KLUB REISE #6 ›Staub‹

STAUBTROCKEN, STAUBIG, STAUB VON GESTERN- KLINGT IRGENDWIE NICHT SO SCHÖN. ABER STAUB KANN VIELES UND BEDEUTET VIELES MEHR…

Warum denkt eigentlich jeder, dass Staub etwas Negatives ist? Klar, eine Stauballergie ist nichts, weswegen man eine Party schmeißt. Aber Staub hat eine Menge Facetten und Bedeutungen, das einem das Kribbeln in die Bauchgegend holt und den Mund offen stehen lässt. Man muss nur die Augen öffnen und schon ist er da: der aufregende Staub, der mutige Staub, der explosive Staub und der liebevolle Staub. 

Also machen wir uns doch mal auf den Weg, mit Staubtuch und Placebos gegen allergische Reaktionen im Gepäck, und entstauben die Stadt. Und wir wären nicht der KLUB DIALOG, wenn wir uns dazu nicht ein staubig-altes, super fesches Transportmittel besorgt hätten. Jörg, unser Busfahrer des heutigen Tages, begrüßt uns. Und wir erfahren gleich: In Bremen gibt es wahrscheinlich wenige, die die Straßen und Wege der Stadt so gut kennen wie er. Somit lehnen wir uns zurück, in sicheren Busfahrer-Händen, und lassen die KLUB REISE #6 ›Staub‹ einmal auf uns zu stauben- äh, kommen.

Unser Reiseleiter Peer Gahmert führt ein in den Abend, verteilt die Aufgaben an die Reisenden und ruft die Meute zur Ordnung. Und somit kann die REISE beginnen…

Plötzliche Unruhe im vorderen Bereich des Busses sorgt für Aufmerksamkeit. Es ist 19.00 Uhr und auf Deutschland Funk läuft die geliebte Sendung unseres Reiseleiters. Also schalten wir das Radio ein und hören… „Bis zum Waller Ring waren Häuser ohne Scheiben und alle Autos sahen aus, als ob es geschneit hätte. 

Was war da los? Schnee im Mai? Nein. Ein Beitrag läuft, der sich mit der Mehlstaubexplosion der Bremer Roland Mühle vom 6. Februar 1979 beschäftigt.

Norman Wolf, Feuerwehrmann mit ganzem Herzen und dazu noch stellvertretender Abschnittsleiter West / Strahlenschutz der Feuerwehr Bremen, ist zufällig auf der KLUB REISE und stellt sich bei diesem Thema gleich nach vorne.* Er berichtet über den Einsatz der Feuerwehr am Abend der Mehlstaubexplosion. Einem fällt die Kinnlade runter und man wird ganz still: Ein Betondach von den Maßen 27m x 120m wird durch die Kraft der Explosion angehoben. Hallen fallen in sich zusammen. 14 Menschen kommen dabei ums Leben. Eine 20-30m hohe Stichflamme erhellt die Nacht. Noch 1,5 km entfernt zerbersten Fensterscheiben durch den Druck…

Wir halten an der Rückseite der Roland Mühle, sehen die neu aufgebauten Gebäude und die Silos mit eigenen Augen. Und Norman Wolf wäre nicht Norman Wolf, wenn er uns die damalige Situation nicht einmal vor Augen führt. In einer kleinen roten Kiste trägt er mit sich ein Experiment. Ein kleines Miniaturhaus stellt er auf den Boden. Er füllt einen bestimmten Körnerstaub ein und ein kleines Teelicht. Dach drüber, Schlauch in die Hand und einmal kräftig pusten: Und das Dach dieses kleinen Häuschens wird empor gerissen und eine Stichflamme erhellt das kleine Häuschen.
Die Details, die uns hier erzählt werden, zeigen die immensen Ausmaße des Unglücks und die Kraft, die dahinter steckt. Aber eine beruhigende Aussage hat Norman für uns dann doch: Die Chance, dass uns solch eine Explosion beim Backen in der eigenen Küche passiert, ist glücklicherweise doch eher gering. Denn es gibt viele Komponenten von Luft, Mehl und Flamme, die zusammenkommen müssen. Und das passiert zum Glück nur äußerst selten.
Und Norman Wolf wäre nicht Norman Wolf, wenn er dann nicht für das Bild des Abends sorgt: Ein stilechter Einsatzwagen der Feuerwehr fährt am Ende des Abends vor und nimmt ihn mit in die Nacht. Auf das unsere tapferen Feuerwehrleute uns weiter vor Unglücken schützen.

