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Eine Liebesbeziehung mit dem Unbewussten

– oder: Wie man gut „durchdrehen“ kann

Mit schwankenden Gefühlslagen im Berufsleben kennt Peter Hahl sich aus. Der Diplom-Psychologe aus Bremen und passionierte Handballer coacht Mitarbeiter, Führungskräfte und Teams, die viel erreichen wollen. Darunter sind auch Leistungssportler.

„Durchdrehen“ war das Thema des KLUB DIALOG #20. Für Peter Hahl hat dieses Gefühl viel mit der Angst zu tun, es nicht allen recht machen zu können. „Durchdrehen“ kann aus seiner Sicht aber auch positive Aspekte haben – nämlich immer dann, wenn die Arbeit gut läuft und man gerade so schön im Fluss ist.

Was passiert da eigentlich, wenn ich bei der Arbeit sitze und denke: „Ich könnte jetzt durchdrehen“?

Wenn ich sage „Ich drehe durch“, dann mache ich das nach innen, weil ich wahrscheinlich gelernt habe, meine Gefühle zu unterdrücken. Da kommt das Gefühl hoch, dass ich nicht wertig bin. Ganz viele Menschen haben schon als Kinder gelernt, dass die Anderen wichtiger sind als sie selber. Heute sind das mein Chef, der Kollege oder der Kunde.

Peter Hahl, Foto: Jannis Dirksen

Peter Hahl, Foto: Jannis Dirksen

Wie kommt jemand, der ganz viel auf seinem Schreibtisch liegen hat, gegen das Gefühl der Überforderung an?

Es kommt dabei auf die Sichtweise an. Warum hat jemand zu viel auf dem Schreibtisch? Da liegen beispielsweise 20 Vorgänge. Grund hierfür kann sein, dass jemand zeigen will „Ich bin so wichtig“. Der legt dann noch 20 Vorgänge dazu. Ein anderer Grund kann sein, dass der Betroffene nicht nein sagen mag, weil er gelernt hat, niemanden zu enttäuschen. Dieser Mensch hat ein Problem.

Man muss also lernen, die Dinge grundsätzlich zu ändern?

Genau. Viele Menschen denken: Ich muss funktionieren. Das erscheint ihnen wichtiger als die eigene Gesundheit. Ein Auto wird gehegt und gepflegt. Aber im Umgang mit unserem Körper haben wir ein ganz anderes Bewusstsein. Wenn z.B. beruflich ein Projekt ansteht, kann ich ja mal vier Wochen jeden Tag zwölf bis vierzehn Stunden arbeiten, wenn ich weiß, dass ich danach wieder runterfahren kann. Aber viele Menschen gehen permanent über ihre Grenzen. Sie glauben, sie haben keine eigene Gestaltungsmöglichkeit. ES passiert.

Wenn ich durchdrehe ist es also schon zu spät?

Zu spät ist es nie. Ein Burn-Out hat für mich immer etwas damit zu tun, dass jemand die Erwartungen und Ziele der Anderen meint, erfüllen zu müssen. Viele haben bewusst oder unbewusst die Forderung ihrer Eltern übernommen:  Du sollst es mal besser haben als wir, zum Beispiel in finanzieller Hinsicht. Du musst etwas erreichen. Dieser permanente Anspruch lässt die Leute irgendwann durchdrehen, weil sie ihn nicht erfüllen können. Das hat viel mit Perfektionismus zu tun.

Sind Kreative besonders gefährdet, weil sie oft mit viel Herzblut bei der Sache sind?

Das reicht von… bis… Wer ist denn kreativ geworden? Warum sucht er sich so ein Feld? Vielleicht habe ich einen hohen Anspruch an mich selber. Die Erwartung ist hoch, weil ich der Kreative bin und etwas leisten muss.  Andere haben genau für sich herausgefunden, was ihr Ding ist, ihre wirkliche Motivation. Da ist es dann kein Stress, viel zu arbeiten. Sie können es genießen.

