kultivieren

Unternehmen mit Verantwortung

Wirtschaft ist für Menschen da. Warum? Das erklärt Achim Hensen von der Purpose-Stiftung

Auch junge Kreativ- oder Digitalunternehmen sollten sich mit alternativen Managementansätzen befassen. Denn wenn ein Start-up wächst, steigt die Komplexität. Es braucht moderne Strukturen, die das Unternehmen nicht erstarren lassen. Achim Hensen, Mitgründer der Purpose-Stiftung, empfiehlt, das Wachstum von Anfang an mitzudenken – in Sachen Eigentümerstruktur, Finanzierung und Zusammenarbeit. Und er plädiert dafür, sich die Funktion von Unternehmen vor Augen zu halten: Die Wirtschaft ist für Mensch und Gesellschaft da – und nicht umgekehrt.

Wann kommt ein Kreativ- oder Digitalunternehmen an den Punkt, an dem es sich Gedanken um die Organisationsstruktur machen muss?

Achim Hensen: Ich weiß nicht, ob es ein „Muss“ gibt – aber es empfiehlt sich, bereits bei der Gründung bewusst über Zusammenarbeit und Organisation nachzudenken. Schon die Gestaltung des Eigentums spielt bei dieser Frage eine zentrale Rolle.

In der Wirtschaft hört man häufig: Wir müssen so funktionieren wie Start-ups. Sie meinen damit: schnell reagieren, gemischte Teams haben, kreativ sein. Eben diese Fähigkeiten gehen im Wachstum häufig verloren.  Ab einer Mitarbeiteranzahl von zehn bis zwölf Leuten erfordert die Zusammenarbeit etwas mehr Organisation. Die Herausforderung besteht darin, sich dem zu stellen und genau die gewünschten Fähigkeiten der Organisation herzustellen. Klassische Organisationsmodelle erfüllen die eben genannten Qualitäten nur bedingt.

Ausgehend von der Eigentumsfrage bieten wir Start-ups unterschiedliche Inspirationen, wie es anders gehen könnte. Wir machen uns gemeinsam auf die Reise, um ein wirklich passendes System für die jeweiligen Unternehmen und Märkte zu finden. Sich möglichst früh damit auseinander zu setzen, kann einen großen Vorteil bringen.

Mit der Purpose-Stiftung möchtet ihr kleinen und mittleren Unternehmen unter anderem beim Aufbau von zeitgemäßen Organisationsstrukturen helfen.  Wie ist diese Stiftung entstanden?

Sehr unterschiedliche Menschen aus verschiedensten Feldern – Unternehmer, Gründer, Philosophen, Psychologen, Berater – haben sich zusammengetan, weil sie etwas verändern wollen: Dass Wirtschaft wieder ihrem eigentlichen Sinn nachkommt, nämlich den Bedürfnissen der Menschen zu dienen und für die Gesellschaft da zu sein.

Einige haben sich sehr stark mit der Eigentumsfrage auseinandergesetzt. Andere, so wie ich, haben sich mit dem Thema Zusammenarbeit beschäftigt. Ein paar Leute kannten sich gut mit Finanzierung aus. Alle diese Bereiche haben Einfluss aufeinander. Vor diesem Hintergrund haben wir vor anderthalb Jahren Purpose gegründet: Der Kern von Purpose ist ein neues Eigentumsverständnis. Purpose Eigentum ermöglicht eine neue Art von Unternehmen, die sich selbst gehören und frei und dynamisch wirtschaften können, die aber keiner staatlichen Regulierung bedürfen, da der Sinn und nicht die private Profitmaximierung im Zentrum steht. Diese Unternehmen brauchen passende Finanzierungsmöglichkeiten, die wir über Purpose ebenfalls ermöglichen. Außerdem ist die Suche nach alternativen Lösungen für Organisation und Zusammenarbeit häufig ein Thema, das mit einem neuen Eigentumsverständnis einhergeht.

  • Der gebürtige Bremer Achim Hensen hat Wirtschaftspsychologie sowie Management & Entrepreneurship studiert. „Mein Thema ist anders arbeiten, anders wirtschaften, anders miteinander umgehen“, sagt Hensen. Vor einem Jahr hat der 32-Jährige zusammen mit Menschen aus unterschiedlichen Bereichen die Purpose-Stiftung ins Leben gerufen. Nach dem Motto „Wirtschaft kann mehr“ bietet sie mittelständischen Unternehmen und Start-Ups eine neue Eigentumslösung und unterstützt diese Unternehmen, wenn nötig, mit passgenauen und zeitgemäßen Lösungen in Fragen von Finanzierung und Zusammenarbeit. www.purpose.ag

Stichwort Zusammenarbeit: Warum sind Kooperation und Eigenverantwortung in Unternehmen so wichtig?

In vielen Unternehmen gibt es heute eine strukturelle Verantwortungslosigkeit. Es steckt quasi im System, und es ist zu einfach, die Verantwortung für sein Handeln wegzuschieben: „Der Chef hat es gesagt“, „Der Share Holder will das so“, etc. In diesem Konstrukt handeln ganze Organisationen verantwortungslos. Ich glaube, Entscheidung, Ausführung und Konsequenz möglichst nah beieinander geschehen zu lassen, erzeugt Verantwortung. Wir sollten versuchen, das Potenzial zu nutzen, das entsteht, wenn Mitarbeiter wirklich Verantwortung übernehmen. Selbstbestimmte Menschen, die diese Verantwortung nicht an der Bürotür abgeben müssen. Das erzeugt Arbeit auf Augenhöhe und verantwortlich agierende Unternehmen.

Kreativrendezvous

Kreativrendezvous

Worauf sollten Kreativunternehmen achten?

