheit und Frieden durch ein feines Geflecht von Adern drückt und seinen Organismus mit neuem Leben füllt. Seit November 2016 finden regelmäßig öffentliche und zahlreich besuchte Kundgebungen statt, bei denen jeder mitreden kann. Das Thema: Europa. So hat sich die Bewegung Pulse of Europe von Frankfurt in über 90 Städten in 12 europäischen Ländern ausgebreitet. Jeden Sonntag feiern Tausende die europäischen Grundsätze, wie Demokratie, Freiheiten und Gerechtigkeit. Wer mutig ist, darf an das offene Mikrofon treten und seine Meinung kundtun. Es zählt die Vielfalt und die Begeisterung für die europäischen Werte. Lob kommt aus der Politik, auch wenn die Bewegung noch keine konkreten politischen Ziele verfolgt und schon gar keine parteipolitischen.

Auch in Bremen schlägt ein blaues Herz – jeden ersten Sonntag im Monat kommen hier auf dem Marktplatz rund 500 Menschen zusammen und feiern den europäischen Gedanken. Emanuel Herold selbst ist von Anfang an dabei; er war eine der Personen, die Pulse of Europe nach Bremen geholt haben. Der wissenschaftliche Mitarbeiter am Socium, dem Forschungszentrum für Ungleichheit und Sozialpolitik der Universität Bremen, erzählt hier, wie Pulse of Europe nach Bremen kam und über die Beweggründe dahinter.

Wie bist du eigentlich auf Pulse of Europe aufmerksam geworden und wie ist Pulse of Europe nach Bremen gekommen?

Emanuel Herold engagiert sich für Pulse Of Europe

Das war ganz einfach über einen Zeitungsartikel Anfang Februar, als die Bewegung schon ihren Anfang genommen hatte. Ich hatte online bei der FAZ einen Artikel gesehen, dass da irgendwelche Leute in Frankfurt für die EU demonstrieren und habe mir dann die Website angeschaut. Dort las ich, dass an dem folgenden Wochenende die erste Kundgebung in Hamburg stattfinden soll. Ich bin nach Hamburg gefahren, habe mich dort mit zwei Freunden getroffen und da haben wir uns das mal angeschaut . Es wirkte ganz sympathisch. Alles war noch relativ klein und ein bisschen improvisiert, aber eigentlich eine sehr ansprechende Geschichte. Danach habe ich mich über die Website, da war ja auch ein Kontaktformular, an die Zentrale in Frankfurt gewendet und gefragt: Gibt es hier jemanden in Bremen, der das hier organisiert? Da würde ich mich gerne einbringen. In Frankfurt wurden dann die E-Mail-Kontakte ausgetauscht, da sich unabhängig voneinander mehrere Leute bei denen gemeldet hatten. So läuft das im Grunde genommen, wie ich dann im Nachhinein mitbekommen habe, immer ab, dass sich Leute in Frankfurt melden und dann konstituieren sich die lokalen Teams.

In Bremen gab es einen Freundeskreis, der das einerseits gemacht hat, es gab dann mich und noch drei, vier andere, die zusätzlich eine Anfrage nach Frankfurt geschickt haben. Dann saßen wir irgendwann eines schönen Sonntags Mitte Februar an einem Tisch im Café und waren das Pulse of Europe-Team Bremen. Und alle Beteiligten waren sich sofort einig, dass am darauffolgenden Sonntag die erste Kundgebung stattfinden soll. Wir haben uns also nicht lange mit Kennenlernen aufgehalten, sondern gleich Aufgaben verteilt. So ging es dann relativ schnell vorwärts und die erste Kundgebung war dann am 26. Februar diesen Jahres.

Welches Gefühl hattest du bei der ersten Kundgebung? War es ein gutes oder ein mulmiges? Hattet ihr Sorgen, dass ihr vielleicht aufgehalten würdet?

Letzteres eigentlich nicht, wir hatten schon einmal ein ganz gutes Gefühl, weil wir Lust auf diese ganze Geschichte hatten. Außerdem hatten wir alles abgesprochen, wobei man gemerkt hat, dass man es mit Leuten zu tun hat, auf die man sich verlassen kann. Unsere größte Sorge war eigentlich, dass wir dann dort stehen und vielleicht nur dreißig Personen kommen. Aber das war glücklicherweise überhaupt nicht der Fall, wir hatten es vorher über unsere eigenen persönlichen Kontakte beworben und dann waren wir bei der ersten Veranstaltung so 150 Leute. Das war für uns schon einmal motivierend weiterzumachen. Da haben wir gemerkt, dass da etwas geht.