Wichtig ist: Wo setze ich die Grenze und was verlange ich von mir. Ich muss mir ein realistisches Ziel setzen – bis dahin und nicht weiter. So eine Selbstaufgabe sollte ja nicht zur Selbstaufgabe werden.

Und einige meinen, sie müssten noch höhere Ansprüche erfüllen?

Genau, weil sie sich vielleicht auch nicht trauen, den Kunden genau zu fragen. Es geht ja um ihre Existenz. Gewinne ich den Kunden oder nicht? Der potentielle Kunde erwartet ja etwas von mir. Dem muss ich drei oder vielleicht noch mehr schlüssige Konzepte vorlegen; es soll schön bunt sein und die Leute ansprechen, aber ihm gefällt vielleicht keins. Oft hat man ein langes Gespräch geführt, und es ist trotzdem nicht deutlich geworden, was der Kunde wirklich will.

Jetzt gibt es diesen Kunden, der drei verschiedene Konzepte von mir erwartet, und ich komme an meine Grenzen. Was kann ich in dieser Situation tun?

Ich sollte mir erlauben, innerlich Abstand zu nehmen und die Gesamtsituation aus einer anderen Perspektive zu betrachten und zu reflektieren. Vielleicht habe ich die grundsätzliche Angst, dass der Kunde mich nicht für kompetent erachtet. Eine große Angst in unserer Kultur ist es, nicht gemocht zu werden. Aber das ist mein Thema – nicht das des Kunden.

Ich könnte dem Kunden auch sagen: Ich glaube, ich habe Sie nicht richtig verstanden. Können wir uns nochmal zusammensetzen?  Damit zeige ich Persönlichkeit.  Oder ich gehe mit einer zweiten Person oder als Team dort hin. Die Kreativität steckt dann darin, die Leute herauszufordern. Woran werden Sie, Herr Kunde, erkennen, dass das Ding erfolgreich ist? Wie fühlt sich das an? Dann ist ER kreativ.  Und ich kann mit meiner Kreativität den Auftrag weiterführen.

Hatten Sie selber Situationen, die Sie überfordert haben?

Doch das kommt schon vor. Ich habe zum Beispiel über 20 Jahre als Coach und Trainer für ein internationales Unternehmen gearbeitet. Irgendwann kam die Frage: Machst du Trainings in englischer Sprache? Es war mir klar, wenn ich das verneine, bin ich vielleicht als Trainer raus. Damit verbunden war der Gedanke an die Existenz, denn ich habe viele Aufträge von diesem Unternehmen erhalten.

Daher habe ich etwa drei Jahre Trainings in englischer Sprache durchgeführt, allerdings mit einem hohen Stresspegel. Grund hierfür ist, dass ich trotz intensiver Fortbildung in meinen Augen kein ausreichendes sprachliches Niveau erreicht habe, um meinen Ansprüchen als Trainer zu genügen.

Nachdem ich Anfragen abgelehnt habe,  ist natürlich das eingetroffen, was ich geahnt habe. Ich bin nicht mehr engagiert worden. Dennoch war meine Existenz im Ergebnis nicht gefährdet, da ich Aufträge von anderen Unternehmen akquirieren konnte.

Dann habe ich Ideen und merke vielleicht gar nicht, dass es drei Uhr morgens ist.

Kann das Durchdrehen auch positive Seiten haben?

Ja, wenn ich das Gefühl habe, dass alles läuft. Dann habe ich Ideen und merke vielleicht gar nicht, dass es drei Uhr morgens ist. Wir haben doch alle schon mal erlebt, dass wir von morgens bis abends arbeiten und die Zeit dabei vergessen.

Ob beim Sport oder bei der Arbeit, viele Menschen haben ein hohes Interesse daran, alles zu kontrollieren. Doch Spitzenleistungen entstehen auf der unbewussten Ebene, wenn alles wie von selbst läuft. Man kennt ja den Begriff des „Flow“, bei dem man gar nicht mehr drüber nachdenkt, was man genau macht.

