2012

7 Thesen zum Stadttheater – in 7 Minuten für den KLUB DIALOG

7 Thesen in 7 Minuten beim KLUB DIALOG #5

Bei unserem letzten KLUB DIALOG Abend, am Donnerstag, den 14. Juni 2012, hat Michael Börgerding, der zum Beginn der Spielzeit 2012 die Intendanz am Theater Bremen übernimmt, seine 7 Thesen zum Stadttheater in unserem beliebten 7-Minuten-Format einem breiten Publikum vorgestellt.
Hier noch mal für alle zum Nachlesen:


1) Stadttheater
Städte sehen heute anders aus als vor 10, 20, 50 oder 100 Jahren. Das hat zu tun mit Geld-, Waren- und Menschenströmen, auch mit politischer Gestaltung und wundert eigentlich niemanden.
Wenn man etwas älter ist, staunt man vielleicht über das Tempo der Veränderung. Für viele ist die Großstadt eine lustvolle Jetzterfahrung mit ungeahnten Möglichkeiten und gewollten Risiken. Während Science-Fiction-Fans schon lange wissen, dass die Mega-Stadt der Zukunft aus einem bewachten Luxusraum der Superreichen und den endlos wuchernden Slums besteht, bevölkert von untoten Restmenschen, den Zobies. Dass das Theater heute anders aussieht als vor 10, 20, 50 oder 100 Jahren, verwundert hingegen noch immer viele. Dass es anders aussehen könnte und oft müsste, hat seine Begründung in der Veränderung unserer Erfahrungen von Großstadt.


2) System und Umwelt
Theaterleute sind immer gefährdet, dass sie nur im Theater etwas sehen und nur vom Theater etwas verstehen. Die „Welt“ da draußen – die eine Welt der Vermittlung und der Bilder ist – dringt nicht immer bis in das System Theater. Die Welt „da draußen“ – eine Welt der harten sozialen Realitäten und scheiternden Biographien mit einer neuen existenziellen Erfahrung: Freiheit macht arm – dringt nicht von selbst auf die Bühne. Das Theater ist im Augenblick vielleicht wie nie auf die Ressourcen der Umwelt angewiesen. Angewiesen auf Fachleute, auf Soziologen, bildende Künstler, Designer, Filmemacher und Werber, auf Kreative, auch auf Spezialisten des Alltags. Man kann dabei die Vielfalt von Meinungen, Haltungen, Blicken zum einen aushalten (was bisweilen schwer genug ist), man profitiert zum anderen tatsächlich von ihr. „Diversität lässt auf Wohlstand schließen“, heißt es lapidar in der Soziologie. Man könnte die Vielfalt eines Stadttheaters auch mit Walt Whitman besingen: „I am large, I contain multitudes.“.


3) Kunst
Theater – die Oper, das Schauspiel, der Tanz – ist dabei mehr alsle ein Kommunikationsort, es ist ein Ort der Kunst. Zu den großen Stoffen der Theaterliteratur wie der Operngeschichte gehört eine Empfindlichkeit für die tragische Situation des Einzelnen jenseits von ideologischen Lösungen. Pathos und Klage, Trauer und Emphase, Amok und Depression sind ein Einspruch gegen die politische und soziale Realität, sie markieren dabei aber auch die schmerzhafte Grenze der politischen Aufklärung. Selbstverständlich ist das Theater aber auch ein Ort der Unterhaltung, des Spiels, des Lachens, der Schönheit und des Unsinns – eine Gegenwelt zu der durchgetakteten Welt der Effizienz, die alles und alle durchdringt.


