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Sophie Stuve über Hoffnung und Realität am Anfang des Berufslebens

Eine Podiumsdiskussion im Rahmen der Mediapractice 2018 lud ein, über das Verdienen nachzudenken. Geladen waren Anja Rose, freiberufliche Texterin, Björn Portillo, Vorstand hmmh Medienhaus, Friedhelm Behrens, Leiter der Presseabteilung der swb AG, Gerhild Hustädt, ver.di-Vertreterin, Sophie Stuve, Volontärin bei DENKBAR PR & Marketing. Lioba Kassens hat sich nach der Veranstaltung mit Sophie über ihre Erfahrungen beim Berufseinstieg und die Schwierigkeiten im Bewerbungsgespräch unterhalten.

Liebe Sophie, du hast während der Veranstaltung von Mediapractice und Klub Dialog „Verdienen – Wir müssen über Geld reden“ von zwei besonders prägenden Erlebnissen bezüglich Gehaltsverhandlungen erzählt. Magst du diese noch einmal schildern?
Sophie: Na klar. Meine erste ernsthafte Gehaltsverhandlung, die ich noch während meines Masterstudiums führte, war für einen Vollzeitjob als Texterin in einer Bremer Agentur. Das Gespräch lief eigentlich ganz gut, bis zu dem Punkt, wo ich meine Gehaltsvorstellungen nennen sollte. Als Berufsanfängerin mit einem Masterabschluss schätzte ich mein Bruttojahresgehalt in einer Vollzeitanstellung bei einer Bremer Agentur zwischen 27.000 und 33.000 Euro ein. Als ich diese Vorstellungen äußerte, wurde mir jedoch verdeutlicht, dass dieser Betrag utopisch sei. Stattdessen bot mir die Agentur für die 40-Stunden-Anstellung 1.700 Euro Brutto im Monat an. Das entspricht einem ungefähren Jahreseinkommen von 20.400 Euro Brutto und wich deutlich von meiner Einschätzung ab. Meine erste Verhandlung ging also nach hinten los und hatte zur Folge, dass ich vollkommen verunsichert war. Daraufhin wandte ich mich an meinen Studiengangskoordinatoren, der mir jedoch versicherte, dass ich mich nicht falsch eingeschätzt hatte, sondern mir einfach nur ein unverschämtes Angebot gemacht wurde.

Meine erste Verhandlung ging also nach hinten los und hatte zur Folge, dass ich vollkommen verunsichert war.
Sophie Stuve

Und das andere Erlebnis?
Sophie: Mein zweites Verhandlungserlebnis war für ein Volontariat bei einer Bewegtbildagentur. Da es sich um eine Ausbildung handelte, setzte ich meine Gehaltsvorstellungen deutlich herunter und erwartete im Gegenzug, Weiterbildungsmöglichkeiten geboten zu kriegen. Im Verlaufe des Gespräches zeichnete sich jedoch ab, dass durch mich eine neue PR-Abteilung aufgebaut werden sollte und mir keine Anleitung zur Verfügung steht. Für diese Vollzeitstelle, bei der niemand von einer Ausbildung sprechen kann, bot die Agentur mir im ersten „Ausbildungsjahr“ 1.200 Euro Brutto und im zweiten 1.500 Euro Brutto an. Dies entspricht ungefähr einem Bruttojahreseinkommen von 14.400 Euro und liegt damit unter dem gesetzlichen Mindestlohn.
Beide Verhandlungen waren für mich wie Schläge ins Gesicht. Ich musste feststellen, dass man trotz fundierter Ausbildung und einschlägiger Praxiserfahrung nur wenig Wertschätzung erfährt.

Wenn dir dein Traumjob zu schlechten Bedingungen angeboten werden würde, würdest du es mit dir vereinbaren können und ihn trotzdem annehmen?
Sophie: Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass jeder Job, ob nun Traumjob oder Mittel zum Zweck, die eigenen Grundlebenskosten decken sollte. Im Klartext bedeutet dass, dass ich Miete, Versicherung und Lebensmittel zahlen kann und dass noch Geld für ein Feierabendbier drin sein sollte. Bei dem mir angebotenen Volontariatsjob für 1.200 Euro Brutto wird das aber schon ganz schön knapp, denn es bleiben am Ende nur ungefähr 950 Euro pro Monat übrig, um meine Fixkosten zu decken.
Wäre dieses Volontariat aber mein absoluter Traumjob gewesen, habe ich das große Glück noch auf die Unterstützung meiner Eltern bauen zu können. Doch dieser Rückhalt ist keinesfalls selbstverständlich und sollte als 27-Jährige mit einem siebenjährigen Studium auch eigentlich keine Option mehr sein.
Wenn man keinen finanziellen Rückhalt hat, bedeutet es im Umkehrschluss aber auch, dass man einen viel kürzeren Atem bei der Jobsuche hat und vielleicht gar nicht bis zum Traumjobangebot durchhalten kann. Denn früher oder später muss Geld reinkommen! Ist man zu einem finanziell kritischen Zeitpunkt mit schlechten Gehaltsangeboten konfrontiert, würde man sie wahrscheinlich eher annehmen.

