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Besser machen

Wie soziale Ideen marktreif werden

Wer wünscht sich das nicht: jeden Tag einer Arbeit nachgehen, durch die die Welt ein kleines Stückchen besser wird. „Social Entrepreneurs“ haben diese Idee zu ihrem Geschäft gemacht. Weil sie Sinn im Tun finden möchten. Weil sie ein gesellschaftliches oder ökologisches Anliegen umsetzen möchten. Oder weil sie eine bessere Idee für die Arbeitswelt haben.

Aber wie wird die soziale Idee marktreif? Wie kann die Vorstellung von einem besseren Umfeld so weit tragen, dass Angestellte bezahlt und der eigene Lebensunterhalt bestritten werden können? Einige Bessermacher haben Auskunft gegeben über ihr Tun. Was also machen soziale Unternehmen anders als andere Unternehmen?

morethanshelters - Flüchtlingslager Zaatari

  • Jochen Bader arbeitet bei morethanshelters. Das Hamburger Unternehmen entwickelt innovative Lösungen für die humanitäre Hilfe. Sein Anliegen ist es, die Lebensbedingungen für Menschen in Notsituationen – in Flüchtlingslagern, Slums oder Katastrophengebieten – zu verbessern und zwar so, dass die Menschen dort ihr Umfeld selber mitgestalten können. Gründer Daniel Kerber hat zusammen mit dem Team von morethanshelters ein flexibles Zeltsystem entwickelt, das den klimatischen Bedingungen in unterschiedlichen Regionen sowie jeweils anderen Familien- und Sozialgruppengrößen angepasst werden kann.

Fakt 1: Soziale Unternehmen verkaufen Ideen

Im humanitären Sektor  als Unternehmen aufzutreten ist nicht einfach. Morethanshelters Gründer Daniel Kerber hat viele Jahre Erfahrungen in Krisengebieten gesammelt und dennoch hat es einige Zeit gedauert, um Kontakte aufzubauen und in Lieferlisten aufgenommen zu werden. „Aber weil wir als Sozialunternehmen agieren, ist es uns gelungen, die Brücke herzustellen“, sagt  Jochen Bader, Projektentwickler bei morethanshelters. „Wir verkaufen eben nicht nur Zelte, sondern eine Idee.“

Das von morethanshelters entwickelte Produkt ist ein stabiles, schnell zu errichtendes Zeltsystem in modularer Bauweise, das verschiedene Größen zulässt, sich für unterschiedliche Klimazonen eignet und sehr langlebig ist. Entscheidend ist, dass die späteren Bewohner ihre Unterkunft mitgestalten können. „Wir haben vor Ort gesehen, dass die Menschen schon heute beginnen, sich Lager anzueignen, etwa indem sie Zelte und Container zusammenbauen“, erzählt Bader. Das „Domo“ ist also alles andere als ein Standardzelt, es ist eine Antwort auf menschliche Bedürfnisse.

Jochen Bader arbeitet daran, morethanshelters auf eine solide finanzielle Basis zu stellen. Über zwei Jahre hinweg hat der studierte Politiologe und Volkswirt – zunächst ehrenamtlich – das Finanzierungskonzept aufgebaut. Nach einer erfolgreichen Crowdfunding-Aktion verlässt morethanshelters nun den Bereich der klassischen Start-up-Finanzierung.

Jetzt werden Investoren gesucht, die den sozialen Gedanken und die nachhaltige Wirkung von morethanshelters mittragen: „Wir haben ein Produkt, das neben dem direkten Nutzen auch eine Geschichte mitliefert und konkrete Umsätze generiert“, sagt Bader. Ein Partner ist die Initiative „Viva Con Agua“, mit der morethanshelters auf Festivals präsent ist. Dort kann das Zeltsystem nicht nur bekannt gemacht, sondern auch für den Ernstfall getestet werden. „Auf Festivals entsteht viel Müll, viele Zelte werden am Ende zurückgelassen. Wir bieten mit unseren voraufgebauten Zelten eine nachhaltige Infrastruktur für die Versorgung.“

Noch subventioniert das kommerzielle Standbein von morethanshelters die Entwicklung des Pilotprojektes, das in einem jordanischen Lager für syrische Flüchtlinge zum Einsatz kommen soll. Realistisch ist ein Markteintritt in anderthalb Jahren. „Im Idealfall soll sich das Humanitäre natürlich eines Tages selber tragen“, hofft Bader.

