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Hunger?

Dann ab in den Park! Natalie Walow macht den Selbsttest mit mundraub.org

Bremen ist eine grüne Stadt. Mit vielen öffentlichen Parks, Deichen und großen Grünflächen bietet die Hansestadt einen idealen Standort für viele schlummernde Nahrungsressourcen und somit für Mundräuber.

Auf der 2009 gestarteten Internetplattform mundraub.org  organisiert sich eine Mundraub-Community, die herrenloses Obst digital für die Menschen sichtbar und zugänglich macht. Dabei ist die Seite eine usergenerierte Plattform, denn die Nutzer tragen die Fundstellen selbst ein und erweitern so die Kartierung. Auch in Bremen findet man haufenweise Markierungen: von verschiedenen Obstbäumen, Brombeersträuchern und Kräutern bis hin zu essbaren Kastanien. Vor allem aber außerhalb der City im Grünen wachsen viele unentdeckte oder vergessene Köstlichkeiten an öffentlichen Plätzen.

Benannt hat sich die Internetseite nach dem Mundraub, einer Praktik, die bis zum Jahr 1975 in Deutschland als Straftatbestand angesehen wurde. Es konnte zu einer Geldstrafe von 500 D-Mark oder sogar zu einer Freiheitsstrafe von bis zu sechs Wochen führen. Mit dem Begriff des Mundraubes wurde die Entwendung oder Unterschlagung von Nahrungs- oder Genussmitteln zum alsbaldigen Verbrauch beschrieben. Auch heute gilt rechtlich: Wer Obst von Privatgrundstücken pflückt, begeht Diebstahl. Deshalb versuchen die Gründer der Website Einträge von Bäumen, die sich deutlich auf einem Privatgrundstück befinden, direkt zu löschen. Eine Rechtssicherheit geben die Mundraubgründer damit jedoch nicht.

Das Ziel der Initiatoren von mundraub.org ist vielmehr, die vielen in Vergessenheit geratenen Früchte wieder in die öffentliche Wahrnehmung zu rücken und der Verschwendung entgegenzuwirken. Durch die Plattform sollen Menschen noch nicht abgeerntete Bäume oder wilde Kräuter für sich entdecken und für das Pflegebedürfnis der Umwelt sensibilisiert werden. Beim Projekt werden die Pflanzen allerdings nicht bewusst kultiviert und angepflanzt. Es geht vielmehr um das Ernten als um das Gärtnern.

Der Selbsttest

Um selbst einmal Mundräuberin zu sein, habe ich mich auf die Suche nach „wildem Essen“ gemacht. So nutzte ich das gute Wetter und schwang mich aufs Rad, um zur am nächsten gelegenen Markierung zu gelangen und machte mich auf die Suche nach etwas Essbarem. Die Karte auf mundraub.org zeigte mir viele bunte Piktogramme in dem nahe gelegenen Park an. An der ersten Markierung soll Bärlauch wachsen und weit verstreut sein. Und tatsächlich: Bärlauch weit und breit. Sichtbar und vor allem riechbar lockte der Bärlauch mit seinem charakteristischen Knoblauchgeruch. Doch leider habe ich wohl die falsche Jahreszeit erwischt. Der Bärlauch war nicht mehr grün, wie er eigentlich sein sollte, sondern vielmehr bot sich mir ein Blick von teils eingegangenen und gelben Blättern. Einige Blätter konnte ich mir noch rauspicken, die noch nicht eingegangen waren.

Die Suche ging weiter. In der Nähe sollte sich laut Karte ein Apfelbaum befinden. So folgte ich dem Weg und hielt die Augen nach einem Apfelbaum auf. Jedoch war der Fundort des Apfelbaumes in der Karte nur vage beschrieben, deshalb fuhr ich den Parkweg langsam mit dem Rad ab und hielt Ausschau nach reifen Äpfeln. Nach etwas längerer Suche fragte ich mich, ob Äpfel überhaupt schon im Mai reif sind und mir wurde klar, wie wenig Ahnung ich von Pflanzen und Baumsorten habe. Hilfreich wäre in diesem Augenblick eine detailliertere Navigation  auf der Mundraub-Karte gewesen. Zwar gibt es die Möglichkeit, den Fundort fotografisch festzuhalten und ergänzend beizufügen, doch die wenigsten registrierten Nutzer machen davon Gebrauch.

Enttäuscht vom zweiten Fundort, fuhr ich zum etwas weiter gelegenen Kirschbaum, der ebenfalls in der Karte verzeichnet war. Auch hier war ich mir nicht sicher, ob Kirschen denn schon zu dieser Jahreszeit reif sind. Dennoch wollte ich mich selbst davon überzeugen. Leider hat sich auch bei den Kirschen meine Annahme bestätigt, denn von reifen Kirschen fehlte jede Spur. Hier wäre es hilfreich gewesen, einen direkten Hinweis beim Piktogramm zu haben, um zu erfahren, ob und wann die genaue Erntezeit  ist. Enttäuscht vom dritten Fundort und mit ein paar Bärlauch-Blättern im Gepäck machte ich mich wieder auf den Heimweg.

Was ich als Erfahrung von der Mundraub-Tour mitnehme ist, dass ich für die Zukunft weiß, wo sich die Obstbäume befinden. Künftig werde ich mich vor Antritt meiner nächsten Mundraub-Tour erkundigen, ob die markierten Früchte schon reif sind. Ich habe während der ganzen Fahrt Ausschau nach weiteren Stellen gehalten und in dieser Zeit meine Umwelt besser wahrgenommen.

Mundraub.org bringt Menschen in die Natur und rückt das Bewusstsein für die Notwendigkeit von Bestandsschutz stärker in den Fokus. Schon der Pokemon-Hype hat vor einem Jahr viele Smartphonenutzer auf die Straße gelockt – und wer weiß: Vielleicht gibt es in Zukunft ja eine App, die das Spielerische von „Pokemon Go“ und die nachhaltige Idee von Mundraub.org verbindet und Menschen sich so auf die Suche nach herrenlosen Obst oder Gemüse begeben.

Zur Autorin:

Natalie Walow ist Studentin im 2. Semester Master Medienkultur und liebt es mit dem Rad die Welt zu erkunden. 

KLUB DIALOG SCHREIBWERKSTATT

Die KLUB DIALOG SCHREIBWERKSTATT ist eine Zusammenarbeit mit den Studenten der Medienstudiengänge der Universität Bremen und des Medieninstituts ZeMKI.

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