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Ganz schön langsam!

Es ist an der Zeit, sich Zeit zu nehmen. Wie langsame, bewusste Handarbeit Balance in meinen digitalen Alltag bringt.

Die Welt ist schnell und bequem. Kaffee auf Knopfdruck. Volle Mahlzeiten zum Mitnehmen. Damit wir beim Abtippen unserer E-Mails nicht von Stille erdrückt werden, sorgen Musik-Streaming-Dienste für sofortige Unterhaltung mit vorgefertigten Playlists. Die Welt um uns ist intelligent und auf Effizienz ausgelegt, und ich finde das fantastisch! Das Potenzial ist unendlich, und wir können davon profitieren. Allerdings bin ich der Meinung, dass diese schnelle, digitale, intelligente Welt einen Ausgleich braucht: Langsame, primitive Handarbeit und die Wertschätzung, Zeit darin zu investieren.

Schreib mal wieder was!

Ich musste zu der Zeit, in der dieser Text entstanden ist, für eine gefürchtete Prüfung lernen. Freude bereitet mir das Lernen (für dieses Thema) wenig, deshalb könnte ich mir dementsprechend freudlos die Lernmaterialien aus dem Internet ziehen und ausdrucken, allerdings genieße ich es per Hand zu schreiben. Zeiteffizient ist das nicht, denn sowohl jeder Tintenstrahldrucker, als auch jeder Grundschüler mit fataler Handfraktur bringt Informationen schneller zu Papier als ich. Dennoch mag ich es. Dieser langsame Prozess brennt einem die Thematik auch etwas nachhaltiger ein, außerdem kann man das Lernen deutlich erquicklicher gestalten, wenn man, wie ich,  Zugriff auf Notizblöcke mit kleinen Fischen hat. Manchmal lohnt es sich, Kindersachen nicht wegzuschmeißen. 

Mit kleinen Fischen lernt es sich manchmal besser als mit einer PDF.

Gib deiner Musik den Wert, den sie verdient.

Ich bin Musiksammler diverser Formate, soweit meine studentischen Finanzen das zulassen. Hauptsächlich sammle ich Vinyl. Ich bin weder Formatpurist, noch audiophiler Musikexperte, dennoch liebe ich Vinyl aus diversen Gründen. Dieses Format zwingt einen, sich bewusst für ein Album zu entscheiden. Ich suche die Platte, begutachte das Artwork, nehme sie aus der Hülle und begutachte das Vinyl an sich. Ist die Platte schwarz? Farbig? Picture Disc? Wie ist die Haptik? Wie schwer ist die denn? Bestimmt 140 Gramm, bei 180 Gramm würde es fett draufstehen. Dann entscheide ich mich für eine Seite, mit der ich anfangen möchte und lege den Tonträger auf den Plattenteller. Bis ich die Nadel auf der Scheibe platziert habe und tatsächlich die ersten Töne erklingen, sind ein paar Minuten seit dem ersten Impuls, Musik zu hören, vergangen. Es ist ein bewusst langsamer Prozess, der aber so unendlich viel Schönheit und Gefühl in sich birgt, wie es eine MP3 nicht wirklich könnte. Zudem ist das stöbern in Vinylkisten – sei es in den eigenen, oder im Plattenladen – eine wunderbare, soziale Beschäftigung. Nimm eine Person an die Hand und zeig ihr deine Lieblingsplatte. Erzähl ihr, warum du diese Musik liebst und wertschätzt und warum das Artwork das schönste ist, was es auf dieser Welt gibt. Wenn die Person keine einstweilige Verfügung gegen dich erwirkt, hast du vielleicht einen neuen Freund gewonnen. Auch super für Dates!

Hier nicht zu sehen: Kassetten und Tonbänder (hinter dem Vinyl versteckt)

Nimm dir Zeit und benutz deine Hände!

Meine neuesten Entschleunigungen heißen Frühstück und Kaffee. Statt beides vom exzellenten Bäcker nebenan zu holen, habe ich beschlossen, in beides Zeit und Arbeit zu investieren. Wahrlich keine Offenbarung sollte man meinen, allerdings auch keine Selbstverständlichkeit mehr in der studentischen Demographie. Ich habe aber das Gefühl, dass das selbstgemachte Frühstück auch bei Studierenden wieder wichtiger wird. Käsebrot-Revival quasi.

Früher habe ich manchmal Kaffee aus Kaffeeautomaten getrunken. Diese Maschinen sind so unglaublich schnell und unkompliziert: Tab rein und Knopf drücken, zack fertig! Aus exakt diesem Grund bin ich drei Schritte zurückgegangen und habe angefangen, Bohnen in einer Handmühle zu mahlen. Dieser Prozess des Mahlens ist langsam, laut, ermüdend und umständlich – kurzum: wunderbar. Nachdem ich mich durch diesen Prozess gekämpft habe, fühlt sich der Kaffee verdienter an.  Dann kann ich mich entspannt mit frisch gebrühtem Kaffee und selbstgemachtem Frühstück zurücklehnen, bis ich mir dann Essen für die Arbeit fertigmache, selbst wenn es nur eine kleine Obstdose ist. Auch dazu gehören Zeit und Liebe.

Von Muttern lernen, heißt futtern lernen (und liebevoll Brotdosen vorzubereiten).

Ich nehme mir bewusst Zeit für Dinge, die heutzutage, jedenfalls pragmatisch gesehen, eher ineffektiv sind. Das gibt mir Seelenfrieden und den Ausgleich zu der Arbeit die ich sonst sehr mag. Ich arbeite täglich viel mit digitalen Medien und das tue ich sehr gerne. Social Media, E-Mail-Korrespondenz, Bildbearbeitung und vieles mehr. Ich verbringe sowohl Arbeitszeit, als auch Freizeit vor dem Computer und genieße es bis zu einem bestimmten Punkt, an dem ich übersättigt bin. Dann wird es Zeit, sich Zeit zu nehmen. Zeit für die Dinge, für die man sich bewusst entscheidet. Ich finde es nämlich  wichtig, dass man sich bewusst dafür entscheidet, einige Dinge etwas umständlicher, dafür aber fundamentaler zu machen. Mir persönlich gibt es ein wenig Erdung und Entspannung – und das sind Dinge, die ich im Angesicht der sich schneller drehenden Welt brauche, um dauerhaft mithalten zu können.

 

Tobias Lappe

darf derzeit dem KLUB DIALOG bei Projekten helfen, befasst sich mit Social Media, liebt Bremen über alles und schreibt neuerdings einen Blog. Sonst Medienstudent und Musikkulturnerd.

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