* Okay, wir geben es hiermit zu: Der Radiobeitrag war von uns ganz vielleicht etwas vorbereitet, und auch Norman Wolf war vielleicht nicht ganz zufällig im Bus. Wir danken Manuela Weichenrieder für das unglaublich überzeugende Einsprechen des Anfangstextes!

Weiter geht’s: Wir steigen wieder in den Bus und verarbeiten noch das eben Erlebte.
Wir fahren durch die Überseestadt, an einer Menge Baustaub entlang, und der Reiseleiter ruft die Vertreterin unserer folgenden Reisedestination auf. Nach vorne kommt Katrin Fiedler von der Bauteilbörse Bremen. Wir fahren in die Getreidestraße und dort werden wir eingeführt in den Grund einer solchen Bauteilbörse. Arme alte Hausteile wie Türen, Waschbecken oder Fliesen finden hier eine Übergangsheimat- und die Möglichkeit, in liebevolle, neue Hände abgegeben zu werden. Die Bauteilbörse nimmt diese herrenlosen Gegenstände nicht nur auf. Die fleißigen Mitarbeiter kommen auch vorbei, bauen alles aus und fahren es weg. Und in der Bauteilbörse selbst wird alles nochmal abgestaubt, geputzt und gewienert. So ein Rundumwohlfühlprogramm für schöne alte Dinge mit Charakter und Geschichte wünscht man sich doch auch für die eigenen Sachen.
Vor Ort dürfen wir dann nicht nur durch die Gänge gehen und über all die vielen  Bauteile staunen, sondern wir dürfen auch noch etwas fleißig sein: Eine Fotosafari von Katrin schickt uns auf die Suche nach unterschiedlichsten Gegenständen. Am Ende steht fest: Gewonnen hat, wer meistens gewinnt (Namen werden nicht genannt, aber die KLUB-treue Person versteht den augenzwinkernden Kommentar sicher) und es wurden einige wunderschöne Fliesen-Einmaligkeiten als Gewinn ausgegeben.

Wir verlassen die Bauteilbörse, im Gepäck viele neue Ideen und den Plan, ganz bald wiederzukommen und das ein oder andere Schmuckstück zu erwerben.

Aber erst einmal richten wir den Blick nach vorn: Der Bus startet, die REISE geht weiter.
Und zwar wollen wir nun etwas Staub aufwirbeln. In Bremen arbeitet eine Gruppe mutiger, ehrlicher und geradeheraus-direkter Menschen regelmäßig und mit unbändigem Enthusiasmus daran, die Welt ohne rosarote Brille aufzuzeigen. Die Menschen von Sendefähig GmbH um Christian Tipke und Dennis Leiffels bringen auf vielerlei Wegen spannende Geschichten, Aktuelles und Informatives auf die Flimmerkiste – und zwar nah an dir und mir und weg von dem ach so ausgereiften Bewegbildstil, der doch jede Serie und Sendung irgendwie beliebig macht. Das Y-Kollektiv ist ausschließlich im Web unterwegs, auf YouTube gibt es unzählige Berichte zu spannenden Themen, die uns bewegen. RABIAT für die ARD läuft aktuell in 6 Folgen immer montags ab 22.45 Uhr und ein reinzappen ist eigentlich ein Muss. Themen, die uns bewegen, werden ungeschönt und damit umso ehrlicher dargestellt.

Wir dürfen hinter die kreativen und mutigen Kulissen schauen und laufen durch das Zuhause von Sendefähig. Und da finden wir überraschend gleich noch ein bisschen Staub. Denn die Pusdorf Studios, der neue Mittelpunkt von Christian Tipke und Co., ist erst seit kurzem vom Baustaub befreit, und es riecht hier förmlich nach Neuem, sich Bewegendem und Inspirierendem. Denn neben Sendefähig sind hier noch weitere Kreative Köpfe und Mutige Macher in die Räumlichkeiten eingezogen und machen den Ort zu einem neuen Mittelpunkt des Bremer Lebens.

