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In Gegenwart stummer Riesen

Welchen Wert hat Kunst am Bau, wenn das Gebäude neu genutzt wird?

Sie sind groß, sogar sehr. Man sieht sie, nimmt sie aber nicht richtig wahr, doch würden sie fehlen, wäre etwas anders. Wenn es mich nach Sebaldsbrück verschlägt, denke ich nicht an große Kunst. Eher an Daimler, Atlas Elektronik oder Rheinmetall. Jedes Mal, wenn ich zum Sebaldsbrücker Bahnhof gehe und vor dem alten, schäbig anmutenden Bahnhof auf der Sebaldsbrücker Heerstraße stehe oder durch die Unterführung in die Hemelinger Bahnhofstraße einbiege, sind sie da. Das waren sie schon immer. Sie zieren seit mehr als drei Dekaden zwei ehemalige Luftschutzbunker. Die Gemälde “Sebaldsbrücker Heerstraße” und “Hemelingen im Schnittpunkt” sind mehr als neun Meter hoch. Das Bild auf dem Bunker am Bahnhof ist sogar mehr als 50 Meter breit.

Das Gemälde “Sebaldsbrücker Heerstraße”, Gerd Garbe (1973)

Die Bilder entstanden im Rahmen des Programms „Kunst im öffentlichen Raum“. 1973 wurde dieses als Nachfolge der Kunst-am-Bau-Regelung beschlossen, die 1952 in Kraft trat. Das Programm war das erste seiner Art in Deutschland und sollte die Begegnung mit Kunst ermöglichen, auch in Stadtteilen, die gewöhnlich nicht mit Kunst dieser Art in Berührung kommen. Die Kunstwerke sollten die Identität und und die Veränderung der Stadtteile wiederspiegeln. So zeigt das Gemälde “Sebaldsbrücker Heerstraße” den gegenüberliegenden Straßenzug und “Hemelingen im Schnittpunkt” zeigt eine Postkarte, die Szenen aus den vergangenen Zeiten des Viertels abbildet, im Hintergrund eine Weltkarte.

Seit 1973 und 1986 sind diese Bilder ein Teil des alten Industriestandortes, haben viel gesehen und stark gelitten. 2005 wurden sie aufwendig restauriert und überarbeitet. Das Werk “Sebaldsbrücker Heerstraße” zeigt nun auch, dank der Mühen des Ortsamtsbeirates und der Stiftung Wohnliche Stadt, die Veränderungen des Straßenzuges. “Hemelingen im Schnittpunkt” wurde im Zuge der Sanierung der Hemelinger Bahnhofstraße restauriert und stark verändert. Die Vorlage zu dem Gemälde findet man heute im Ortsamt Hemelingen.

Das Gemälde “Hemelingen im Schnittpunkt” (1986) wurde 2005 noch einmal stark verändert.

Die Bilder, gemalt von Gerd Garbe und Jürgen Schmiedekampf, prägen das Bild des Viertels und bedecken die Überbleibsel aus dem Zweiten Weltkrieg. Die Bunker fallen unter ihnen kaum auf. Die Gebäude wirken offener, als Teil des Viertels eben. Die großen Flächen eigneten sich ideal, um den Betonkolossen ein neues Antlitz zu geben – besonders in den Hochzeiten des Kalten Krieges nutzte man diesen Effekt gern.

Ursprünglich befanden sich alle sogenannten öffentlichen Schutzräume in der Hand der Länder und des Bundes. 2007 wurde jedoch beschlossen, diese aufzugeben. Das bedeutet, die Bunker werden nun zum Verkauf angeboten und kommen in Privatbesitz. Einige werden Wohnungen, andere Kulturzentren, ein Bunker in Gröpelingen wird zur Kletteranlage.

Auch der Bunker an der Sebaldsbrücker Heerstraße befindet sich seit dem vergangenen Jahr in privater Hand. Was bedeutet das für das Gemälde des Künstlers Gerd Garbe? Nach Angaben des Ortsamtsleiters Hemelingen, Jörn Hermening, ist die Zukunft des monumentalen Kunstwerkes nicht klar. Der Käufer habe über das Schicksal zu entscheiden, Veränderungen müssten aber mit dem Ortsamt, dem Ortsbeirat und dem Bauamt abgesprochen werden. Das Gemälde sei aber nicht denkmalgeschützt, das heißt, es könnte ohne große Hürden beseitigt werden. Es verschwände einfach aus der Welt und aus Sebaldsbrück.

Und was bedeutet dies für andere Kunstwerke auf den Bunkern dieser Stadt? Setzt sich heute jemand für den Erhalt der Gemälde ein? Würde das Bild entfernt werden, fehlten 56 Meter Stadtbild und ein alter Begleiter, der stumm über den Sebaldsbrücker Bahnhof wacht.

 

Zur Autorin:

Lea Wulf studiert im Hauptfach Politikwissenschaft. Sie interessiert sich für Innovationspolitik, Social Entrepreneurship und Smart City-Konzeptionen.

KLUB DIALOG SCHREIBWERKSTATT

Die KLUB DIALOG SCHREIBWERKSTATT ist eine Zusammenarbeit mit den Studenten der Medienstudiengänge der Universität Bremen und des Medieninstituts ZeMKI.

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