Premium Cola

  • Uwe Lübbemann hat das Rezept für Premium Cola zwar nicht erfunden, aber vertreibt seit zwölf Jahren die Limonade mit dem originalen Afri-Cola-Geschmack mit einem extrem fairen, ökologischen und konsensdemokratischen Geschäftsmodell. Was zunächst ohne Druck und eher aus Leidenschaft für das Produkt entstand, davon kann Lübbermann seit einigen Jahren leben. Das Hamburger Vertriebsmodell ist erfolgreich – trotz des bewusst überschaubaren, handverlesenen Abnehmerkreises. So erfolgreich, dass es jetzt auch Bier, Mate, Limo und Kaffee von Premium gibt.

Fakt 2: Ein sozialer Unternehmer ist ein – UNTERNEHMER!

Eigentlich sei er ein stockkonservativer Unternehmer, meint Uwe Lübbermann. „Ich will bewahren und erhalten – nur eben mit einem neumodischen Konzept.“ Und das, was er als „Wirtschaft hacken“ bezeichnet, sieht so aus: Die Getränkemarke Premium – die übrigens ohne ein festes Büro und ohne Verträge auskommt – wird nach dem Prinzip der Konsensdemokratie per Internet von einem Kollektiv gesteuert. Via E-Mail werden alle unternehmerischen Entscheidungen diskutiert, die Finanzen offen gelegt oder über Investitionen abgestimmt.

Teil des Kollektivs kann jeder Premium-Interessierte werden: Getränkehändler, Spediteure, Abfüller, Barkeeper oder Konsumenten, sofern sie ein Mitglied des Kollektivs mal persönlich getroffen haben. Mittlerweile sind es über 1.650 gewerbliche Partner – aber auch ein paar zehntausend Endkunden, die jedes Detail mitbestimmen können. Wenn auch nur einer gegen eine Entscheidung votiert, ist der Vorschlag abgelehnt. Durch das Open-Source-Prinzip und sparsames Wirtschaften – zum Beispiel konsequenten Verzicht auf Werbung – konnte Premium in den letzten Jahren vier Mal die Preise senken. Es waren einfach schon alle Kosten gedeckt.

Uwe Lübbermann hat mit dem Premium-Modell nicht weniger als einen Gesellschaftsumbau im Sinn: „Ich möchte, dass Gewinne und Ressourcenverschwendung peinlich werden. Wirtschaft muss enkeltauglich werden.“ Dabei versteht sich Lübbermann keineswegs als Kapitalismuskritiker, dieses System lasse doch viel Freiraum. Der Premium-Erfinder betont: „Ich will, dass sich die Idee verbreitet und es mehr faire Unternehmen auf dieser Welt gibt.“

Ganz ohne Steuerung geht es aber auch bei Premium nicht. Fünf Personen können Uwe Lübbermann vertreten und es gibt einen Notfallplan, falls der Einspruch eines Kollektivisten die Produktion lähmen sollte. Das war in zwölf Jahren nur zwei Mal notwendig. Grundsätzlich macht jeder das, was er am besten kann. Lübbermann, auf den die Marke Premium-Cola eingetragen ist, ist zentraler Koordinator. Seine Kernkompetenz: „Das Gesamtkonzept überblicken“.

„Man muss einfach das System als nicht gegeben ansehen“, ist Lübbermann überzeugt. Fern von betriebswirtschaftlichen Lehrbüchern verfolgt das Premium-Kollektiv eine Schritt für Schritt-Strategie, bei der ohne Kompetenzhierarchie die jeweils notwendigen Lösungen entwickelt werden. Gewinn ist nicht wichtig, dafür aber langsames Wachstum und Glaubwürdigkeit: „Wichtig ist Kontinuität. Die Leute müssen wissen, wofür du stehst“, sagt Lübbermann.

ecolo organisiert die Gründung des bundesweit ersten Jugendklimarats

  • Andreas Lieberum ist einer der Gründer der Bremer Agentur ecolo, die seit 20 Jahren ausschließlich in der sozial-ökologischen Beratung, Kampagnenentwicklung und Projektsteuerung tätig ist. Das Team arbeitet für Auftraggeber mit Zielgruppen von Kindertagesstätten (ener:kita) über Jugendliche (Jugendklimarat Bremerhaven) bis hin zu Unternehmensnetzwerken (Bremer Umweltpartnerschaft) zusammen. ecolo entwickelt Konzepte sowie Informations- und Handlungsangebote, die es diesen Zielgruppen ermöglichen, ihre eigenen Spielräume für einen verantwortungsvollen Umgang mit den Ressourcen zu erkennen und gleichzeitig Optionen bieten, ihr Handeln zu verändern.

