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Spielen

Vergnügen, Sinn und Sein - Kolumne

 

Früher haben wir in der WG ganze Wochenenden durchgespielt. Irgendwer brachte immer mal ein neues Spiel mit. Da gab es dann jene, die zuallererst einmal die Spielanleitung studierten, Zeile für Zeile, Punkt für Punkt. Und dann gab es die anderen, die einfach drauflos stellten, legten, ausprobierten und überlegten, wie es wohl gehen könnte.

Ja, ja, beim Spielen lernt man die Menschen ziemlich genau kennen. Die einen können nicht verlieren, die anderen spielen bloß aus Spaß und frei von Ehrgeiz. Manche sind in Strategiespielen haushoch überlegen und manche immer die Schnellsten. Einige befolgen das Regelwerk Wort für Wort, während andere die Regeln auslegen, wie es gerade passt. Das ist wie im richtigen Leben. Nur im Spiel, da geht es um nichts. Ein geschützter Raum, der Fehler toleriert und Scheitern unwichtig werden lässt. Außer man spielt um die Ehre. Oder Geld. Dann wird das Spiel zum Ernst – und ist irgendwie gar nicht mehr komisch.

Aber wenn man mal genauer hinschaut, dann wird auch klar: Spielen ist nicht allein zum Vergnügen da. Spielen hat einen ernsten Hintergrund. Und Spielen ist alles andere als zweckbefreit – das war schon so, bevor es Design Thinking und ähnliche Management-Tools gab. Nein, ganz grundsätzlich: Um die Welt zu entdecken, braucht es das Spiel. Zumindest sagt man das so über Kinder. Sie probieren aus, wiederholen und ziehen ihre Schlüsse, scheinbar ziellos und frei jedweder Zweckdienlichkeit. Sie spielen und lernen und werden.

Johan Huizinga machte wohl ähnliche Beobachtungen und zog seine Schlüsse daraus. Er prägte den Begriff des Homo Ludens und war sicher: Der Mensch entwickelt seine Fähigkeiten über das Spiel, entdeckt dabei seine individuellen Eigenschaften und die so gesammelten Erfahrungen machen ihn zu der in ihm angelegten Persönlichkeit.

Das Spiel selbst betrachtete Huizinga als kulturbildenden Faktor. Systeme wie Politik, Wissenschaft, Recht, aber auch Religion entwickelten sich aus spielerischen Verhaltensweisen und wurden über Ritualisierungen institutionell verfestigt. Ob Suche oder Zerstreuung, manchmal wird aus dem Spiel also Ernst. Regeln werden zum Gesetz. Am Kartentisch wie in der Weltpolitik.

Nun also, Homo ludens? Homo Faber? Oder Homo oeconomicus? Zwischen Spiel und Nutzenmaximierung liegt die Arbeit. Denn erst im Spiel entsteht Kreativität, Energie und Kraft, und alles ist möglich. Spielen ist ein Motor der Innovation. Womit wir doch wieder bei den Management-Tools wären? Nun, die Dinge liegen wie so oft dicht beisammen. Denn erst das Spiel ermöglicht uns, festgefahrene Strukturen und altbekannte Situationen aufzubrechen, Räume zu eröffnen, in denen Neues gedacht werden kann. Entdecken Kinder vor allem spielend die Welt, versuchen Erwachsene eben diese im Spiel zu vergessen, damit Ungedachtes möglich wird.

So viel Ernst im Spiel! Fassen wir zusammen: Wir spielen. Ob Jung oder Alt, zum Vergnügen, aus Langeweile, mit Karten, Gedanken oder Risiken. Spielen ist herrlicher Zeitvertreib, Wettkampf, lustig, lehrreich oder wunderbar zielfrei. Wir tun es selbstvergessen, verbissen oder voller Hingabe, entwickeln unsere individuellen Fähigkeiten und werden dabei zu dem, der wir sind. Na bitte: Spielen hilft bei der Sinnfindung. Und dafür ist man nie zu alt. Nun denn, Homo-wie-auch-immer: Komm spielen!

Anja Rose

textet „wortgewand“ für den KLUB DIALOG und zahlreiche weitere Kunden.

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