Hast du denn auch Tipps für uns Studenten, wie wir uns am besten auf Gehaltsverhandlungen vorbereiten können?
Sophie: Seid vorbereitet! Macht Euch über Online-Ratgeber und durch Gespräche mit Kommilitonen und Berufspraktikern schlau. Findet heraus, was man ungefähr mit eurem Abschluss verdienen kann und listet gleichzeitig auch alles auf, was ihr wirklich zum Leben braucht.
Ich habe mich zudem auch einfach zum Spaß auf Jobs beworben, die ich eigentlich gar nicht haben wollte. Dies hat mir geholfen, ein Gefühl dafür zu entwickeln, wie Bewerbungsgespräche ablaufen.
Während der Gesprächssituation sollte man auch im Hinterkopf behalten, dass der Arbeitsgeber einen selbst, also den Arbeitnehmer, braucht. Vielleicht hilft diese Erkenntnis dann auch für das nötige Selbstvertrauen.

Was sollte man denn besonders in der Gehaltsverhandlung beachten?
Sophie: Berücksichtigt, dass ein Gehaltsgespräch auch immer eine Verhandlung ist, in der jede Partei einen Vorteil erzielen möchte. Es kann daher nicht schaden, einen kleinen Verhandlungspuffer auf die eigenen Gehaltsvorstellungen draufzulegen. Denn für euren Verhandlungspartner ist das optimale Gesprächsergebnis, deine Einstiegssumme zu mindern.  Für dich selbst muss daher sichergestellt sein, dass du trotzdem noch gut wegkommst. Wichtig ist es, dass am Ende faire Bedingungen für beide Seiten entstehen. Etwas, was mir letztlich bei meinen eigenen Verhandlungen gelungen ist. Für die Zukunft wünsche ich mir aber, dass Universitäten ihren Studenten mehr Orientierung zum Thema Gehalt bieten. Meiner Meinung nach gehört es zur Ausbildung, seinen Marktwert zu kennen.

 

Berücksichtigt, dass ein Gehaltsgespräch auch immer eine Verhandlung ist, in der jede Partei einen Vorteil erzielen möchte.

Liebe Sophie, du hast uns ja jetzt schon ganz viel Input gegeben. Eine eventuell auch heikle Frage möchte ich allerdings doch noch ansprechen. Gibt es einen Gendergap in der Kreativbranche?
Sophie: Ich bin noch nicht lange genug in der Branche tätig, um das wirklich beurteilen zu können. Den ersten Erfahrungen nach, vermute ich aber, dass es einen Unterschied in der Besetzung von Führungspositionen gibt. Den Großteil meiner Bewerbungsgespräche führte ich mit männlichen Gesprächspartnern und auch bei meinem jetzigen Arbeitsgeber sind zwei Männer geschäftsführend. Im Agenturbereich kann das vor allem damit zusammenhängen, dass Frauen sich seltener selbständig machen und eher in Angestelltenverhältnissen arbeiten. Dies bietet eine leichtere Möglichkeit, Familie und Beruf zu vereinbaren. Allerdings kann man momentan beobachten, dass sich im Bereich Frauenquote etwas in der Kommunikationsbranche tut. So hat sich erst kürzlich der Verein Global Women in PR Deutschland (GWPR) gegründet, der Frauen dazu ermutigt, Führungspositionen im deutschen PR-Feld zu übernehmen.

Liebe Sophie, vielen Dank, dass du dir noch einmal Zeit genommen hast und die Fragen so direkt und ehrlich beantwortet hast.

Sophie hat ihren Bachelor in Berlin im Fach Publizistik- und Kommunikationswissenschaften absolviert. Während des Studiums konnte sie als Erasmusstudentin in Amsterdam Auslandserfahrungen sammeln. Praktische Berufserfahrungen erlangte sie als Werkstudentin in einer Kunst- und Kulturstiftung und im Rahmen eines Praktikums bei einem Fachzeitschriftenverlag. Nach dem Bachelor ging Sophie nach Bremen, um dort den Masterstudiengang Medienkultur zu studieren. Nebenbei arbeitete sie als studentische Aushilfe bei der Stiftung Hausseefahrt und bei der BLG in der Unternehmenskommunikation. Zurzeit macht sie ein Volontariat bei der Bremer Agentur DENKBAR PR & Marketing und lässt sich dort innerhalb eines Jahres zur PR-Beraterin ausbilden.

Zur Autorin:

Lioba Kassens studiert im 4. Semester Kommunikations- und Medienwissenschaft an der Universität Bremen.

KLUB DIALOG SCHREIBWERKSTATT

Die KLUB DIALOG SCHREIBWERKSTATT ist eine Zusammenarbeit mit den Studenten der Medienstudiengänge der Universität Bremen und des Medieninstituts ZeMKI.

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