Fakt 3: Soziale Unternehmen leben das, was sie verkaufen

Authentizität ist für Andreas Lieberum das, was soziales Unternehmertum besonders auszeichnet. „Wichtig erscheint mir, auch inhaltlich die Botschaften zu durchdringen, die der Kunde vermitteln möchte“, sagt der ecolo-Geschäftsführer. „Zu wissen, wovon das Gegenüber sprechen möchte.“ Dazu gehört nicht nur, genau hinzuhören, was der Kunde möchte, sondern auch die Bausteine unter den gegebenen Rahmenbedingungen – Zeit, Geld und Ressourcen – optimal zusammenzustellen.

Entscheidend ist für Lieberum, den eigenen Anspruch auch auf die internen Strukturen zu übertragen: „Besser machen heißt für uns, die Dinge auch selbst im Unternehmen zu leben, die wir in den vielen Kampagnen und Projekten bei unseren Kunden initiieren und begleiten.“ Soziale Unternehmen schaffen die Voraussetzungen dafür, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter  gemeinsam Lösungen entwickeln, die für das Gesamtunternehmen verträglich sind. Auch in schwierigen Zeiten.

Die Unzufriedenheit mit Arbeitsstrukturen, die wenig Gestaltungsraum zuließen, waren ein Grund für den Weg in die Selbstständigkeit. „Diese Einengung auf das ökonomisch Verwertbare hat uns motiviert, es doch einfach mal selbst zu probieren“, sagt Lieberum. „Hinzu kam, dass Anfang der 90er Jahre zunehmend das Thema Umwelt und Wirtschaft diskutiert wurde und wir dies als eine zwar große, aber interessante Herausforderung begriffen haben.“

Der Grundgedanke von ecolo ist: Umweltverträgliches Verhalten kann gelernt werden, und zwar mit interaktiven Instrumenten für die unterschiedlichsten Zielgruppen. „Es gibt mittlerweile eine Vielzahl ganz unterschiedlicher Akteure aus der Wirtschaft und Öffentlichen Hand, denen diese Themen am Herzen liegen“, erklärt der ecolo-Chef. „Das sind unsere Kunden, mit denen wir uns dann gemeinsam auf den Weg machen im Kleinen und manchmal auch im Großen Facetten der Nachhaltigkeit umzusetzen.“

Inhaltlich bleibt sich ecolo immer treu. Sollte eine Anfrage nicht zur Firmenphilosophie passen, wird sie auch schon mal abgelehnt. „Der Kunde möchte spüren, dass der Auftragnehmer exklusiv für ihn und seine Sache brennt. Und er merkt sehr schnell, ob hinter einer äußeren Begeisterung auch eine innere Leidenschaft steckt“, erklärt Lieberum seine Motivation und die seines Teams. „Hinzu kommt, dass Leidenschaft und Idealismus Grundvoraussetzungen dafür sind, sich immer wieder selbst zu motivieren, mit neuen Dingen zu beschäftigen und zu lernen oder auch mal Durststrecken zu überwinden.“

  • Jens Pfeiffer ist Gründer von Tagwerk, einer Bremer Agentur für Personalmarketing. Sie erarbeitet Kommunikationskonzepte und -maßnahmen für Kunden aus Bremen und die gesamte Metropolregion Nordwest. Der Betrieb ist seit einigen Jahren auf Stellenanzeigen für Online und Print spezialisiert und hat neben dem Agenturchef und Inhaber vier Mitarbeiter. Alle Beschäftigten arbeiten seit vielen Jahren in Teilzeit mit einer durchschnittlichen Arbeitszeit von 25 Stunden. Das wesentliche Ziel ist dabei, allen Mitarbeitenden eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu ermöglichen. Auch dem Chef.