Ein zentrales Merkmal der Bewegung ist das offene Mikrofon. Auch in Bremen benutzt ihr das. Welche Erfahrungen habt ihr mit den Rednern gemacht? Hattet ihr besonders gute Redner da oder hättet ihr manchmal gerne die Personen vom Mikrofon weggeholt?

Insgesamt muss ich erst einmal sagen, dass wir mit dem offenen Mikrofon sehr gute Erfahrungen gemacht haben. Ich kannte das vorher auch von anderen Demos oder Kulturveranstaltungen. Die Gefahr, dass dann kuriose Gestalten auftauchen und irgendwas erzählen, dass nicht zum Thema passt ist ja recht groß. Das hatten wir eigentlich fast nie. Wir hatten aber einen Fall, am Anfang, da haben wir tatsächlich einen Redner auch einmal das Mikrofon entziehen müssen. Er sprach über Thema Europa als politisches Projekt einerseits, über den Kapitalismus als wirtschaftliche Bedingung für die EU und diese dann als Konkurrenzprojekt andererseits, gesprochen. Darin sahen wir inhaltlich kein Problem -aber er hatte dies in der Vorwoche schon einmal sehr ausführlich dargelegt. Er kam dann wieder und hat das gleiche noch einmal erzählt und ist einfach nicht fertig geworden, dabei hatte ich vorher darum gebeten sich kurzzufassen. Da mussten wir das Mikro auch einmal entziehen. Das war aber die Ausnahme. Ansonsten haben wir viele interessante Beiträge von den Teilnehmern, seien es eher allgemeine Bekenntnisse zur europäischen Idee oder Stellungnahmen zu konkreten politischen Problemen.

Hättest du denn gerne mal eine bestimmte Person am offenen Mikrofon – einen Prominenten, eine Politikerin? Vielleicht auch jemanden aus deinem persönlichen Umfeld, der seine oder ihre Erlebnisse mit Europa teilt?

Beim offenen Mikro gibt es immer wieder persönliche Berichte, bei denen Teilnehmer ihre Erinnerungen und Erfahrungen teilen. Das ist wirklich wichtig für unsere Diskussion. Was Prominente angeht: Neulich hatten wir Marco Bode von Werder Bremen da, den ich gefragt habe, für welche Werte Europa stehen sollte. „Demokratie, Offenheit und Hilfsbereitschaft“ war seine Antwort. Es ist toll, wenn sich bekannte Gesichter auf diese Weise zur europäischen Idee bekennen. Darüber hinaus wäre es wünschenswert, wenn sich noch mehr Experten bei uns blicken lassen. Wir haben ein Publikum von hunderten Leuten, die jetzt politisch nicht unbedingt engagiert und politisch heterogen sind -wir sind ja eine überparteiliche Bewegung. Da wär’s natürlich schön, wenn gerade die sprechen würden, die sich damit intensiver auseinandergesetzt haben – zum Beispiel mit der Frage, wie es mit der EU weitergeht. Wenn diese ihre Ideen, Kenntnisse und Perspektiven mitteilen, kommt man aus der Elitendiskussion auch einmal raus. Sie sollen die Debatte aus dem Fachblatt in die Öffentlichkeit bringen und die Ideen dahinter greifbar und zugänglich machen.

Pulse Of Europe Kundgebung auf dem Bremer Marktplatz

Pulse of Europe ist noch eine junge Bewegung und fordert bisher generelle Ziele, wie Europa sichtbar machen und die europäischen Werte zeigen. Wie sieht es denn in Zukunft aus und welche Ideen werden hier in Bremen entwickelt?

Diese Debatte läuft innerhalb der Organisation. Das hängt damit zusammen, dass wir nach den Wahlen bei unseren Nachbarn uns nun in einem anderen Kontext bewegen – und dieser Kontext ist nun erst einmal die Bundestagswahl. denn die öffentliche Debatte dreht sich hier um die Positionierungen der Parteien. Wie gehen wir damit um, wo schließen wir an und welche Rolle nehmen wir selber ein? Das ist ein äußerst schwieriger Schritt. Bisher waren wir darauf fokussiert zu sagen, Europa ist eine positive Idee, wo bestimmte historische Errungenschaften hinter stehen und das möchten wir nicht aufgeben.