Ein Unternehmen, das sehr auf Kreativität angewiesen ist, muss sich überlegen, in welchen Umfeldern Kreativität so richtig gedeihen kann. Aber wie können solche Umfelder und passende Formen der Zusammenarbeit eigentlich aussehen? Viele Start-ups wählen ja eine bestimmte Eigentums- und Organisationsform, weil sie gar nichts anderes kennen oder für möglich halten. Wenn Unternehmen wachsen, werden häufig Abteilungen, Prozesse oder Hierarchien eingeführt ohne zu hinterfragen, ob das der passende Weg ist. Mir geht es um die bewusste Reflexion. Aber dafür brauchen die Unternehmen das Wissen um Alternativen.

Was passiert, wenn Hierarchien zum Beispiel im Rahmen eines Veränderungsprozesses wegfallen?

Wir haben oft eine Vorstellung von Hierarchien, die auch etwas mit Ego zu tun hat. In der Hierarchie hochzuwachsen ist für Viele ja die Bestätigung dafür, dass man etwas gut macht. Davon versprechen sich Viele ganz viel Glück. Es erzeugt Angst und Unsicherheit, wenn es das plötzlich nicht mehr gibt. Man muss erst lernen, dass es auch für Bedürfnisse wie Wertschätzung und Weiterentwicklung einen Ersatz gibt. Es erfordert viel Mut, sich auf diesen Weg zu machen.

Haben Kreativ- oder Digitalunternehmen Vorteile gegenüber „klassischen“ Unternehmen?

Sie haben vielleicht einen kleinen Vorteil, weil das digitale und agile Arbeiten in diesen Bereichen verbreiteter und der Druck zur Anpassung an neue Entwicklungen höher ist. Genauso haben aber auch andere, etwa der Gesundheits- oder Sozialbereich, einen Vorteil, weil bestimmte Methoden und Ansätze im Umgang miteinander vielleicht „normaler“ sind. Dort gehört der Umgang mit Gefühlen und dem Menschen noch eher zur Normalität als im klassischen Management.

Achim Hensen erläutert beim "kreativrendezvous" die Ideen der Purpose-Stiftung.

Achim Hensen erläutert beim „kreativrendezvous“ die Ideen der Purpose-Stiftung.

Erfordert das nicht erhebliche kommunikative Fähigkeiten von allen Mitarbeitern?

Ich würde sogar noch weiter gehen: Es fordert ganz viele neue Fähigkeiten und Arbeit mit sich selbst. Ich glaube aber, dass wir Menschen die Fähigkeit zur Zusammenarbeit oder zur Selbstverantwortung alle schon in uns tragen. Aber die heutige Sozialisierung in Kindergärten, Schulen und Universitäten bereitet uns nicht gerade gut darauf vor, diese später in der Arbeitswelt einzusetzen. Die Herausforderung liegt in dem Mut zu hinterfragen, ob die Art und Weise, die uns hier schon früh mit auf den Weg gegeben wird, wirklich zu der Art und Weise passt, wie wir arbeiten möchten. Aber der Mut lohnt sich: Zu beobachten, wie effektiv und gleichzeitig menschlich Organisationen arbeiten können, wenn man sich traut, bestimmte Grundannahmen zu hinterfragen, ist beeindruckend und magisch zugleich.

Wie werden sich Unternehmen in Zukunft verändern?

Ganz wichtig ist, das heute vorherrschende Bild von Unternehmen und Organisationen zu erweitern. Wir denken Unternehmen oft als eine Art Maschine, die man baut und dann programmieren muss. Ein passenderes und zukunftsgerichteteres Bild ist, Unternehmen als einen Organismus zu sehen, der in sich selbst fähig ist, sich anzupassen, zu verändern und der eine Seele hat. Für eine tote Maschine, die man immer neu programmieren muss, ist die Welt zu schnell geworden. Und ich glaube, viele Menschen wollen keine Zahnräder sein.

Es geht also auch um ein gesellschaftliches Umdenken?

Das ist einer der Hauptgründe, warum wir Purpose gegründet haben. Es wird gerade sehr viel Ungerechtigkeit und Ungleichheit wahrgenommen. Der Profit, den wir generieren, landet bei ein ganz paar Wenigen und wird nicht ausreichend reinvestiert. Das ist weder für die Wirtschaft noch für die Gesellschaft gut. Wir brauchen dringend eine gesellschaftliche Veränderung und eine ganzheitlichere Betrachtung von Wirtschaft. Das funktioniert nur zusammen mit den Organisationen, die Wirtschaft ausmachen. Wir möchten Unternehmen unterstützen, die sich auf diesen Weg machen möchten, und konkrete Lösungen anbieten. Wirtschaft ist einer der größten gesellschaftlichen Treiber – und sie ist für die Gesellschaft da, und nicht andersherum.

Beim kreativrendezvous von Handelskammer Bremen, Wirtschaftsförderung Bremen und KLUB DIALOG im November 2016  stellte Achim Hensen die Ideen der Purpose-Stiftung vor. Diesen Beitrag haben wir erneut ins KLUB MAGAZIN aufgenommen, weil er unser Thema „kultivieren“ um wichtige Aspekte ergänzt.

» Interview weiterlesen (bei Handelskammer Bremen)

Annekathrin Gut

findet, dass sich gute Ideen oft da verstecken, wo man sie am wenigsten vermutet. Sie begibt sich liebend gern auf Entdeckungstour und hält das Gefundene – Menschen, Orte, Ideen und Projekte – in Text und Bild fest. Die Freude am Schreiben hat die Public Relations-Expertin für Wirtschafts- und Kulturthemen eher später, dafür aber umso nachhaltiger, für sich entdeckt. Netzwerken mag sie auch – seit 2011 im KLUB DIALOG-Vorstand.

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