Fakt 4: Soziale Unternehmen stellen den Mensch in den Mittelpunkt

Unternehmen, die etwas besser machen wollen, empfiehlt Jens Pfeiffer einen Perspektivwechsel: „Unternehmen sollten den Mitarbeiter in erster Linie als Menschen sehen, nicht als Produktivfaktor.“ Der Inhaber der Agentur Tagwerk findet, Firmen tun gut daran, besonders das Potenzial von Frauen und Menschen mit Migrationshintergrund stärker zu nutzen. Gerade junge Mütter würden ihre Zeit oft viel fokussierter einteilen.

Mit dieser Einstellung könnten sich gerade mittelständische Unternehmen neue, qualifizierte Mitarbeiterkreise erschließen. Auch ganz neue Geschäftsfelder seien möglich, wenn man die unterschiedlichen Talente und Motivationen seiner Beschäftigten genau kennt und berücksichtigt.

Tagwerk hat diesen Gedanken zum Prinzip gemacht. Das Ziel der Agentur ist, qualitativ hochwertige Dienstleistung mit den Bedürfnissen der daran beteiligten Angestellten in Einklang zu bringen. Um das zu erreichen, arbeiten alle in der Agentur in flexiblen Teilzeitmodellen. „Für mich bedeutet das einfach mehr Lebensqualität“, sagt Pfeiffer, mehr Zeit für die Familie, für Sport, die Pflege von Freundschaften oder die eigene Erholung.

Das Modell erfordert von den Mitarbeitern ein hohes Maß an Organisationstalent, Eigenverantwortlichkeit und Loslassen können. Jeder kann bei Bedarf Aufgaben anderer Kolleginnen und Kollegen übernehmen. „Wenn man ein Team zusammenstellt, das sich gegenseitig vertreten kann, wird es viel stabiler und die Mitarbeiterbindung wird stärker“, erklärt Jens Pfeiffer.

Das Ergebnis ist eine höhere Zufriedenheit aller Beschäftigten. „Wir haben hier phänomenal wenig Krankheitstage“, sagt der Inhaber. Es gibt kaum Personalfluktuation, dafür eine hohe Motivation und Einsatzbereitschaft,  „was zum Beispiel die Ausgaben für eine Personalausstattung etwas über Bedarf ausgleicht.“ Eine ‚win-win’-Lösung für den Betrieb und die Beschäftigten also.

Für Kunden ist es zunächst gewöhnungsbedürftig, nicht immer den gleichen Ansprechpartner zu haben, sagt Pfeiffer. „Wir haben viel Aufklärungsarbeit geleistet. Aber das macht uns sympathisch.“ Da  das Konzept nur funktioniert, wenn der Projektumfang für alle überschaubar bleibt, „pflegen wir unseren kleinen aber feinen Kundenstamm, und mussten auch schon mal Anfragen zurückweisen, denn die Arbeit, die wir machen, wollen wir auch gut machen.“

Das Unternehmen ist nicht auf den maximalen Gewinn ausgerichtet. Mit einer großzügigen Stellenplanung wie bei Tagwerk, die eine qualitative Arbeit ohne permanenten Zeitdruck ermöglicht, kann man, so Pfeiffer, „keinen goldenen Porsche verdienen, aber wer braucht den schon?“

 

Jeden Monat befasst sich der KLUB DIALOG mit einem Thema, das Kreative bei ihrer Arbeit beschäftigt oder ganz neue Wege von Kreativität im Wirtschaftsleben zeigt. Was bei unseren KLUB DIALOG-Abenden auf die Bühne kommt, wird in unserem Maganzin nochmal genauer beleuchtet. Im April ging es um „besser machen“. Das nächste Thema in dieser Rubrik ist „aufbrechen“ – das Motto unseres Mai-KLUBs.

Annekathrin Gut

findet, dass sich gute Ideen oft da verstecken, wo man sie am wenigsten vermutet. Sie begibt sich liebend gern auf Entdeckungstour und hält das Gefundene – Menschen, Orte, Ideen und Projekte – in Text und Bild fest. Die Freude am Schreiben hat die Public Relations-Expertin für Wirtschafts- und Kulturthemen eher später, dafür aber umso nachhaltiger, für sich entdeckt. Netzwerken mag sie auch – seit 2011 im KLUB DIALOG-Vorstand.

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