Die Teams haben unterschiedliche Vorstellungen, wie es weitergehen soll. Wir in Bremen fragen uns vor allem, wie man sich der Baustelle Demokratisierung annehmen kann; einer der klassischen Kritikpunkte. Die EU hat ein Demokratiedefizit, ist intransparent und technokratisch. Es gibt unglaublich viele Vorschläge, wie man daran etwas ändern kann – solchen Ideen wollen wir einen Platz einräumen.

Hier in Bremen sind auch Institutionen wie die Jungen Europäischen Föderalisten, die Europa-Union und der EuropaPunkt, der hier als Forum für Europa bekannt ist, vertreten. Werdet ihr von diesen unterstützt? Habt ihr Kontakt oder kooperiert miteinander?

Kontakt haben wir auf jeden Fall. Als wir am Anfang losgelegt haben und auf einmal ein paar hundert Menschen auf dem Marktplatz hatten, da sind die auch neugierig geworden. So ist es gerade am Anfang ganz schön, mit diesen ins Gespräch zu kommen. Mit Kooperationen haben wir uns allerdings bisher zurückgehalten, da wir zunächst vermitteln müssen, dass wir Pulse of Europe sind und nicht irgendetwas anderes. Deswegen gibt es bei uns auch keine Erlaubnis, Flyer oder Fahnen von anderen Organisationen zu verteilen. Das einzige, was bei uns erlaubt ist, ist unser eigenes Banner und ansonsten die Europa-Fahne. Wir möchten keine Werbeplattform für andere Vereine sein. Allerdings ergibt es auch wenig Sinn, sich von solchen pro-europäischen Organisationen zu isolieren, denn den Austausch + zu suchen dient schon der gemeinsamen Sache. Der Status Quo der EU kann nicht so bleiben und auf die Debatte um Reformen kann man gemeinsam besser einwirken als allein.

Warum lohnt es sich für dich, sich bei Pulse of Europe zu engagieren, anstatt dich in einer Partei zu engagieren, auch in Hinblick auf deine eigene Einstellung zu Europa?

Ich verfolge das politische Zeitgeschehen schon länger, auch was Europa betrifft. Letztes Jahr war für mich der Brexit ein Moment, in dem ich bemerkte,dass es nichts bringt, nur über Probleme zu lesen und zu diskutieren, sondern man muss auch etwas dafür tun. Und der Aufruf von Pulse of Europe war gerade so sympathisch, weil er allgemein, inklusive und so niedrigschwellig war.

Bei Parteien hat man dagegen ein stark geschlossenes Forum, man ist da halt Mitglied und dann gibt es da interne Debatten und so weiter. Pulse of Europe ist in der Öffentlichkeit und eine Plattform auf der man teilnehmen und aktiv sein kann. Es ist dynamischer und holt die Menschen ab. Das Problem ist, dass Leute zuhause sitzen und über den Brexit, Trump und irgendwelche anderen Geschichten die Stirn runzeln, dann aber trotzdem zu Hause sitzen bleiben. Pulse of Europe holt die Leute aber einfach ab. Auch wenn man politisch in einer bestimmten Richtung verortet ist, kann man seine Perspektive bei unseren Veranstaltungen einbringen. Beim offenen Mikro ist jede und jeder dazu eingeladen.

Pulse Of Europe Veranstaltungstermine 2017 (auf dem Bremer Marktplatz): 4.6., 2.7., 6.8., 3.9., 10.09., 17.09.,weitere Termine  folgen.

Zur Autorin:

Lea Wulf studiert im Hauptfach Politikwissenschaft. Sie interessiert sich für Innovationspolitik, Social Entrepreneurship und Smart City-Konzeptionen.

KLUB DIALOG SCHREIBWERKSTATT

Die KLUB DIALOG SCHREIBWERKSTATT ist eine Zusammenarbeit mit den Studenten der Medienstudiengänge der Universität Bremen und des Medieninstituts ZeMKI.

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