Peter Hahl, Foto: Jannis Dirksen

Peter Hahl, Foto: Jannis Dirksen

Ich muss lernen, die Dinge laufen zu lassen. Ich muss mir erlauben, ich selber zu sein, meinem Gefühl, meiner Intuition zu vertrauen – und nicht getrieben zu werden durch das, was andere vorleben oder erwarten. Nach dem Motto: Was kümmern mich denn die Anderen oder irgendwelche Zeiten! Klar bin ich an äußere Bedingungen gebunden, wenn zum Beispiel ein Pitch oder ein Abgabetermin anstehen. Wichtig ist dennoch, in welchem Zustand ich arbeite.

Wie erreicht man diesen Zustand?

Wichtig ist das Bewusstsein und der Glaube eigene Gestaltungsmöglichkeiten entwickeln zu können.  Als Metapher können wir uns folgendes vorstellen: Unser Mittelhirn (u.a. Limbische System), in dem unsere Gefühle sitzen, ist so groß wie ein Ozean. Unsere Großhirnrinde, die für das Kognitive zuständig ist, ist so groß wie ein Boot, das auf dem Ozean schwimmt. Bei uns im Land der Dichter und Denker wird immer das Denken (das Boot) in den Vordergrund gestellt. Doch im Unbewussten liegt das Machtvolle.

Ich würde vorschlagen: Geh doch eine Liebesbeziehung mit deinem Unbewussten ein! Mach ihm ein gutes Angebot. Und schau, ob das angenommen wird. Viele Menschen müssen zunächst lernen, sich zu spüren und sich erlauben, den eigenen Gefühlen zu vertrauen.

Was kann der Kreative außerdem noch tun?

Er sollte gesamtkörperliche Aktivitäten mit einbeziehen. Zum Beispiel Sport, Autogenes Training, Yoga, Selbsthypnose etc . Der kreative Mensch sollte immer die Fokussierung der Aufmerksamkeit für sich selber, interaktionell im Gespräch mit dem Kunden so gestalten, dass alle Beteiligten die Gestaltungsfähigkeit mit Kraft, mit Flow erleben, sozusagen spüren können. Wenn man so arbeitet, dann macht es Spaß. Wir müssen Gestaltungsfähigkeit ins Blickfeld rücken, Ziele formulieren, die einen nicht stressen, nicht unter perfektionistischen Druck setzen und nicht dazu führen, dass wir uns als Versager erleben.

Foto: Jannis Dirksen

Foto: Jannis Dirksen

Alles Erleben ist Ergebnis und Ausdruck von Fokussierung. Ich frage deshalb immer: Auf welche Erlebnisprozesse oder Ressourcen sollten wir gemeinsam den Fokus legen, so dass ein gewünschtes Erleben zieldienlich aktiviert wird? Man sollte also nicht fragen, womit wollen Sie aufhören – dem Rauchen zum Beispiel – sondern womit wollen Sie anfangen? Das ist ein ganz anderer Suchprozess. Kreativität, wenn Sie so wollen.

Die C Gruppe – Consulting, Communication, Coaching

Jeden Monat befasst sich der KLUB DIALOG mit einem Thema, das Kreative bei ihrer Arbeit beschäftigt oder ganz neue Wege von Kreativität im Wirtschaftsleben zeigt. Was bei unseren KLUB DIALOG-Abenden auf die Bühne kommt, wird in unserem Maganzin nochmal genauer beleuchtet. Im März ging es um „durchdrehen“. Am 27. April heißt das Motto“besser machen“.

Annekathrin Gut

findet, dass sich gute Ideen oft da verstecken, wo man sie am wenigsten vermutet. Sie begibt sich liebend gern auf Entdeckungstour und hält das Gefundene – Menschen, Orte, Ideen und Projekte – in Text und Bild fest. Die Freude am Schreiben hat die Public Relations-Expertin für Wirtschafts- und Kulturthemen eher später, dafür aber umso nachhaltiger, für sich entdeckt. Netzwerken mag sie auch – seit 2011 im KLUB DIALOG-Vorstand.

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