Puh, der Kopf schwirrt schon förmlich von all diesen irgendwie so garnicht staubtrockenen Orten und Menschen. Aber noch sind wir nicht am Ziel. Der Bus rollt an und wir machen uns auf unsere letzte REISE am heutigen Abend und finden eine Menge Mut zu Neuem und auch noch viel Leidenschaft dabei.

Wir fahren zur Stadtteilfiliale Neustadt in die Pappelstraße. Denn die Sparkasse Bremen hat sich mit etwas auseinandergesetzt, was man einem Urgestein des Bankwesens auf den ersten Blick gar nicht zutraut. Es wurde alter Staub von den Schultern geschüttelt, der Beruf des bekannten Bankiers hinterfragt und das Ziel der eigenen Filialen auf den Kopf gestellt. 
Heraus kommt ein Ort der Identifikation. Die Stadtteilfiliale der Neustadt ist eben genau dieses: Es ist für Neustädterinnen und Neustädter, egal, ob Kunde oder nicht.
Man kommt herein und merkt gleich, dass hier etwas anders ist als man es sonst so erwartet. Ein riesiger Tisch lädt ein, sich mit dem Laptop niederzulassen und dabei noch mit anderen Menschen ins Gespräch zu kommen. Überall stehen Bremische Besonderheiten herum, die hier die Chance haben, für eine bestimmte Zeit sichtbar gemacht zu werden. Und auch hier spürt man, wie ernst es den Menschen hinter diesem Wandel ist: Deko für das Ego ist das alles nicht, was in der Filiale einladend herumsteht- sondern genau so gemeint wie gesagt. Die nette Dame vom Empfang kann ins kleinste Detail Auskunft geben über all die Dinge, die man hier so finden kann. Man setzt sich hier auseinander mit „seinem“ Stadtteil. Eine riesige Tafel verrät die nächsten Veranstaltungen, die hier stattfinden. Für Groß und Klein, Musikliebhaber oder Talker.
Und auch faszinierend: Einen Bankautomaten sucht man hier vergebens. Denn hier geht es nicht um den Transfer von viel Geld, sondern um ein Miteinander. Beraten wird man hier natürlich trotzdem, so viel ist sicher. Aber eben anders als gewohnt- und das anders gefällt einem ziemlich gut. Wir vergeben den Stempel: Staubfrei!

Und nun endet die KLUB REISE #6 ›Staub›. Es ist wiedermal spät geworden, die Getränke waren lecker und die Reisegäste zu allen Schandtaten bereit. Der KLUB DIALOG sagt DANKE an unsere mutigen Reisegäste! Und auch den Teilnehmern, die wieder einmal Mut zur Unwissenheit bewiesen haben. Denn niemand weiß, wo die Reise hingeht und trotzdem hatten wir viele neugierige Teilnehmer an Bord.

Etwas aus dem Nähkästchen:
Wie bastelt man eigentlich so eine KLUB REISE, mag sich der eine oder die andere fragen. Hiermit geben wir Auskunft über den wichtigsten Teil davon: Die Zusammenarbeit mit den Kooperationspartnern. RAUMPERLE hat uns dieses Mal begleitet: vom staubigen Beginn der Planung über die entstaubte Zusammenstellung der Reisegäste bis hin zu den keimfreien, kleinsten Details der Veranstaltung, sie waren immer an unserer Seite. Der KLUB DIALOG sagt auf diesem Wege lautstark und von Herzen: DANKE! Auf das sich unsere REISE-Wege noch häufig kreuzen.

Bewegte Bilder zur Reise gibt es auch: 

 

Fotos: Michael Bahlo (NORDAUFNAHME)
Reisetagebuch: Franci Trybull (KLUB DIALOG e.V.)
Reiseleitung: KLUB DIALOG e.V. und RAUMPERLE