4) Risiko
Banken handeln immer mit den Risiken von Zahlungsversprechen. Womit handeln Theater? Theater, sagt der Soziologe Dirk Baecker, handeln mit dem Risiko von Darstellungen. Das heißt, Darstellungen von Situationen und Vorgängen können scheitern und sie können glücken. Es geht beim Theatermachen um das Risiko der Darstellung von Risiken, die mit jedem sozialen Handeln einhergehen. Im Theater kann man sehen lernen, wie Schauspieler als Figuren Darstellungen auf dem Leim gehen, die sie als Schauspieler immer auch durchschauen. Sie sind handelnde und sich selbst beobachtende Teilnehmer eines kommunikativen Vorgang – und damit ein Modell für Agierende in sozialen Kontexten. Auch ewin Modell für Kreative in gestalterischen Prozessen und ökonomischen Auftragssituationen. Wir sind alle Beobachter zweiter Ordnung geworden.


5) Sickster und Hipster
Die Gesellschaft der Negativität weicht einer Gesellschaft, die von einem Übermaß an Positivität beherrscht ist, sagt der Philosoph Han in seinem Essay „Die Müdigkeitsgesellschaft“. Han nennt es das neuronale Zeitalter, weil es unsere Nerven überfordert. Wir setzen uns selbst unter Druck, müssen alles können, dürfen nichts verpassen. Wir betreiben eine Selbstausbeutung, führen Krieg mit uns selbst. Die pathologische Landschaft der heutigen Gesellschaft heißt Depression, Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, Borderline oder Burnout. Die Rückseite ist eine „Positivität des Könnens“, durch welche der Mensch sich selbst optimiert, selbst designt, selbst sein Projekt erfindet, sein Ding macht – und dabei und darüber krank wird. Ulrich Beck sagt: „Ich bin verantwortlich für die Suppe, die ich mir selbst eingebrockt habe.“ Hans Rezept gegen diese Erschöpfung heißt Verweigerung. „Nein“ sagen, als Barthlebys berühmten Satz benutzen: „Ich möchte lieber nicht“, „I would prefer not to“. Und wir spielen Sickster nach dem Roman von Thomas Melle. Woyzeck mit der Musik von Tom Waits und natürlich Hamlet: the time is out of joint.


6) Der Loop
Es gibt kein Weiter mehr. Kein geschichtsphilosophisches Versprechen. Kein Rauskommen aus der kleinen Stadt, keinen Bildungsaufstieg. Kein erstes Mal. Die Reaktionen auf den Loop als Lebensgefühl sind Regression und Selbstreflexion. Ein Ausweg aus dem Loop könnte die Erkenntnis sein, dass es andere Menschen  gibt, die eine andere Perspektive haben. „Unbedingt wissen wollen, wie man selbst funktioniert, ist tendenziell rechts, unbedingt wissen wollen, was der andere sieht, tendenziell links.“ – sagt Diedrich Diederichsen. Und das Theater ist der Ort, an dem man gemeinsam etwas sieht und gemeinsam erfährt, wie unterschiedlich jede und jeder etwas anderes sieht.


7) Theater Bremen
Theater rechnet sich nicht. Kunst rechnet sich nicht. Allenfalls rechnet Kunst damit, dass sie scheitern kann. Das ist in einer Welt, in der alles sich rechnet und nichts scheitern darf, ein Einspruch und mehr als ein Wunschdenken. Und natürlich muss man, wenn man Theater macht, um jeden Cent kämpfen und mit jedem Cent rechnen. Die andere Behauptung ist die, dass das Theater einer der wenigen verbliebenen öffentlichen Orte gesellschaftlicher Auseinandersetzung und Selbstvergewisserung ist. Man kann es auch anders formulieren: das Theater ist ein Indikator, ob eine Gesellschaft, ob eine Stadt überhaupt ein Interesse hat, über sich selbst etwas zu erfahren. Deutungshoheiten hat das Theater dabei keine mehr. Um als Theater auf der Höhe der Zeit zu sein, muss das Theater Bremen jetzt auf vieles hören, muss vieles und unterschiedliches zur Kenntnis nehmen und nicht nur das, was im Theater passiert. Dass „etwas“ nicht stimmt, merkt nur, wer vieles durch sich durchfließen lässt.

m.b. / 14.06.12

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